

Charlotte hat gerade ihre Fortbildung im Hospital abgeschlossen, da erkrankt eine Kollegin, und sie wird gebeten, noch ein paar Tage zu bleiben. Obwohl dies ihre Pläne, sich wieder verstärkt der Erforschung des Ovals zu widmen und die TRANSIT-Box endlich einzusetzen, verzögert, sagt sie zu, denn die Arbeit mit den Patienten macht ihr Spaß. Doch die relative Ruhe wird jäh zerstört, als Charlotte in ein Schwerverbrechen hineingezogen wird. Die Gangster zu überführen, gerät jedoch zur Nebensache, denn es gilt primär, das Leben von vier Dutzend Menschen zu retten.
| Gesamtlänge: 24.000 Wörter von marcm200 | ![]() | ![]() |
Das heruntergekommene Wohnviertel in einem südlichen Vorort von Vancouver lag in fast völliger Dunkelheit. Träge zog die Wolkenschicht am Himmel dahin und verdeckte die Sterne. Durch verdrecktes, nicht selten gesprungenes Plastik hindurch spendeten die wenigen funktionierenden Straßenlaternen nur trübes Licht.
Die Bewohner der Häuser störten sich nicht daran. Und auch der hier fremden Gestalt, die in den schmalen Weg zwischen zwei hoch aufragenden Wohnsilos einbog, kam dies gelegen. Sie war sehr daran interessiert, dass niemand sie sah und beschreiben konnte. Doch diese Gefahr bestand ohnehin kaum, denn mit der Polizei wollte niemand in dieser Gegend etwas zu tun haben.
Der Mann schloss die Tür zu Nr. 2213 auf, stieg ins Souterrain hinab und öffnete Appartment 0.1, das die Organisation, welcher er angehörte, über einen Strohmann für drei Monate gemietet hatte.
Er schaltete das Licht der nur kärglich möblierten Drei-Zimmer-Wohnung ein und vergewisserte sich, dass die Schallisolierung der Wände keine Risse aufwies, und dass die schmalen Fenster unterhalb der Decke mit schwarzem Karton vollständig abgedunkelt waren.
Niemand konnte von außen sehen oder hören, was in der Wohnung geschah.
Anschließend überprüfte Gavin seine Pistole und stellte sich neben die Appartmenttür.
Wenige Minuten später trafen seine Komplizen ein. Sie kündigten sich durch die vereinbarten, leisen Klopfzeichen an, und Gavin ließ sie, die Waffe schussbereit in der Hand, herein.
„Ihr könnt die Augenbinden nun abnehmen“, sagte Kyle, ein stämmiger Hüne mit Bürstenhaarschnitt. Er nickte Gavin knapp zu. Es war das Zeichen, dass bis hierhin alles geklappt hatte.
Vier Personen folgten seiner Aufforderung. Nur er und Gavin wussten, wo diese Zusammenkunft stattfand. Gavin schob seine Waffe am Rücken in die Hose. Wortlos gingen alle ins Wohnzimmer, wo die fünf Männer und die Frau sich an den großen Tisch setzten.
„Wir haben das Ziel ausgewählt“, begann Gavin die Einsatzbesprechung mit seiner dunklen, kratzigen Stimme. „Morgen, 2:45 p.m. startet der Coup.“ Er öffnete eine kleine Aktentasche und nahm ein paar braune Briefumschläge heraus. „Paul“, wandte er sich an einen der Ganoven aus Vancouvers Unterwelt, welche die Organisation für diesen Coup angeheuert hatte, „du lenkst den Pförtner ab.“ Er warf dem Mann einen Umschlag zu, der Gebäudepläne und Wegbeschreibungen enthielt.
Paul nickte. Er kannte den Ablauf, war es doch nicht sein erster Einsatz, den er im Auftrag von Gavin und Kyle ausführte.
„Horatio, du öffnest die Hintertür. Falls ein Sicherheitsmann dort auftaucht, schalte ihn aus. Schusswaffengebrauch aber nur während der Flucht nach Beendigung der Aktion.“
Der Angesprochene erhielt ebenfalls einen Umschlag, den er sofort öffnete.
„Innerhalb von vier Minuten müssen wir oben sein“, erklärte Gavin weiter. „Wir werden zweigleisig verfahren. Die Ware ist zu umfangreich, als dass wir sie durch das normale Vorgehen abtransportieren können. – Tucker, du wirst zusammen mit Melody einen Teil auf dem Alternativweg vom Gelände bringen.“
Tucker, ein kleiner Mann mit Stirnglatze, verzog verärgert das Gesicht. „Warum nehmen wir nicht zwei Wagen? Ich hab’ keinen Bock, ewig diese dämliche Rolle spielen zu müssen. Warum kann das Melody nicht alleine machen?“
Gavins Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. Wut kroch in ihm hoch. „Der Plan steht“, war das einzige, das er erwiderte. Das gefährliche Funkeln in seinen Augen warnte davor, weiter auf diesem Thema herumzureiten.
