
Auf der Suche nach seiner Gefährtin Helen und ihrem Mörder geriet Kenrik Karner in die Fänge eines teuflischen Arztes, der in einer abgelegenen Privatklinik unmenschliche Experimente durchführte. Und diese beschränkten sich keineswegs nur auf die Lebenden…
Am Ende seiner Kräfte sah sich der schwer verletzte junge Mann von tödlichen Gefahren und unaussprechlichen Gräueltaten umringt. Währenddessen schmiedeten die Gebieter über unheimliche Mächte einen finsteren Pakt, dem nicht nur Kenrik und eine junge Frau namens Vela zum Opfer fallen sollten, sondern auch das gesamte Land…
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Leseprobe
Helen Kerwin bewegte sich. Ihre weit geöffneten Augen blickten suchend umher. Es war nicht das leblose Starren einer Toten. Doch ihre Haut war leichenblass.
Die Hände der jungen Frau strichen über den steinernen Block, der einem Altar glich, und hoben sich langsam. Ihre Beine glitten herunter. Sie stand auf und ging mit glänzenden Augen auf irgendetwas zu, die Arme vorgestreckt.
In diesem Moment wusste Kenrik Karner plötzlich, wo er nach seiner Verlobten suchen musste.
Die Vision verflüchtigte sich vor Kenriks geistigem Auge, so dass nur noch die Schwärze seines vorübergehend erloschenen Sehvermögens zurückblieb.
Die Schmerzen in der linken Hand, die seine Visionen bisher stets begleitet hatten, waren weit weniger stark gewesen als vorher. Wo sich das magische Amulett des Totenbeschwörers eingebrannt hatte, befand sich eine inzwischen fast verheilte Wunde. Die uralten Schriftzeichen waren allerdings immer noch zu erkennen.
Die Bilder in Kenriks Kopf hingegen waren klarer gewesen als je zuvor. Und er hatte den Ort wiedererkannt, an dem Helen sich in diesem Moment befinden musste.
Wychford Abbey.
Als Kind hatte Kenrik sich dort gelegentlich mit ein paar Schulkameraden herumgetrieben. Sie hatten die Ruine des einstigen Klosters erkundet und waren dabei auch bis in die alten Kellergewölbe vorgedrungen.
Und nun war ihm unvermittelt klargeworden, woher er diesen seltsam geformten Steinblock kannte.
Langsam zogen sich die schwarzen Schleier zurück. Kenrik konnte wieder die geräumige Stube von Karner House erkennen, des altehrwürdigen Anwesens, welches er von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte.
Auf dem Kaminsims stand ein Bild von Helen, auf das sein Blick sich jetzt richtete. Ihr warmherziges Lächeln ließ ihn an den Tag zurückdenken, als die Aufnahme entstanden war. Noch am gleichen Abend hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sie hatte ›ja‹ gesagt, bevor er seine aufgeregte Frage überhaupt hatte beenden können.
Doch nun war Helen tot. Stanley Morcant hatte sie auf dem Gewissen. Und er hatte sich nicht damit zufrieden gegeben, ihr Leben einfach nur zu beenden…
Mit einem Ruck erhob sich der schlanke, blonde Mann aus dem antiken Sessel, schritt auf den Kamin zu und nahm den uralten Bronzedolch von der Wand, der dort in einer Halterung geruht hatte.
Kenriks Hand schloss sich fest um den Griff der Waffe.James Henry Milfort hatte seltsame Geräusche aus der Eingangshalle von Karner House gehört und war auf der Treppe erschienen, um sich zu erkundigen, ob sein neuer Dienstherr zu dieser späten Stunde noch etwas benötigte. Er konnte auch eine gewisse Neugier nicht verleugnen, welche allerdings von der durchaus nicht unbegründeten Sorge um den impulsiven jungen Mann überschattet wurde, der seiner Ansicht nach die unglückliche Neigung besaß, sich blindlings in Schwierigkeiten zu stürzen.
Der vornehme, ältere Herr war lange Zeit bei der einflussreichen Familie Osbury beschäftigt gewesen, bis die bedauernswerte Miss Elanor ihr Leben durch Stanley Morcants grausame Taten verloren hatte. Doch nun hatte Milfort Quartier im Obergeschoss von Karner House bezogen und kümmerte sich auf Anraten der verschwundenen Miss Helen um deren Verlobten.
Als Milfort Kenrik Karner erblickte, hielt er bestürzt inne und versuchte, die Fassung zu wahren. Sein junger Herr stand schwer atmend in der Halle und sah sich wild um. In der rechten Hand hielt er einen mit uralten Schriftzeichen verzierten Bronzedolch, der über dem Kamin in der Stube gehangen hatte.
»Sir, kann ich etwas für Sie-«
»Milfort!«
Geradezu schuldbewusst ließ der blonde Mann die noch in der Lederscheide steckende Waffe sinken und straffte sich.
»Es ist alles in Ordnung. Gehen Sie wieder schlafen.«
Milfort rührte sich nicht von der Stelle. Er war bemüht, diese Regungslosigkeit auch auf seine Gesichtszüge zu übertragen.
»Sir. Dürfte ich mir die Bemerkung erlauben, dass Sie spät Abends mit einem antiken Mordwerkzeug in der Hand inmitten der Eingangshalle verharren?« Er hob eine Augenbraue.
Die Art des jungen Mr. Karner schien allmählich auf ihn abzufärben, wie Milfort nicht ohne Besorgnis feststellte.
»Ich muss Helen finden. Ich weiß jetzt, wo sie ist.« Aufgeregt machte der Herr von Karner House zwei Schritte auf die Eingangstür zu.
Milfort räusperte sich.
