Ihre Stimme hallte von den Wänden wider – und hatte jede Spur von Freundlichkeit verloren, welche sie eben noch, keine zwei Minuten zuvor, an den Tag gelegt hatte. Sie sprach jedoch nicht zu Marie, auch nicht zu den sonstigen Anwesenden, sondern klang, als hielte sie eine Ansprache in einer großen Halle, nur deutlich langsamer und bedächtiger. Und mit unvorstellbarer Bitterkeit, Wut und Verachtung.
Noch größer war Maries Schrecken allerdings darüber, wer offenbar der Adressat dieser unheilvollen Aufforderung war.
Eine bekannte Schauspielerin verbringt das herbstliche Wochenende mit einigen Freunden sowie ihrer eigenwilligen Stieftochter in einem luxuriösen Hotel am Sahrower See. An einem anfänglich vergnüglichen Abend verschwindet zunächst ihr wertvoller Schmuck. Dann wird sie Opfer von Attentaten und soll sogar vergiftet werden. Zeugin der Angriffe wird Marie, die nach einer langen Fahrradtour, die sie kurzfristig unterbrechen muss, ebenfalls im Hotel landet und der Sache auf den Grund gehen will. Dabei kommen nicht nur natürliche Verdächtige in Betracht.

Leseprobe (I. Abschnitt)
Zwölf Kilometer von der heimatlichen Behausung entfernt verfluchte sich Marie innerlich dafür, den Wetterbericht ignoriert zu haben.
Das überdurchschnittlich warme Herbstwochenende hatte sie für eine Fahrradtour genutzt, von Sahrow aus durch das Bagnower Moor, um eine große Schleife in südliche Richtung zu drehen und anschließend am westlichen Ufer des Sahrower Sees entlang nach Hause zurückzufahren.
Der Plan, in aller Ruhe durch die Gegend zu sausen und dabei den Kopf freizubekommen, war aufgegangen. Der, am Nachmittag das Seeufer zu erreichen, ebenfalls. Was jedoch zu scheitern drohte, war das Vorhaben des einigermaßen trockenen Wiedereintreffens zu Hause – denn am Himmel ließ die rapide Zunahme der Bewölkung darauf schließen, dass der nächste Regenguss wohl mehr als nur leichter Nieselregen sein würde.
Sie entschied kurzerhand, den Schauer sicher abzuwarten, und suchte die Gegend nach einem Unterschlupf ab. Die wenigen Bäume entlang der breiten Landstraße, zu der parallel ein Radweg führte, würden dies nicht hinreichend hergeben, und die ausgedehnten Felder landeinwärts schon gar nicht.
Doch wie sie wusste, würde sie gleich das direkt am See gelegene Hotel BELLAVISTA SUNRISE erreichen.
Einen letzten skeptischen Blick warf sie an den Himmel, ehe sie ihren entschieden zu teuren und für Norddeutschland auffällig bergtauglichen Drahtesel vom Radweg ab nach rechts lenkte, unmittelbar in die Einfahrt der Anlage.
Das Hotel war noch keine zwanzig Jahre alt, hatte vier Stockwerke und fiel besonders in dieser Gegend durch seine moderne Fassade aus Marmor und Glas auf. Auch die Balkone waren in sterilem Weiß gehalten. Links und rechts der Einfahrt standen kleine Pavillons. Den Parkplatz zierte in der Mitte eine Eiche, die vermutlich um einige Jahrzehnte älter war als das Gebäude. Davor parkten einige Autos, die für Marie vor allem ausgesprochen teuer aussahen. Aus der Ferne sah sie einen Steg am Seeufer, an dem ein mittelgroßes Hausboot angelegt hatte.
Sie fand einen kleinen, überdachten Stellplatz für Fahrräder vor, wo sie ihr Mountainbike umgehend abstellte und sorgfältig mit einem dicken Fahrradschloss sicherte. Ihren Helm hängte sie an den Lenker. Die am Rahmen montierte Wasserflasche kam mit.
