
Im Umkreis von Boscos Heimatdorf findet eine Serie von Diebstählen und Vandalismus statt. Als Bosco beschließt, diese aufzuklären, wird er immer tiefer in die Ereignisse hineingezogen, und die schwere der Verbrechen erhöht sich stetig, bis auch Menschenleben nicht mehr zählen… Zugleich trifft er wieder auf Stefania, die von einer düsteren Gestalt verfolgt und bedroht wird. Kann Bosco seine heimliche Liebe retten?
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Leseprobe
Ich überquerte gerade den Marktplatz unseres Dorfes, als mein Blick auf zwei alte Männer fiel, die sich aufgebracht unterhielten. Einer von ihnen schüttelte immer wieder den Kopf und stampfte mit seinem Gehstock auf den Boden, während der andere über irgendetwas schimpfte und weit ausholende Handbewegungen machte. Mehrmals deutete er auf einen Weg zwischen zwei denkmalgeschützten Häusern, aus dem sie wohl soeben gekommen waren. Dort stand eine von niedrigen Hecken umgebene Bronzestatue soweit ich wusste.
Als ich an ihnen vorbei gehen wollte, stellten sie ihr Gespräch ein und sahen mich beide an. Ich hatte das Gefühl, als erwarteten sie eine bestimmte Reaktion von mir. Meine Schritte verlangsamten sich automatisch. Und dann wurde mir bewusst, dass etwas nicht stimmte.
Die Statue war nicht mehr da.
Ich blieb stehen und blickte auf die niedrige Heckeneinfassung, in deren Zentrum nur noch ein leerer Sockel stand. Ein paar kurze, verbogene Metallreste ragten daraus hervor.
»Eine Schweinerei sowas!«
Der ältere Herr vollführte wieder die empörten Handgesten und sah mich herausfordernd an. So, als ob er seine Anschuldigung nun dem Täter persönlich ins Gesicht sagen würde. Der andere Mann bewegte sich nicht, aber seine Hand ruhte auf dem Gehstock wie die eines wachsamen Musketiers auf dem Rapier.
»Die Statue!«, sagte ich mit gespieltem Erschrecken, obwohl ich meine Überraschung bereits überwunden hatte. »Was ist denn da passiert?«
Die kampflustige Ausstrahlung der beiden Senioren schien sich auf der Stelle zu verflüchtigen. Der eine ließ die Hände sinken, während der andere sich schwerer auf seinen Stock stützte und mich fast schon wohlwollend musterte.
»Die Figur haben sie geklaut, junger Mann.«
»Das Denkmal haben sie zerstört!«, sagte der andere, wieder aufgebrachter. »Die schöne Statue unseres berühmten Architekten aus dem Barockzeitalter!«
»Sieht so aus, als ob man sie mit Gewalt herausgebrochen hätte«, sagte ich, während ich näher heranging. »Hier sind zwei große Schrauben gelöst worden. Aber die Statue war anscheinend auch direkt mit dem Sockel verbunden. Das da sind wohl Spuren eines Bolzenschneiders.«
»Das ist purer Vandalismus!«, schimpfte der alte Mann, der sich offenbar nicht beruhigen konnte.
»Um das Kunstwerk ging es ihnen offensichtlich nicht«, stellte der andere fest.
Ich ging noch näher heran und betrat einen Pfad, der neben dem Denkmal entlang zum Hinterhof der Kirche führte. Dort gab es auch einige Parkplätze.
»Falls sich heute Nacht jemand hier zu schaffen gemacht hat, haben sie sich das gut überlegt. Auf dem Marktplatz und bei der Kirche ist um diese Zeit kein Mensch. Obwohl wir uns mitten im Dorf befinden.«
Der Mann mit dem Gehstock blickte kurz zu Boden. Er schien über etwas nachzugrübeln.
»Die Tafeln… vor zwei Wochen haben sie auch die Gedenktafeln vom Friedhof geklaut.«
Das Bild aus dem Zeitungsartikel zu jenem Vorfall kam mir wieder in den Sinn.
»Sie haben Recht. Die wurden allerdings nur abgeschraubt. Aber sie waren ebenfalls aus Bronze…«
Eine ältere Frau hatte sich uns genähert.
»Die Polizei weiß schon Bescheid! Mein Sohn hat es ihnen heute Morgen gesagt!«
Nun begann eine lebhafte Diskussion über die Dreistigkeit des Vorfalls sowie über das Elend der Welt im Allgemeinen, der ich jedoch keine weiteren Anhaltspunkte mehr entnehmen konnte. Daher machte ich mich bald wieder auf den Weg.
