
Eine Reihe grausamer Taten schockiert die Menschen in Boscos Heimatdorf: Wer ist der Pferderipper? Warum schleicht er nachts durch die Gegend und verletzt die Tiere schwer? Anjas Freundinnen Silke und Emilia müssen um ihre Pferde fürchten, denn der Unbekannte schlägt immer häufiger zu und sein Vorgehen wird jedes Mal drastischer… Bosco will den Täter aufspüren und zur Verantwortung ziehen. Die Schimmelstute Signora könnte das nächste Ziel sein. Doch bei ihrer Besitzerin handelt es sich um Stefania, mit der Bosco noch eine Rechnung offen hat. Und damit ist er nicht allein…
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Leseprobe
»Als nächste Teilnehmerin tritt an: Silke Hemmer mit Oriana!«
Die Stimme kam verzerrt aus dem Lautsprecher und lenkte die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den Parcours. Ungefähr dreihundert Leute waren an diesem Nachmittag zusammengekommen, um sich das Reitturnier anzusehen.
Ein großes Mädchen mit braunem Haar hatte sich und ihr Pferd in Position gebracht. Konzentriert blickte sie auf die Strecke mit den zu überspringenden Hindernissen.
»Da ist Silke!«, sagte ich unnötigerweise. Es war mein Versuch, zumindest ein bisschen Begeisterung auszustrahlen, um Anja nicht das Ereignis zu verderben. Zwar hatte ich mich nie besonders für Pferde interessiert, war aber gerne bereit gewesen, mit meiner Freundin zusammen das Turnier zu besuchen und ihre Bekannte anzufeuern.
Viel zu spät allerdings war mir klargeworden, dass auch noch jemand anderes an diesem Tag hier sein würde.
»Ja«, erwiderte Anja aufgeregt. »Hoffentlich gewinnt sie.«
Silkes Pferd setzte sich in Bewegung und sprang über das erste Hindernis. Für mich sah es sehr elegant aus, aber ich hatte keine Ahnung, worauf bei der Bewertung geachtet wurde.
»Klasse!«, sagte ich, und Anja lächelte mir zu.
Zumindest konnte ich mir absolut sicher sein, dass sie ebenfalls nicht daran gedacht hatte, auf wen ich hier vermutlich treffen würde. Seitdem wir zusammen waren, hatte ich Anja nämlich die ganze Geschichte mit Stefania Marino erzählt. Und sie hatte darauf nicht mit spitzen Bemerkungen oder gar Eifersucht reagiert, ganz entgegen unserer früheren Neckereien. Stattdessen hatte sie mir zugehört und war für mich da gewesen.
Das alles lag jedoch schon einige Monate zurück, und in der Zwischenzeit hatten wir gemeinsam so viele schöne Erlebnisse gehabt, dass wir beide diese üble Geschichte vollkommen vergessen hatten.
Silke beendete den Parcours unter dem Applaus der Zuschauer.
»Sie hat gute Chancen, oder?«, fragte ich Anja.
Ein älterer Herr mit grauem Schnurrbart drehte sich zu uns um.
»Ja, sie war sehr gut. Ihr kennt sie wohl, wie?«
»Silke ist eine Freundin von mir«, antwortete Anja höflich.
»Wirklich sehr toll gemacht. Und ein schönes Pferd hat sie auch.«
Der alte Mann begann eine freundliche und zwanglose Unterhaltung mit uns, die ich aber nur halb verfolgte.
Ich hatte Stefania entdeckt.
Sie näherte sich dem Parcours auf ihrem weißen Pferd. Ihre Haltung war kerzengerade, und sie wirkte so majestätisch wie immer. Ihr schwarzes Haar unter dem Reithelm, der südländische Hautton, die ebenmäßigen Gesichtszüge… Ich musste zugeben, dass ich sie immer noch attraktiv fand.
