Charlottes Blick 9 – Der Pacific-Railway-Coup (Text, Mystery)


Cover zur Geschichte 'Charlottes Blick 9 - Der Pacific-Railway-Coup' : Ein Güterzug in den Bergen. Zwei Gestalten auf dem Dach des ersten Waggons, eines chemischen Transports. Die Gestalten hantieren an einer Dachluke und mit einer Tüte mit Pulver.


Phil erhält einen mysteriösen Tipp auf ein geplantes Verbrechen. Doch über die Natur der sich angeblich anbahnenden Katastrophe ist nichts bekannt. Wie mischt die mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Berufsverbrecherin Harper Maguire in der Sache mit? Und was hat die Eisenbahngesellschaft damit zu tun? Charlotte übernimmt einen überaus gefährlichen Auftrag, denn die Ganoven schrecken vor nichts zurück.

Gesamtlänge: 17.200 Wörter
von marcm200

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Leseprobe – der Anfang der Geschichte:

Langsam ausatmend presste Charlotte die Langhantel mit beiden Händen nach oben. Sie stemmte die Füße fest in den Boden und drückte den Oberkörper leicht ins Hohlkreuz. Schweiß stand ihr auf der Stirn und rann die Wangen herunter. Die Muskeln schmerzten und zitterten leicht. Das Blut konnte die Abwärme der Faserkontraktionen kaum abführen. Millimeter um Millimeter stieg die Metallstange mit den sechs Scheiben, die insgesamt das 1,3-fache von Charlottes Körpergewicht ausmachten.

Dann endlich war das Gewicht am Hochpunkt – zum sechsten Mal im dritten Satz des Trainings. Charlotte atmete tief ein und ließ die Stange in die Arretierung der Bench-press fallen. Es klirrte laut, als Metall auf Metall knallte. Charlottes Arme fielen wie Gummi zu Boden. Ihr Körper sackte zusammen, und sie stöhnte erleichtert auf. Erschöpft schloss sie für einen Moment die Augen, aber die anderen Sinne, die zuvor nur auf ihren Körper und die Stemmbewegung ausgerichtet waren, nahmen die Umgebung nun wieder verstärkt wahr. Metallklirren, leises Stöhnen und stoßweises Atmen der anderen Frauen drangen aus allen Richtungen an ihr Ohr. Mit dem Ärmel der blauen Trainingsjacke wischte sich Charlotte über die Stirn. Die Luft hing stickig und schwer in dem kleinen quadratischen Raum, der rund 20 Fuß Seitenlänge aufwies und halb so hoch war. Die Fenster, die zwar breit, aber nur einen Fuß Höhe besaßen, lagen dicht unter der Decke. Sie waren geöffnet, verschafften aber keine spürbare Linderung.

Plötzlich fiel ein Schatten über Charlottes Augen. Sie öffnete die Lider und sah das Gesicht von Kelly Miller über sich. Höhnisch grinste die muskulöse Frau mit dem Igelhaarschnitt sie an.

„Heh, wie wenig haben wir denn heute geschafft?“, ätzte sie und trat hinter die Bench-press.

Als Miller die Arme nach dem Gewicht ausstreckte, schnellten Charlottes Hände hoch, umgriffen die Hantelstange und zogen diese nach unten in die Arretierung hinein. Millers Grinsen verstärkte sich sofort, als sie ihrerseits die Stange von oben griff und versuchte, diese hochzuheben. Ein stummer Zweikampf folgte. Die beiden Frauen schauten sich starr in die Augen, und keine gab nach. Miller stellte die Beine weiter auseinander und ging leicht in die Hocke. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung und lief rot an. Charlotte spürte einen Ruck an der Hantelstange. Das Gewicht hob sich einen Millimeter und lag nun nicht mehr auf der Arretierung auf.

Merde!, fluchte Charlotte in Gedanken. Ihr wurde sofort klar, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen würde. Miller war ihr an Kraft schlicht überlegen, und das umso mehr, da sie im Gegensatz zu Charlotte die Beinmuskeln einsetzen konnte.