Während sie zum mondänen Eingangsportal des Hotels ging, glaubte sie, in der Ferne gar ein Donnern hören zu können, und fühlte sich in ihrem Vorhaben bestätigt. Lange würde das Unwetter wohl nicht dauern, doch sie legte keinen Wert darauf, mittendrin noch auf dem Fahrrad zu sitzen.
Das große Hinweisschild, dass heute nur Zimmer mit geladenen Gästen belegt werden würden, fiel ihr zwar auf, erschien ihr aber nicht weiter relevant – beabsichtigte sie ja schließlich keine Übernachtung.
Sie stieg die vier Stufen empor, passierte die gläserne Drehtür und betrat umgehend die nicht minder modern wirkende Lobby, an deren hinterer Wand sich die Rezeption befand.
Doch ehe sie diese erreichte, fiel ihr Blick ins Hotelrestaurant links, wo eine Gruppe von feingekleideten Leuten an einer aus mehreren Tischen zusammengeschobenen langen Tafel Platz genommen hatte, während alle anderen Plätze offensichtlich unbelegt waren. Da auch an der Tafel mehrere Plätze leer waren, war anzunehmen, dass noch nicht alle angereist waren.
Kurz warf sie einen Blick hinüber und ging dann durch zur Rezeption, wo ein leicht untersetzter Enddreißiger, der eine Brille mit dicken Gläsern sowie einen Frack trug, vor dem Computer saß und einen Kaffee schlürfte. Er blickte auf, als sie herantrat, und erhob sich von seinem Schreibtischstuhl. »Schönen guten Tag«, wünschte er.
»Moin«, grüßte Marie zurück. »Verzeihung, störe ich hier eine geschlossene Gesellschaft?«
Der Rezeptionist schien darüber nachdenken zu müssen. »Nun, wenn Sie so direkt fragen, junge Dame …«, begann er.
Marie nickte. »Ich verstehe. Ich bleibe auch nicht lange, keine Sorge.«
»Übernachten können Sie heute leider nicht«, informierte sie der Mann. »Und speisen ebenfalls nicht. Die Anlage ist heute vollständig reserviert.«
»Ich möchte auch wirklich nicht stören«, gab Marie zurück. »Es ist nur so, dass ich gerade auf einer längeren Fahrradtour bin …«
Der Rezeptionist musterte Marie mitsamt ihrer dunkelgrünen Fleecejacke, dunkelblauen Sporthose und grau-blauen Turnschuhe von oben bis unten und meinte: »Ja, seh ich.«
Marie schloss reflexartig für eine Sekunde die Augen, um zu kaschieren, dass sie sie verdrehte, zog dann ihr Portemonnaie aus der Tasche ihrer Jacke und hielt ihre Wasserflasche hoch. »Es ginge mir nur um einen Becher Kakao und etwas Wasser für die hier. Und ich wollte mich unterstellen; gleich gibt’s ein Unwetter. Ich kann mich auch in einen der Pavillons setzen, wenn die Plätze belegt sind.«
Der Rezeptionist räusperte sich. »Nun ja, wenn’s weiter nichts ist …«
»Na, hören Sie mal!« empörte sich plötzlich die Stimme einer Frau hinter Marie. »Sie würden auch den Nikolaus erfrieren lassen, wie?«
Der Rezeptionist schien selbst erschrocken. Ohne, dass er weiter nachdachte, entfuhr ihm: »Nun ja, nicht, wenn er ebenfalls auf Ihrer Gästeliste stünde …«
Marie drehte sich nach der Frau um. Sie mochte um die vierzig sein, trug feinste Abendgarderobe und hatte sich ihr Blondhaar zu einem Dutt zusammengebunden. Aus strahlend blauen Augen schaute sie den Rezeptionisten an, als sei er ein Mondkalb. »Wenn das Ihr einziges Problem ist, schreiben Sie das Fräulein eben mit drauf.«
Ehe der verdatterte Rezeptionist etwas hätte erwidern können, warf Marie ein: »Vielen Dank, aber das tut wirklich nicht Not. Ich hätte nur gern etwas zu trinken, dann bin ich auch schon wieder verschwunden.«
»Nichts da! Du bist eingeladen, fertig aus.« Zum Rezeptionisten meinte sie: »Also, was war’s? Einen Kakao und das größte Glas Wasser, das Sie haben. Da vorne hin.« Mit dem Kopf wies sie in Richtung des Tisches im Restaurant. »Setzen Sie’s auf meine Rechnung.« Ihr Tonfall hatte durchgängig etwas Theatralisches an sich.