Aber dann erinnerte ich mich wieder an das, was sie getan hatte. Es war, als hätte jemand schwarze Tinte hinter meinen Augäpfeln vergossen, die sich nun langsam ausbreitete.
»Und als Nächste: Stefania Marino mit Signora!«, scholl es über den Platz.
Anjas Kopf fuhr erschrocken herum. Sie blickte zuerst in Stefanias Richtung, dann zu mir und wollte etwas sagen. Ich machte eine beruhigende Handbewegung und lächelte knapp. Dabei hoffte ich, dass ich nicht nach außen so wirkte, wie ich mich innerlich gerade fühlte.
Doch Anja konnte ich ohnehin nichts vormachen.
Sie nahm meine Hand, und ich fühlte mich gleich besser.
Stefania ließ ihr Pferd in perfekter Positur über die Hindernisse gleiten. Die Zuschauer applaudierten begeistert. Sie beendete den Parcours, und der Beifall hielt länger an, als bei allen vorherigen Teilnehmerinnen.
»Großartig!«, schwärmte der Herr mit dem Schnurrbart.
»Sie wird wieder gewinnen«, meinte eine Frau neben uns.
»Das ist die Tochter vom Immobilienmakler Marino«, murmelte jemand hinter mir.
»Die gewinnt doch jedes Mal.«
»Hat sie ja auch verdient. Ganz wunderbar.«
Meine Beine setzten sich automatisch in Bewegung. Anja folgte mir. Ein Stück von dem großen Turnierplatz am Waldrand entfernt hielt ich wieder an. Wir standen nun am Eingang des Restaurants, welches gegenüber der Reithalle lag. Anja und ich sahen uns an. Es waren keine Worte notwendig.
Die Tür des Restaurants öffnete sich, und einige Leute kamen heraus. Unter ihnen waren eine vornehm gekleidete ältere Frau mit selbstbewussten Gesichtszügen sowie ein schlaksiger Jugendlicher mit dunkelbraunen Haaren. Die Gruppe ging, in eine Unterhaltung vertieft, an uns vorbei.
Die Frau schien nicht nur mit ihren Begleitern zu sprechen, sondern auch mit der gesamten Umgebung. Sie unterstrich ihre Aussagen mit nachdrücklichen Gesten und erhielt Antworten in professionellem Geschäftston. Ein wenig erinnerte mich das Ganze an eine Live-Übertragung in den Nachrichten. Nur die Kameras fehlten.
»Ist das nicht die Windfeldt?«, flüsterte ich Anja zu.
»Ja, unsere Bürgermeisterin. Und der da ist ihr Sohn, glaube ich.«
Sie deutete auf den großen Dunkelhaarigen, der sich bescheiden aus der Unterhaltung heraushielt und dicht neben seiner Mutter blieb. Trotz seiner Größe schaffte er es irgendwie, kaum aufzufallen. Aber seine Augen strahlten eine Art verhaltener Belustigung aus, so dass man ihn unwillkürlich immer wieder anschaute, um den Grund dafür herauszufinden. Er sah gut aus und trug ebenfalls teure Sachen.
»Komm, lass uns zu Silke gehen«, sagte ich an Anja gewandt. Sie nickte zustimmend, und wir kehrten zum Platz zurück.Kurz darauf unterhielten wir uns mit Silke, die mittlerweile ihr Pferd versorgt hatte und sich mit uns die letzten Teilnehmerinnen ansah.
»Sehr schön«, lobte Anja gerade einen gelungenen Sprung. »Aber du warst besser, Silke.«
»Das stimmt«, antwortete das große Mädchen sachlich. »Aber Stefania wird gewinnen. Sie macht nie irgendwelche Fehler.«
Anja schnaubte verächtlich.
»Diese arrogante Ziege soll doch-«
»Na na« murmelte irgendjemand hinter uns.
Ich hüstelte demonstrativ.
