


Das Experimentierfieber hat Charlotte gepackt. Was stellt das blaue Oval nun genau dar? Objekte verschwinden nicht nur darin, sondern kommen auch wieder zurück. Aber die Arbeit an dieser Frage muss warten, als Charlotte einen neuen Auftrag annimmt. Doch nicht alle Beteiligten verfügen über den gleichen Wissensstand, und so wandelt sich, was als seltsames, aber harmloses Unterfangen beginnt, schnell in ein gefährliches Spiel, in dem Charlotte Skrupel hat, all ihre Fähigkeiten einzusetzen.
| Gesamtlänge: 14.200 Wörter von marcm200 |
![]() |
![]() |
Ein langgezogenes Hupen dröhnte, dann folgte ein dumpfer Knall, als eine Stoßstange auf den Wagen des Vordermannes prallte. Autotüren wurden aufgestoßen, und die beiden Fahrer sprangen heraus. Wütend und wild gestikulierend redeten sie lautstark aufeinander ein.
Die Privatdetektivin Annabelle Rivers blickte sich nur kurz nach dem Auffahrunfall um, schritt dann aber zügig weiter das Trottoir hinunter, bis sie den breiten Glaseingang des Kaufhauses Winners erreichte. Rasch durchquerte sie die Luftschleuse in den klimatisierten Innenraum hinein. Das Kaufhaus war an diesem frühen Nachmittag im Sommer gut besucht. Unzählige Menschen wuselten umher oder standen an den Auslagen der Parfüm- und Schmuckabteilung, die sich direkt im Eingangsbereich befanden. Lautsprecherdurchsagen mit Werbebotschaften, die durch einen schrillen Gong angekündigt wurden, erklangen in kurzen Abständen zueinander.
Annabelle, die diese Filiale nie zuvor besucht hatte, orientierte sich kurz und schlug dann den Weg zu den Rolltreppen ein, wo die Informationstafeln standen. Rasch fand sie ihr Ziel, fuhr hinauf in den zweiten Stock und suchte die Abteilung für Damenoberbekleidung auf.
Hier herrschte weniger Betrieb, wenn auch einige Kundinnen vor diversen Drehständern und Kleiderbergen standen, und das ein oder andere Textil prüfend begutachteten. Zwei Verkäuferinnen waren mit Beratung beschäftigt, und ein paar Frauen schwatzten miteinander.
Annabelle steuerte einen Ständer mit langärmeligen Blusen an, drehte ihn ein Stück und griff nach einer blassblauen und einer tiefschwarzen Bluse. Dabei behielt sie, scheinbar ganz mit den angebotenen Kleidungsstücken beschäftigt, ihre Umgebung unauffällig im Blick. Als Nächstes trat sie an die Fächerwand und nahm noch einen grauen Pullover mit Rollkragen heraus. Nach einem Blick auf die Armbanduhr setzte sie ihren Einkaufsbummel noch ein wenig fort, fand jedoch nichts, das ihr Interesse weckte. Schließlich suchte sie die Umkleiden auf, die sich in der hinteren Ecke des Gebäudes, kurz vor der Tür zum Treppenhaus, befanden.
Annabelle betrat die zweite Kabine, zog den dunkelroten Vorhang ratschend hinter sich zu und legte die ausgewählten Kleidungsstücke auf den kleinen Hocker, der unter dem Spiegel stand. Sie machte keinerlei Anstalten, Blusen oder Pullover anprobieren zu wollen. Dann aber, nach einem erneuten Blick zur Armbanduhr, begann sie, leise einen bekannten Hit zu pfeifen, während ihre Sinne nach außen gerichtet waren.
Annabelle musste nicht lange auf ihre Verabredung warten.
Eine Minute später hörte die Privatdetektivin, wie jemand leise ihren Namen rief, woraufhin Annabelle als Erkennungszeichen einen anderen Schlager anstimmte und den Vorhang eine Handbreit öffnete. Sofort schob sich eine Frau Ende zwanzig mit kurzen, roten Haaren, die ein sehr weit geschnittenes, bodenlanges Kleid trug, in die Kabine und schloss den Vorhang wieder.
Die Frau war ein wenig außer Atem und wirkte angespannt. Sie reichte Annabelle bis zur Stirn und war sehr dünn, fast schon dürr. Ihre Wangenknochen traten stark hervor. „Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie leise, während sie langsam entspannte.
„Hallo, Dorothy“, grüßte Annabelle ihre drei Jahre ältere Schwester. „Nach einem Jahr Funkstille hatte ich nicht mehr damit gerechnet, dass wir uns noch einmal sprechen würden, geschweige denn sehen. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum du den Kontakt abgebrochen hast.“
Dorothy ging nicht weiter auf die Frage ein. „Später. Ich habe nicht viel Zeit. Es hat …“ Sie verstummte, als draußen im Gang vor den Umkleidekabinen dumpfe Schritte erklangen. Dann wurde ein Vorhang am Ende des Korridors zur Seite gezogen. Dorothy wurde bleich, und ihr Atem ging hektisch. Sie brachte ihren Mund ganz nahe an Annabelles Ohr, woraufhin die Privatdetektivin etwas sagen wollte. Doch Dorothy legte ihr einen Finger auf die Lippen und sprach so leise weiter, dass Annabelle Mühe hatte, die Worte zu verstehen.
„Es hat lange gedauert, bis ich sicher sein konnte, dass mir niemand gefolgt ist.“ Sie zog in einer bedächtigen Bewegung, um nur ja kein weit hörbares Geräusch zu verursachen, den Reißverschluss der kleinen, schwarzen Umhängetasche auf. Sie nahm einen Briefumschlag heraus. „Bitte, Schwester, lies dir das hier durch, wenn ich weg bin. Ich brauche deine Hilfe. Wir treffen uns morgen um die gleiche Zeit wieder hier. Dann kann ich länger bleiben und erkläre alles.“ Flehend schaute sie Annabelle an, als sie ihr den Umschlag hinhielt.
Das Gesicht der Privatdetektivin zeigte Unverständnis, als sie den Briefumschlag an sich nahm. Dorothy verließ wortlos die Umkleidekabine, wieder angespannt bis in die Haarspitzen.
Das ganze Treffen hatte weniger als fünf Minuten gedauert.
Annabelle hatte am Vortag völlig überraschend nach langer Zeit einen Anruf ihrer Schwester erhalten, welche dieses ungewöhnliche Treffen vorgeschlagen hatte. Den Grund für die Heimlichtuerei hatte Dorothy nicht genannt.
Mit dem Fingernagel schlitzte Annabelle den dünnen Umschlag auf und zog den Inhalt heraus: ein zusammengefaltetes Blatt Papier sowie zwei Photos. Sie las die eng geschriebenen Zeilen, die unsauber wirkten, ganz so, als wären sie in großer Hast niedergeschrieben worden.
Mit jedem Wort wurde Annabelles Gesicht härter.
Nun verstand sie.
So ungewöhnlich das auch war, um das Dorothy sie bat, sie würde es tun. Das stand völlig außer Frage.
| Gesamte Geschichte: | ![]() |
![]() |
Zum Diskussionsthread im Bandenboard

