

Burgstetten ist in Feierlaune. Vor 500 Jahren wurde aus der damals kleinen Siedlung eine offizielle Stadt mit allen Rechten und Pflichten. Dieser Festtag soll mit einem Mittelalterfestival begangen werden. Viele örtliche Vereine, so auch Lenas Reit- und Christians Leichtathletikverein, bieten Attraktionen an. Doch trotz der Arbeit, welche die Hälfte der Halo-Clique zu leisten hat, bleibt genügend Zeit, das Festival zu genießen. Aber die gute Stimmung trübt sich, als sich immer mehr Tiere merkwürdig verhalten. Schnell wird den vier Freunden klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.
| Gesamtlänge: 14.200 Wörter von marcm200 und User „P. Tesselbrück“ |
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Kapitel 1 – Ein festlicher Umzug
Ein dreifacher, durchdringender Fanfarenstoß kündigte den Beginn des Umzugs an. Der Herold nahm die Trompete von den Lippen und gab seinem mit exquisitem Tuch geschmückten Schimmel den Befehl, loszuschreiten.
Die kleine Prozession aus sieben Pferden und einer Kutsche setzte sich in Bewegung.
Dem an der Spitze reitenden Herold folgten zwei nicht weniger prunkvoll verzierte Pferde. Der Reiter des Fuchses trug mit deutlich zur Schau gestelltem Stolz die Standarte mit dem Wappen von Burgstetten – ein Löwe über einem rot-blau-orangefarbenen Blumenfeld mit einer weißen Taube am rechten Rand. Neben ihm ritt die 14-jährige Lena hochaufgerichtet auf einem Rappen. Die Silberfäden in ihrem langen, aus rotem Samt geschneiderten Kleid glitzerten in der Vormittagssonne. Die weiße Kutsche dahinter, die von zwei Schimmelstuten gezogen wurde, fuhr ruckelnd an, als der Kutscher mit der Zunge schnalzte und mit leiser Stimme Kommandos gab. Den Abschluss bildeten zwei weitere Pferde, deren Reiter stark bewaffnet waren.
Lenas Reitverein hatte seine besten Tiere für diesen Tag ausgewählt und geschult.
Langsam holperten die hölzernen Kutschenräder über die Pflastersteine des Marktplatzes im Zentrum der Stadt. Die Prozession entfernte sich unter dem Beifall der Schaulustigen vom Rathaus. Menschenmassen säumten die Straßen. Manche, insbesondere die Kinder, liefen ein Stück mit.
Der Herold verkündete, nur durch kurze Pausen unterbrochen, wichtige Eckdaten aus der langen Geschichte von Burgstetten, der Stadt, in welcher die Halo-Clique lebte und zur Schule ging. Burgstetten feierte den 500. Jahrestag der offiziellen Stadtwerdung. Im Jahre 1487 hatte die damals noch kleine Siedlung im Tal nur aus einem Dutzend Hütten bestanden, über welche die nahegelegene Burg Kesselbergen wachte. Doch das Land ringsum war fruchtbar und die Feinde weit gewesen, und so hatte der König dem Ort die Stadtrechte verliehen, was den Handel und den Zuzug weiter ankurbelte.
Der heutige Stadtrat von Burgstetten, das mit seinen rund einhunderttausend Einwohnern schon seit geraumer Zeit um die Schwelle zur Großstadt pendelte, hatte zu diesem runden Geburtstag für dieses Wochenende ein Mittelalterfestival nahe der Burgruine ins Leben gerufen. Gäste waren bereits Tage vorher von weither angereist, die Hotels ausgebucht, und die Stadt versprach sich vom verkaufsoffenen Sonntag einen wirtschaftlichen Push.
„Heh, da kommt sie“, sagte Moritz und stieß Yvonne den Ellenbogen in die Seite.
Die zwei Freunde warteten am südlichen Stadtschild und sahen nun immer deutlicher die sich nähernde Prozession. Auch hier am Ortsrand waren nicht wenige Zuschauer zugegen. Die jüngsten hatten sich als Ritter verkleidet und hielten Plastikschwerter, mit denen sie wilde Kämpfe ausfochten.
Moritz reckte den Hals, um besser über den Vordermann blicken zu können.
„Sie macht das echt toll“, lobte er anerkennend. „Elegant und richtig damenhaft. Sie sieht aus wie eine Königin, und dabei ist sie doch nur die Zofe laut der gespielten Geschichte.“
Der Umzug befand sich nur noch ein Dutzend Meter entfernt. Yvonne hörte, wie der Freund tief Luft holte, und zischte, ohne den Blick von den Pferden zu nehmen: „Nicht! Du weißt doch, dass sie nicht will, dass wir uns bemerkbar machen. Das lenkt sie nur ab.“
Moritz nieste. „Hab ich nicht vergessen“, erwiderte er etwas verspätet, bevor er die Nase hochzog.