»Das wäre aber schade, Silke. Ich habe zwar nicht viel Ahnung davon, aber ich finde, du warst echt gut.«
»Danke, Bosco. Aber das reicht wohl nicht.«
»Nimmt Emilia eigentlich auch teil?«, fragte Anja. »Ich habe sie noch gar nicht gesehen.«
»Nein«, meinte Silke mit bedauerndem Unterton. »Sie sollte eigentlich antreten, aber ihr Pferd wurde schwer verletzt.«
»Was ist denn passiert?«, wollte ich wissen.
»Ich habe nur kurz mit ihr telefoniert. Anscheinend hat jemand dem Pferd mit einem Messer die Hinterbeine aufgeschlitzt. Die Verletzungen waren so schwer, dass es wahrscheinlich nie wieder an einem Turnier teilnehmen wird.«
»Das kann doch nicht wahr sein!«, entfuhr es Anja.
»Jemand hat ihr Pferd absichtlich so zugerichtet? Auf der Weide?«
»Ich weiß es nicht, Bosco. Das ist alles, was sie mir erzählt hat. Sie war total durch den Wind. Und dann musste ich auch schon los zum Turnier.«
»Und diese Emilia… hatte sie gute Chancen zu gewinnen?« In meinem Hinterkopf regte sich ein Verdacht.
»Durchaus. Sie war mit ihrer Jandra jedenfalls besser als ich.«
Anja schien meinen Gedankengang intuitiv nachvollzogen zu haben. »Wollen wir sie mal besuchen gehen? Sie fühlt sich bestimmt gerade schrecklich, und wir könnten sie ein bisschen aufmuntern.«
»Das ist eine gute Idee«, stimmte Silke zu. »Ich gehe rüber zur Halle und rufe sie nochmal an.«
Silke ging los und Anja begleitete sie ein Stück, um ihr noch etwas zu sagen.
»Ciao, Bosco.«
Schon am Ton von Stefanias Stimme erkannte ich, dass ihre Augen wieder dieses eindringliche Funkeln aufweisen würden, und als ich mich zu ihr umdrehte, bestätigte sich meine Vermutung. Aber ich sagte nichts, während sie mich erwartungsvoll und herablassend ansah.
»Wolltest du mir mal wieder beim Reiten zusehen?«, fragte sie spöttisch.
Mir fiel in diesem Moment keine schlagfertige Entgegnung ein, und so bestand meine Antwort lediglich aus einem Kopfschütteln.
Auf einmal war die alte Wut wieder da, und ich wollte doch noch etwas hinzufügen. Aber da kam Anja zurück, legte mir ihre Hand auf die Schulter und küsste mich auf die Wange.
Stefania sah uns amüsiert zu und lachte dann unverhohlen auf.
»Ist das deine neue Freundin?«
»Allerdings«, sagte Anja.
Ein breites Grinsen trat auf Stefanias Gesicht, und sie schlug in gespielter Demut die Augen nieder.
»Ich verstehe, Bosco. Du machst dir wohl nichts mehr aus mir. Dabei warst du so leidenschaftlich… und so verliebt… Es tut mir wirklich leid für dich. Es hätte so schön mit uns werden können. Wenn du dich nur nicht so dumm angestellt hättest…«
Ich war fassungslos. Sie tat einfach so, als hätte es ihre Verwicklung in die kriminellen Machenschaften von Christoph und Nico nie gegeben. Ihren Plan, mich als nützlichen Idioten vor den Karren zu spannen. Ihre offensichtlichen Lügen und Manipulationen.
Es war zu viel auf einmal. Ich konnte nur explodieren oder mich vollständig zurückhalten und wählte das zweite.
Aber dann sah ich in Anjas Gesicht und erkannte, dass Stefanias Bemerkungen sie getroffen hatten.