»Ihr Wunsch ist mir Befehl, Frau Nieholt«, erwiderte der Herr und machte sich daran, die Bestellung ans Küchenpersonal weiterzugeben.
Die mit ›Frau Nieholt‹ angesprochene Dame gab Marie ein Handzeichen, auf welches hin sie ihr folgen möge.
»Vielen Dank«, sagte Marie, selbst noch etwas verdutzt. »Aber passe ich da mit den Klamotten wirklich hin?«
Frau Nieholt lachte. »Ach, wir kochen doch alle nur mit Wasser. Sogar der feine Herr am Tresen, der meine Gästeliste und die der anderen Leute hier genauer nimmt als ich selber.«
»Er macht ja auch nur seine Arbeit«, meinte Marie, blieb dann doch noch einmal stehen und runzelte die Stirn. »Aber verzeihen Sie die Frage – Sie sind doch wohl nicht Wiebke Nieholt? Aus dem Fernsehen? Oder ihre Zwillingsschwester?«
Die Angesprochene blieb ebenfalls stehen und musste grinsen. »Du, wenn ich eine Zwillingsschwester hätte, könnten wir uns gegenseitig doublen. Wäre bestimmt witzig. Aber nein, ich bin’s wirklich. Freut mich, dass du mich anscheinend kennst!«
Marie hob die Schultern. »Naja, ich muss zugeben, ›Volle Lotte Liebesalarm‹ ist jetzt nicht so ganz meine Baustelle, aber einige andere Mädels an meiner Schule fahren voll drauf ab, und ich wette, ein paar Jungs gucken es heimlich auch. Ich kenn Sie mehr aus meiner Kindheit in ›Die Kinder vom Birkenhof‹. Und Sie waren damals ein paarmal in ›Ein Fall für Inspektor Nothnagel‹ dabei.«
Wiebke Nieholt musste erneut lachen. »Ach, Gottchen! Die alten Krimis von damals … Da muss ich ungefähr in deinem Alter gewesen sein. Ist aber ja schon locker zwanzig Jahre her, wenn nicht länger. Wahnsinn, dass du die kennst!«
»Ist eben mehr meine Baustelle«, meinte Marie.
»So nimmt jeder für sich mit, was ihm zusagt«, erwiderte die Schauspielerin. »Aber mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?«
»Marie Paurois«, stellte sie sich vor. »Ich komme aus Sahrow, quasi gleich um die Ecke. Wenn das Wetter mitspielt, ist es gefühlt jedenfalls nicht weit.«
Die bekannte Darstellerin lächelte. »Freut mich sehr! Paurois … Interessanter Name. Bist du Französin?«
Marie schüttelte den Kopf. »Den Namen hab ich von meinem Opa. Er war Welscher, also Schweizer aus dem französischsprachigen Teil. Marie reicht aber völlig.«
»Also dann, Marie. Wiebke reicht mir auch – der Formalitäten werde ich ohnehin langsam überdrüssig. Dann wollen wir deinen Kakao mal nicht kalt werden lassen!«
»Und ich störe wirklich nicht?« vergewisserte sich Marie.
»Absolut nicht.« Wiebke seufzte. »Ein Platz bleibt sowieso frei. Der, an dem meine Ziehtochter eigentlich sitzen sollte. Da ich mit ihrem Erscheinen vorläufig nicht rechne, wird’s jetzt eben dein Platz.«
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