So gab es nur einen Ausweg.

Charlotte zog die Beine an, spannte den Oberkörper wie eine Katze vor dem Sprung, ließ die Hantelstange los und tauchte mit einer fließenden Bewegung darunter hindurch. Kaum war der Kopf auf der anderen Seite, schnellte Charlotte hoch und stand einen Sekundenbruchteil später neben dem Trainingsgerät. Kelly, die von diesem Manöver überrascht wurde, konnte ihre Zugbewegung nicht schnell genug stoppen. Sie stolperte nach hinten und ließ die Hantelstange los, die daraufhin gegen die Bench-press knallte und zu Boden fiel.

Charlotte tat, als habe sie nichts bemerkt. Scheinbar gelangweilt klopfte sie sich imaginären Staub von den Schultern. Auch ihre Stimme klang wie beiläufig, als sie sagte: „Weißt du, Kelly, ich wollte dir nicht den einzigen Rekord abnehmen, den du hast und jemals haben wirst. Es wäre doch zu schade, dich in Tränen ausbrechen zu sehen.“

Charlotte wusste, dass es gefährlich war, Kelly Miller zu reizen, aber sie konnte sich in ihrer aktuellen Situation auch nicht alles gefallen lassen. Sie musste versuchen, für sich einen kleinen Sieg herauszuschlagen. An der Bench-press war dies nicht möglich, aber vielleicht an einem anderen Gerät. Ihr Blick huschte durch die nähere Umgebung, und da sah sie die Reihe der abgelegten Kurzhanteln am Boden. Trainierte sie mit diesen, so bestand zumindest nicht die Gefahr, dass ihr jemand Hunderte Pfund auf den Kehlkopf drückte, was in der Bench-press leicht geschehen konnte.

Mal schauen, welche Gemeinheit Kelly sich dort ausdenkt, dachte Charlotte, nahm zwei der 25-Pfund-Hanteln und begann mit Bizeps-Curls. Das wütende Funkeln in Kellys Augen entging ihr nicht.

„Meinst du, du schaffst hier mehr als ich?“, fragte Miller und hob zwei 40-Pfünder hoch. Spielend leicht und dreimal so schnell wie Charlotte, führte sie ihre Übungen durch.

„Du betrügst. Mit elastischer Unterstützung der Sehnen ist das, was du da tust, kein Training“, erwiderte Charlotte und bemühte sich um einen arroganten, oberlehrerhaften Tonfall, während ihre Sinne auf das Höchste gespannt waren.

Miller pfiff einmal kurz durch die gespitzten Lippen, und sofort unterbrachen vier Frauen ihr Training. In geschlossener Front kamen sie auf Charlotte zu, die langsam zurückwich, bis sie schließlich mit dem Rücken an der weißen, kahlen Wand des Trainingsraums stand. Miller trat einen großen Schritt näher. Nur knapp drei Fuß trennten die beiden Frauen voneinander. Miller legte eine Hantel ab und setzte ihre Übung mit der anderen Hand fort. Aber die Bewegungen wurden kleiner, und die Hantel verharrte öfter für einen Augenblick am Tiefpunkt. Ein diabolisches Grinsen überzog Kelly Millers Gesicht.

Und da wurde Charlotte klar, was die Kontrahentin plante.

Charlotte ließ den rechten Arm hängen und die linke Hantel los. Polternd knallte das Sportgerät auf den grauen Betonboden und rollte ein Stück davon. Das Geräusch machte auch der letzten Trainierenden klar, dass sich hier etwas anbahnte. Es wurde still, und alle schauten gespannt auf die Gruppe an der Wand.

„Nun, Charlotte, so ein Krafttraining ist nicht ungefährlich. Wie leicht können dabei Unfälle passieren, nicht wahr?“

Charlotte schob den Kopf ein wenig nach vorne. Die Augen hielt sie weiter auf Millers Gesicht gerichtet, aber am unteren Rand ihres Sehbereichs nahm sie deren Hand mit der schweren Hantel wahr.