»So dumm wie Christoph meinst du wohl«, knurrte ich. »Glaubst du, dass er im Gefängnis ein Bild von dir an der Wand hängen hat? Aber vielleicht kann Florian Meiberg ihm ja eins leihen.«
Stefania runzelte die Stirn, lächelte dann aber selbstgefällig in sich hinein.
»Es ist schade, dass du mit ein wenig Konkurrenz nicht umzugehen verstehst«, sagte sie in gespielter Enttäuschung und wandte sich ab. »Aber darüber brauchst du dir ja jetzt keine Gedanken mehr zu machen«, fügte sie mit einem abschätzigen Blick auf Anja hinzu. Dann schritt sie leise kichernd davon.
Anjas Hand lag auf meinem Unterarm. Ihr Griff wurde auf einmal so fest, dass es weh tat. Ich legte meine Hand sanft auf die ihre, und sie entspannte sich etwas.
Aus dem Lautsprecher ertönte die Ansage: »Sehr geehrte Damen und Herren, die Gewinnerin des heutigen Turniers wird nun bekannt gegeben. Wir gratulieren, wie auch im letzten Jahr, Stefania Marino!«Nachdem wir Silke gratuliert hatten, die den zweiten Platz belegte, verabredeten wir, Emilia am nächsten Nachmittag alle gemeinsam zu besuchen. Zum einen wollten wir sie aufmuntern, zum anderen hatte ich das Gefühl, dass hinter der Sache womöglich etwas steckte, dem ich auf den Grund gehen musste.
Als wir schließlich gehen wollten, bemerkte ich, dass Anja konzentriert über meine Schulter sah und wandte mich um.
Am anderen Ende des Platzes standen Stefania und der Sohn von Frau Windfeldt beieinander. Sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Stefania lächelte immer wieder und fuhr sich mit der Hand durch ihr langes, schwarzes Haar. Der junge Mann blickte sie intensiv an, aber seine Haltung wirkte lässig dabei.
»Da haben wir ja schon das nächste Opfer.« Es sollte sarkastisch klingen, aber ich konnte den Unterton von Bitterkeit nicht aus meiner Stimme heraushalten.
Anja schnaubte. »Der Sohn der Bürgermeisterin. Klar. Passt ja bestens.«
Silke blickte verwundert zu ihnen herüber.
»Was ist denn mit den beiden? Oh! Die sehen ja richtig verschossen aus. Ob Hansi weiß, auf wen er sich da einlässt?«
»Hansi?«, fragte ich verwundert.
»Klar, Johannes Windfeldt. Der ist ab und zu mal hier.«
»Interessanter Spitzname«, meinte Anja. »Lässt er sich wirklich so anreden?«
»Sicher. Der ist eigentlich ganz nett. Auch wenn seine Mutter sich wohl für was Besseres hält.«
»Vielleicht sollte ich ihn warnen«, überlegte ich laut.
»Wieso warnen?«, fragte Silke. »Stefania ist zwar ganz schön hochmütig, aber-«
»Eine lange Geschichte«, sagte Anja. Dann wandte sie sich mir zu. »Du kannst aber nicht jeden bewachen, der vielleicht auf Stefania hereinfallen könnte, Bosco. Ein bisschen Verantwortung muss schon jeder für sich selbst übernehmen.«
»Ich könnte ihm zumindest einen Tipp geben«, sagte ich unwillig.
»Ja, falls er das hören will«, entgegnete sie, was mich ein wenig ärgerte.
»Die beiden verschwinden gerade zusammen«, verkündete Silke. »Heute wird das wohl nichts mehr, Bosco.«
Ich seufzte.
»Na gut. Ihr habt wahrscheinlich Recht. Aber vielleicht läuft er mir ja mal zufällig über den Weg. Komm, Anja. Lass uns nach Hause fahren.«
Wir verabschiedeten uns von Silke und gingen zu unseren Rädern zurück.
Aus der Buchreihe: Boscos Detektivberichte (Buch 2)
Autor: Perry Clifton
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