Schnellen Schrittes machte sich Marie auf den Weg. Sie musste raus aus diesem Wald. Etwas an der Sache war ihr gar nicht geheuer. Und das waren keine Schauermärchen. Es war real.
Sie vernahm noch drei weitere Rufe, ehe sie aus dem Wald heraustrat, woraufhin sie schlagartig wieder verstummten.
Der Bewohner einer Villa am See verstirbt. Er war einer der Täter, die vor achtzehn Jahren einen Werttransporter überfallen haben. Unter der nie aufgefundenen Beute befand sich eine silberne Eulenstatue, von der es heißt, auf ihr laste ein Fluch. Als Marie sich einschaltet, soll dieser auch sie treffen.

Leseprobe (I. Abschnitt)
In der vergangenen Nacht hatte es ein schweres Gewitter gegeben.
Davon war jetzt, am Mittag danach, nichts mehr zu sehen, bis auf kleinere Pfützen in den einzelnen Schlaglöchern der Asphaltdecke in den Straßen des Zentrums von Sahrow. Und es hatte sich abgekühlt, von hochsommerlichen achtundzwanzig Grad hinab auf zweiundzwanzig Grad im Schatten.
Marie Paurois war dies gerade recht, erlaubten niedrigere Temperaturen bekanntlich auch einen gewissen Variantenreichtum in der Kleidungsauswahl.
Wie nicht unüblich hatte sie sich auf ihrem für diese Gegend viel zu bergtauglichen Fahrrad zum Imbissstand der längst als Ikone des Ortes geltenden Gisela Böteback begeben. Hier genoss sie traditionell ihre Leibspeise – Mettbrötchen, mit extra Zwiebeln.
Frau Böteback, die es normalerweise irgendwie immer hinbekam, fröhlich zu wirken, nahm das Geld plus Trinkgeld dankend entgegen. »Du, sag mal, Marie, hast du’s eigentlich schon gehört?« fragte sie in der ihr eigenen breiten lokalen Mundart – und verlor dabei sichtlich einen kleinen Teil besagten Frohsinns.
»Dass man von Zwiebeln einen frischen Atem bekommt?« scherzte Marie, ließ das Grinsen aus ihrem Antlitz jedoch umgehend wieder verschwinden. »Nein, ich weiß nicht, was Sie meinen.«
»Du kennst doch auch den alten Emmerich Rahdes? Der vor ein paar Jahren drüben das alte Herrenhaus am See gekauft hat?«
»Nur flüchtig«, meinte Marie. »Das Haus steht fast genau gegenüber von unserem. Man sieht es, wenn man gerade über den Teich guckt. Aber begegnet sind wir uns nur ein paarmal. Wieso?«
Frau Böteback antwortete direkt: »Er ist gestern Abend verstorben.« Sie ließ einen Moment verstreichen. »Er hat auf der letzten Busfahrt für den Abend plötzlich unter Atemnot gelitten. Der Fahrer wollte noch Erste Hilfe leisten, und andere Fahrgäste haben den Notruf alarmiert. Aber im Krankenhaus ist er schon nicht mehr lebend angekommen.«
Marie, die soeben in ihr Brötchen beißen wollte, ließ dieses sinken. »Atemnot?« wiederholte sie. »Einfach so? Das muss dann ja schon was Schweres gewesen sein.«
»Es kann sein, er war schwer lungenkrank, das weiß ich aber nicht genau«, meinte Frau Böteback. »Würde mich eigentlich auch wundern. Er war erstaunlich fit für sein Alter und hat nicht mal geraucht. Er wurde gerade mal siebenundsechzig.«
Marie überlegte, während sie nun doch abbiss. Als der erste Bissen unten war, meinte sie: »Also, wenn er noch fit war, scheidet schweres Asthma wohl eher aus. Außerdem hätte er wohl für Notfälle einen Inhalator dabei gehabt. Ich weiß ja nicht, was er früher mal gearbeitet hat. Vielleicht musste er öfter ungefilterte Abgase oder andere giftige Dämpfe einatmen?«
Frau Böteback hatte mit einem Male unerwartet große Augen. »Dann kennst du seine Vorgeschichte gar nicht? Dass er ein berüchtigter Einbrecher und Räuber war?«
Marie runzelte die Stirn. »Ich hab mal davon gehört, dass er zwischendurch im Knast war. Aber war er so bekannt in der Szene?«
»Bekannt ist gar kein Ausdruck!« Frau Böteback schnappte ihrerseits nach Luft. »Du bist wohl zu jung, um dich noch erinnern zu können. Aber bevor er hierher nach Sahrow kam, war er zehn Jahre im Knast. Für den Überfall auf einen Transporter, der einen Haufen Kostbarkeiten aus einem Museum abholen sollte. Was genau, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls hat er das Zeug an die Seite geschafft. Niemand weiß, wohin – und jetzt wird er’s auch keinem mehr sagen können.«
»Jedenfalls, sofern er keinen Hinweis hinterlassen hat.« Marie nickte und nahm sich im Geiste vor, über den Fall von damals weitere Informationen einzuholen.
Frau Böteback zuckte mit den Schultern. »Ich hab’s dir jedenfalls gesagt. Nicht, dass du dich wunderst.«
Marie stutzte. Für einen Moment war ihr, als unterdrücke die Betreiberin der Imbissbude ein verschwörerisches Grinsen. »Besten Dank«, sagte sie und schlug ihre Zähne erneut in ihr Brötchen.
[…]
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