Tucker aber sah es nicht, oder ignorierte es einfach. Seine Verärgerung stieg. „Es wird Zeit, dass ihr euch da mal was anderes einfallen lasst, denn …“
Kyle unterbrach schneidend. „Es hat bisher immer funktioniert. Also halt’s Maul, und tue, was man dir sagt. Du wirst gut dafür bezahlt.“
Tucker lachte schrill auf. „Gut bezahlt? Einen Hungerlohn nenne ich das, was wir kriegen. Come on, ihr seht das doch genauso?“ Um Zustimmung heischend, blickte er sich nach Paul, Horatio und Melody um.
Doch keiner sprang ihm bei. Alle schwiegen.
Tucker aber schien sich in Rage geredet zu haben. Er vergaß jegliche Vorsicht. „Wir müssen über eine Beteiligung verhandeln. Ich will mehr als die paar Kröten, mit denen ihr mich …“ Er hustete.
Melody stieß ihn an und raunte ihm zu: „Spinnst du, Tucker? Du redest dich um Kopf und Kragen.“
Der Mann reagierte nicht auf die Warnung, sondern öffnete den Mund, um weiterzusprechen.
Er kam nicht mehr dazu.
Blitzschnell stand Gavin vom Tisch auf, zog seine Pistole und drückte ab. Die Kugel traf Tucker mitten ins Herz. Blut quoll auf sein Hemd. Tucker riss die Augen auf, griff sich an die Brust, brachte nur noch ein Ächzen heraus und sackte dann sterbend in sich zusammen.
Niemand sprach ein Wort.
Gavin schob seine Pistole an ihren Platz zurück und setzte sich wieder. „Kyle, besorge einen neuen Mann von der Liste.“
„Geht klar. Bernard steht zur Verfügung. Der wird keinen Ärger machen.“
In den nächsten zwanzig Minuten sprachen die fünf Ganoven den Plan in allen Einzelheiten durch. Letzte Fragen wurden geklärt.
Danach brachen alle auf. Kyle brachte Paul, Horatio und Melody, wieder mit verbundenen Augen, zurück nach Vancouver. Gavin fuhr in seine Privatwohnung.
Nur Tuckers Leiche blieb zurück. Um sie würde sich ein Cleaner der Organisation ‚Bia‘ kümmern.
***
Charlotte klappte die Lunchbox zu. Ihre beiden Kolleginnen aus der PICU, mit denen sie zwei Wochen zusammengearbeitet hatte, taten es ihr nach. Die Krankenschwestern verließen den Außenbereich mit den hölzernen Picknickbänken und -tischen auf der Südseite der Klinik, in dem bei gutem Wetter viele Bedienstete ihre Pausen verbrachten. Die drei strebten dem Haupteingang zu. Besucher und Patienten kamen ihnen entgegen, um sich in dem benachbarten Park ein wenig die Füße zu vertreten und der Krankenhausatmosphäre zu entfliehen.
Die Frauen fuhren mit dem Lift in den zweiten Stock.
„Ruhigen Dienst!“, wünschte Charlotte zum Abschied, wandte sich nach rechts und lief den breiten Korridor mit den gelben Wänden hinab. Nach einem Druck auf den Schalter an der Seitenwand öffnete sich die Glastür zu der im Ostflügel gelegenen Abteilung für Neonatologie. Während in der PICU im Westflügel die kleinen Patienten, die Intensivbetreuung benötigten, untergebracht waren, lagen in der hiesigen Station die gesunden Babys sowie diejenigen Mütter, die nach der Geburt noch ein paar Tage Ruhe benötigten, bis sie mit ihren Kindern nach Hause entlassen werden konnten. Direkt hinter der Tür zur Station verlief ein Gang nach links in den Müttertrakt, während sich die Neugeborenen in einem großen Saal am Ende des Korridors befanden. Fünf Krankenschwestern betreuten sie rund um die Uhr.
Charlotte betrat das Dienstzimmer der Schwestern. Im angrenzenden Bad wusch sie sich gründlich die Hände und Arme, dann erst meldete sie sich zum Dienst zurück.
„Entnimm bitte die Blutproben. Doppeltes Volumen. Es sind Zusatztests vorgesehen“, bat die Oberschwester, eine resolute Frau in den Fünfzigern, die bereits seit vielen Jahren die Kindermedizin auf Schwesternebene leitete.
„Sofort“, bestätigte Charlotte, bestückte den Transporttrolley mit den notwendigen Spritzen und Sammelbehältern und machte sich auf den Weg zum Kinderraum.