Da! Miller öffnete die Hand.

Das war der Moment, auf den Charlotte gewartet hatte. Blitzschnell spreizte sie die Beine, senkte den Körperschwerpunkt ein wenig ab und zog mit der freien Hand die Frau zu sich heran, bis die beiden Oberkörper aufeinanderknallten. Miller gab einen Laut der Verblüffung von sich und machte einen kleinen Schritt nach vorne, um stabiler zu stehen.

Das war ihr Fehler, denn die Hantel, die für Charlottes Füße bestimmt war, fiel nun aus etwa einem Meter Höhe auf ihren eigenen, rechten Fuß. Miller brüllte vor Schmerz laut auf und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Charlotte ließ sich fast zu Boden sinken, rotierte den Körper an der Wand unter dem Arm herum und stand dann neben der Frau, die ihr eine Lektion hatte erteilen wollen. Etwas, das sie, so der Flurfunk, mit allen Neuankömmlingen in den ersten Wochen veranstaltete.

Charlotte beugte sich zu Kelly Miller, die gerade die Hantel von ihrem Schuh weghob, und drückte der Frau die 25-Pfund-Hantel auf das Schultergelenk. „Es passieren wirklich Unfälle. Leider auch sehr schwere mit irreversiblen Folgen.“ Sie hob die Hantel leicht an und legte sie mit Druck wieder auf dem Gelenk der Frau ab. Die Botschaft war klar.

„Das wagst du nicht!“, zischte Miller.

Charlotte lachte gehässig auf. „Ich gebe dir einen gut gemeinten Rat: Reize mich lieber nicht. Du bist stark, aber langsam. Mit so dummen Methoden kommst du nicht nach oben. Da stehen ganz andere über dir.“ Sie zog die Hantel weg und trat einen Schritt zurück. „Aber ich will meine Zeit nicht mit solch sinnlosen Scharmützeln vergeuden. Ich mache dir ein Angebot. Überlege es dir gut. Ich bin zwar erst eine Woche hier, aber ich werde bald mehr Anhängerinnen haben als du. Deshalb: Schließen wir uns zusammen. Dann können wir mehr als nur diesen Block kontrollieren. Und du wirst Co-Chefin und nicht nur ausführendes Organ.“

„Auseinander!“, kam plötzlich eine schneidende Stimme von der Tür zur Trainingshalle. Zwei Frauen in dunkelgrauen Uniformen schlugen mit den schweren Schlagstöcken laut gegen die Wand.

„Schon gut“, beschwichtigte Charlotte. „Ich habe mir nur Tipps für ein effektiveres Training geholt. Es war alles eine Demonstration.“ Sie legte die Hantel ab und reichte Miller die Hand. Nach einer Sekunde des Zögerns wandte sich Kelly wortlos ab und ging zu ihrer Gang zurück.

Ein zweites Mal würde die Frau sie an diesem Tag, zumindest hier im Trainingsraum, nicht angreifen, war sich Charlotte sicher. Sie drehte sich um und ging zur Bench-press zurück. Auf dem Rücken ihres Trainingsanzugs prangten auf einem weißen Aufnäher zwei Zeilen:

ALB-12954ED
Women’s Correctional Facility Edmonton, Alberta

Beim Abendessen im großen Saal ging Charlotte Kelly aus dem Weg, um diese nicht noch weiter zu reizen. Auch den Tisch von Harper Maguire mied sie wie immer und setzte sich an einen der Nebentische, an denen jeweils sechs Personen Platz fanden. Ein paar Insassen gesellten sich zu ihr, aber Charlotte beteiligte sich nur sporadisch an der Unterhaltung. Auf Fragen nach dem Eisenbahnraub, dessentwegen sie noch sechs Jahre absitzen musste, antwortete sie nur einsilbig. So ließ man sie schließlich in Ruhe.

Gesamte Geschichte:
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