»Und die Waffe, Sir?«
»Morcant ist bei ihr. Seine Kreaturen werden durch die Waffe vernichtet.« Der Blick des jungen Herren war eindringlich auf Milfort gerichtet.
Der Diener hatte vom ersten Moment an nicht daran gezweifelt, dass Kenrik Karner unschuldig an Elanor Osburys Tod sowie den schrecklichen Ereignissen auf Osbury Hall, dem verfallenen Haus am Totenmoor, gewesen war.
Stanley Morcant hingegen, der sich als Geliebter der arglosen Miss Elanor ausgegeben hatte, war ihm stets suspekt gewesen.
Doch Milfort fand auch, dass sein junger Dienstherr ihn zuweilen nicht mit dem nötigen Engagement von seiner grundlegenden geistigen Gesundheit zu überzeugen suchte.
»Sehr wohl, Sir. Und wie haben Sie Kenntnis über den jetzigen Aufenthaltsort von Miss Helen erlangt, wenn ich mich danach erkundigen dürfte?«
Kenrik Karner seufzte. »Das kann ich Ihnen unmöglich erklären, Milfort. Es würde vollkommen abwegig klingen.«
Ein Zucken schien in Milforts Mundwinkeln stattfinden zu wollen, wie er zwecks späterer Betrachtungen zur Kenntnis nahm.
»Wenn es mir erlaubt ist, Sir, würde ich gleichwohl vorschlagen, diese Nacht noch verstreichen zu lassen und erst am morgigen Tag mit kühlem Kopf an die Sache heranzugehen.«
Die Augen des jüngeren Mannes blitzten auf. Doch dann entspannte er sich plötzlich und sah Milfort freundschaftlich an.
»Vielleicht haben Sie Recht. Ich sollte noch eine Nacht darüber schlafen.«
»Ich würde dringend dazu raten, Sir«, nickte der Hausdiener. »Und morgen früh werde ich Ihnen ganz zur Verfügung stehen, wenn es daran geht, gemeinsam Miss Helen zu retten.«
»Danke, Milfort«, sagte Kenrik Karner offenbar erstaunt.
»Wohin werden wir uns begeben müssen, Sir?«
»Nach Wychford.« Der blonde Mann hielt kurz inne. »Aber darüber können wir morgen in Ruhe reden. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.« Er wandte sich um und ging in Richtung Stube zurück.
»Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nachtruhe, Sir«, sagte Milfort und stieg wieder die Treppenstufen ins Obergeschoss hinauf.
Dabei konnte er sich allerdings eines beunruhigenden Gefühls nicht erwehren, und die Sorge um seinen jungen Dienstherren hielt ihn später noch lange wach.
Taschenbuch Nr. 2 aus der Reihe: Kenrik Karner – Seher des Grauens
Autor: Perry Clifton
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Als „nicht-unbedingt-Zielgruppe“ kann ich sagen, dass man hier einerseits als Grusel-Fan
auf seine Kosten kommt, sich andererseits aber auch an der durchaus vorhandenen
Story entlanghangeln kann. Die unvermeidlichen Elemente sind kein effekthascherischer
Selbstzweck, sondern notwendige Hindernisse, die den Helden glänzen lassen. 🙂
An die „nicht-unbedingt-Zielgruppe“ geht natürlich ein besonderer Dank für’s Lesen 😁
Ja, die Hintergrundstory des „Kenrik-Universums“ nimmt immer mehr Fahrt auf.
Und die etwas härteren Stellen dienen der Handlung, so soll es sein.
Wobei Kenrik ja eigentlich mehr ein Anti-Held ist 🤫
Die Geschichte ist ein flott erzähltes Actionfeuerwerk mit Kenrik als Solo-Protagonisten. Ich mag ja visuelle Szenen, die einen Film darstellen; Kenriks Erkundung im Sanatorium war so eine.
Kenrik ist sarkastisch, klopft Sprüche in Gefahrsituationen, und ist impulsiv. Aber (noch?) hält seine Selbstkontrolle. Milfort aber finde ich sympathischer.
Die Idee mit dem Zauberspruch, der sich nicht merken oder aufschreiben lässt, gefällt mir. Machen wir’s dem Helden nicht zu einfach.
Was genau Stills Experimente nun sind, bleibt für mich offen. Sein Ziel aber ist klar: Weltherrschaft, auch über Morcants Kopf hinweg. Ich denke, da wird der Totenkultanhänger was dagegen haben.
Insgesamt war es unterhaltsam, aber ein wenig zu ekelmonsterlastig für meinen Geschmack.
Welches Unwesen aber treibt Helen als Untote? Was hat Morcant mit ihr vor? Im Moment ist Helen ja quasi „auf Halde“ verwiedergängert worden.
Danke für’s Lesen! 😀
Ja, ich mag Milfort auch *g*
Die Natur der Experimente wurde imho deutlich – auch aus diesem Grund habe ich von weiteren Experimentbeschreibungen abgesehen 😜
Und ja, die Frage nach Helen wird Kenrik weiter beschäftigen…
Mal gucken, ob Kenrik 3 ohne Ekelmonster auskommen wird… vielleicht… 😇
Super, gleich der zweite Teil. Ich freue mich schon auf die Hörspielversionen. Bis dahin bin ich hoffentlich auch wieder fit – vielleicht ergibt sich ja dann sogar eine kleine, wiederkehrende Rolle für mich. 🤭
Ui, Hörspiele dazu machen… da bräuchte ich erstmal eine große Zahl engagierter Freiwilliger als Sprecher 😏
Ganz zu schweigen davon, Musik dafür zu basteln…
Aber cool wär’s schon 😎
Und eine Sprechrolle für dich (oder als Erzähler?) wird sich immer finden 👍
Derweil schreib ich an Teil 3…