Ich musste an etwas denken, das mein Vater mir vor einiger Zeit erzählt hatte. Es ging um einen Fall von Buntmetalldiebstahl in einem Betrieb. Der Wert des entwendeten Materials war überraschend hoch gewesen…*
Ich wusste nicht so recht, wohin ich gehen sollte. Die Schule würde erst in zwei Wochen wieder beginnen. Mein Vater arbeitete einmal mehr auswärts und würde frühestens am Wochenende zurück sein. Anja war mit ihren Eltern verreist, und Benjamin besuchte seine Großmutter.
Ob der Weg an der Pferdeweide vorbei einfach der bequemste war, oder ob ich mich aus anderen Gründen dafür entschied, dort nun ein weiteres Mal entlang zu gehen, weiß ich nicht.
Jedenfalls schlug mein Herz etwas schneller, als ich Stefania auf ihrem weißen Pferd erblickte.
Ich hatte meine Lakritztüte bereits geleert und konnte daher nichts anderes tun, als einfach stehen zu bleiben und sie anzusehen.
Sie trug zwar einen Reithelm, aber im Geiste sah ich ihr pechschwarzes Haar im Wind wehen, während sie ihren Schimmel schneller ausgreifen ließ und anmutig über die Wiesen ritt, wie eine Fürstin aus vergangenen Tagen.
Ich hatte wohl länger als beabsichtigt dort gestanden, denn erst als Stefanias Pferd schon fast bis zu mir herangetrabt war, verflüchtigte sich das Bild aus meinem Kopf und mir wurde bewusst, dass ich wie ein Vollidiot aussehen musste.
Ich versuchte zu retten, was zu retten war und sprach sie ruhig und freundlich an.
»Ciao, Stefania. Wie geht’s?«
Sie antwortete nicht sofort, sondern blickte nur auf mich herunter. Ihre Augenbrauen waren leicht hochgezogen, ihr Mund zusammengepresst.
»Ciao, Bosco.« Nach einer weiteren, unangenehmen Pause fügte sie hinzu: »Du scheinst immer ganz genau zu wissen, wann ich hier bin.«
Aus irgendeinem Grund fiel mir ausgerechnet jetzt auf, dass ihr italienischer Akzent ziemlich ausgeprägt war. Und dass ich den Klang mochte.
»Ich gehe hier oft vorbei, Stefania. Es liegt eben auf meinem Weg.«
»Ja. Das sagtest du schon beim letzten Mal«, erwiderte sie mit undeutbarem Gesichtsausdruck. »Aber du könntest auch woanders entlanggehen, oder?«
In meinem Unterbewusstsein regte sich der Reflex, ihr darauf eine bissige Antwort zu geben. Aber irgendetwas hielt mich davon ab.
Auf einmal lachte sie amüsiert, und ein intensives Funkeln trat in ihre Augen. Ich wollte zurücklächeln, hatte aber plötzlich Schwierigkeiten damit, sie direkt anzusehen.
»Nun ja. Wenn du mir zuschauen willst, dann ist das eben so. Aber erwarte nicht, dass ich jedesmal zu dir herreite. Auch wenn du dastehst wie bestellt und nicht abgeholt.«
Ich hätte darauf vermutlich vieles antworten können, brachte aber kein Wort hervor.
»Wartest du auf irgendetwas?«
»Nein«, sagte ich undeutlich. Meine Beine setzten sich automatisch in Bewegung. »Schönen Tag noch, Stefania.«
Nach einigen Schritten fiel mir auf, dass sie sich weiterhin nicht von der Stelle rührte. Dann hörte ich hinter mir wieder das amüsierte Lachen. Ich drehte mich um und sah erneut dieses seltsame Funkeln in ihren Augen.
»Ciao, Bosco!«, rief sie und ließ ihr Pferd zügig davontraben.
Für ein paar Minuten ging ich einfach geradeaus, ohne zu überlegen, ob ich überhaupt dorthin wollte. Als ich eine Straßenbiegung erreicht hatte, blickte ich noch einmal zurück.
Stefania war mit ihrem Schimmel über die Weide geritten und sprach nun mit einer Person, die auf der anderen Seite am Holzzaun lehnte. Sie waren zu weit entfernt, als dass ich jemanden hätte erkennen können.
Aber ich konnte sehen, dass Stefania vom Pferd stieg und ihren Reithelm abnahm.
Aus der Buchreihe: Boscos Detektivberichte (Buch 1 – Fall A)
Autor: Perry Clifton
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