Zwölf Bettchen mit angeschlossenen Überwachungsgeräten in sorgfältig angeordneten Dreierreihen dominierten den Raum. Neun kleine Patienten befanden sich aktuell auf der Station.
Charlotte sprach jedem Baby, das sie mit großen Augen musterte, beruhigend zu, kraulte es am Bauch, bis es lachte, und hielt einen Arm fest, um mit der winzigen Spritze eine kleine Blutmenge zu entnehmen, welche anschließend in der Abteilung für Diagnostik auf das Vorhandensein verschiedener Stoffwechselstörungen und anderer Marker untersucht wurde. Nichts gab Anlass zur Sorge, aber die neue Qualitätsoffensive in der medizinischen Frühversorgung, welche Ober- und Unterhaus gemeinsam auf den Weg gebracht hatten, zielte darauf ab, die aktuellsten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Kinderheilkunde schnellstmöglich in die Praxis zu implementieren, um ein optimales Aufwachsen der Kleinen zu gewährleisten.
Rasch hatte Charlotte die Aufgabe erledigt und rief über Haustelefon einen Mitarbeiter des geländeeigenen Transportdienstes auf die Station, dem sie die Proben mit Angabe des Ziels übergab.
„Was macht Miss Kennedy?“, fragte Charlotte eine Kollegin, als sie wieder im Schwesternzimmer angekommen war. „Geht es ihr besser?“
„Nicht wirklich. Sie liegt nur im Bett, starrt an die Decke, und hat keinerlei Energie. Wenn du ihr die kleine Claire bringst, pass bitte besonders auf. Irgendwie fehlt der Kennedy noch die Bindung zu ihrem Baby. Nicht, dass etwas passiert.“
„Geht klar“, nickte Charlotte.
„Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sanft du mit den Babys umgehen kannst, obwohl du doch sonst eher als Metzger unterwegs bist, auf dem Schlachtfeld und so“, meinte die Oberschwester mit einem breiten Grinsen.
Charlotte verzog genervt das Gesicht. Der Witz war alt. Fast jeden Tag bekam sie diesen Satz in der ein oder anderen Form zu hören. Aber irgendwie konnte sie die Kolleginnen auch verstehen. Sie gehörte der Sanitätsreserve des Militärs an, und da hatte man eher selten mit Neugeborenen und filigranstem medizinischem Besteck zu tun.
Aber Befehl war Befehl.
Vor sechs Wochen war die Order für diese einmonatige Fortbildung in der Geburtshilfe bei ihr eingetroffen. Die Militärführung war, nach Rücksprache mit Psychologen und den politischen Entscheidern, zu der Auffassung gelangt, dass es für militärische Sanitätsbedienstete im Einsatz eine emotionale Stabilisierung bedeutete, nicht nur mit Verzweiflung, Schmerz und Tod zu tun zu haben, sondern während des Trainings auch mit dem Gegenstück in Berührung zu kommen – dem entstehenden Leben.
Charlotte trug die durchgeführte Maßnahme in die Krankenakten ein und ging danach wieder zum Kinderraum, nahm Claire Kennedy und brachte sie zu ihrer Mutter.
Miss Kennedy lag apathisch im Bett, hielt die Lider halb geschlossen und schien zur Decke zu blicken. Sie reagierte zuerst nicht auf das Öffnen und Schließen der Zimmertür. Erst als Charlotte sie ansprach, lächelte sie leicht.
„Sie haben netten Besuch, Miss Kennedy.“
Charlotte reichte der Frau das Baby, blieb aber in Griffweite. Miss Kennedy hielt es ein wenig unbeholfen, legte es dann auf ihren Oberkörper und summte leise ein Lied. Claire schien sich wohlzufühlen, denn sie begann zu glucksen und mit den Beinchen zu strampeln, was bei ihrer Mutter ein wenig mehr Enthusiasmus freisetzte.
Nach ein paar Minuten brach Charlotte den Besuch jedoch ab.
„Ich bringe sie Ihnen heute Abend noch einmal. Vielleicht schlafen Sie ein wenig, Miss Kennedy.“
Sie trat mit dem Baby auf dem Arm zum Fenster und drehte die Jalousien trotz ihrer Aufforderung ein wenig mehr auf Lichtdurchlass. Schlagartig wurde es in dem Raum heller. Unten auf dem großen Parkplatz herrschte reger Betrieb. Gerade bog ein Lieferwagen auf das Klinikgelände ein.
Charlotte verließ das Krankenzimmer, brachte die kleine Claire zurück in den Kinderraum und ging ins Schwesternzimmer. Die Wanduhr dort zeigte 2:37 p.m.
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