Um die beiden herum jubelten die Menschen. Etwas übertrieben enthusiastisch, wie Yvonne fand. Aber sie musste zugeben, dass Pferde, Reiter und Kutsche in ihrer Aufmachung und teuren Eleganz schon die Illusion nährten, dass es sich damals im 15. Jahrhundert genau so abgespielt haben könnte.
Zwischen Fanfarenstößen, Jubel, Hufgetrappel und Rädergeratter verkündete der Herold weiter seine Anekdoten. Gerade sprach er über ein historisch verbürgtes Trinkgelage, dem auch König Ottokar beigewohnt hatte.
Schließlich passierte die Prozession die Stadtgrenze.
Moritz hielt sich, wie er seiner Freundin hoch und heilig versprochen hatte, weiter mit Anfeuerungsrufen zurück, wenn es ihm auch schwerfiel. Aber seine Lippen formten lautlos ein ‚„Go, Lena!“, als das Mädchen nur zwei Meter von ihm entfernt graziös vorbeiritt.
Lena sah ihn nicht. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Sie konzentrierte sich auf eine edle, gerade Körperhaltung, was leicht und selbstverständlich aussehen sollte. Doch bereits jetzt taten ihr nicht wenige Muskeln weh. Unsichtbar für die Zuschauer lenkte sie ihr Pferd Black Beauty mit leichtem Druck der Schenkel und kurzem Ziehen am Zügel.
Der Rappe schnaubte und schüttelte leicht den Kopf. Mit der linken Hand, die unter dem weiten Puffärmel kaum zu sehen war, klopfte Lena dem Hengst beruhigend auf den Hals. Ganz leise und so, dass sich ihre Lippen kaum bewegten, sagte sie nur ein Wort: „Ruhig!“
Es war heiß an diesem Samstagmorgen im Juni. Obwohl die Sonne ihren Zenit noch lange nicht erreicht hatte – es war gerade einmal kurz nach 10 Uhr – brannte sie schon erbarmungslos vom wolkenlosen, blassblauen Himmel herab.
Lena spürte den Schweiß auf der Haut des Pferdes. Wieder schnaubte Black Beauty, und Lena vermeinte, ein schwaches Zittern unter dem Sattel zu spüren, doch das konnte eigentlich nicht sein. Marion Waidlich, die Trainerin im Club, hatte die Pferde gut auf diesen Tag vorbereitet. Es musste daher Lenas eigene Nervosität sein, die ihr einen Streich spielte.
Die asphaltierte Straße zog sich mit leichter Steigung zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen hindurch und endete in rund zwei Kilometern an der Burgruine.
Nach nicht ganz einer halben Stunde erreichte der Umzug das Ziel – die Burg Kesselbergen.
„Brr!“, sagte Lena leise, und Black Beauty gehorchte sofort, schnaubte aber wieder und wackelte mit dem Kopf, sodass Lena ihn erneut beruhigen musste. Es wunderte sie, dass der Rappe so nervös zu sein schien.
Die gesamte Prozession hielt vor dem für dieses Wochenende provisorisch wieder aufgebauten hölzernen Burgtor. Der Herold sprang vom Pferd, trat zum Tor und klopfte lautstark mit dem Griff seines Schwertes dagegen. Neben ihm wartete der Standartenträger.
„Ihre Hoheiten, König Ottokar und Königin Lia, begehren Einlass in diese, Ihre Burg des Reiches. Frohe Kunde begleitet sie. Ein Fest soll die Untertanen in diesem siebten Jahr der gnädigen und gütigen Regentschaft erfreuen. Öffnet!“
Quietschend schwangen die beiden Flügel nach innen auf. Ein Ritter in glänzender Rüstung trat heraus. Das Visier seines Helms war zurückgeklappt.
„Seid willkommen! Es ist alles vorbereitet.“
Das war das Zeichen für Lena. Elegant ließ sie sich aus dem Sattel zu Boden gleiten und ging gemessenen Schrittes zur Kutsche, öffnete deren Tür und machte sofort einen ehrerbietenden Knicks.
König Ottokar, gehüllt in einen noch viel prunkvolleren Umhang mit goldenen und purpurnen Stickereien, kletterte hinaus und reichte seiner Angetrauten Lia galant die Hand. Das Königspaar schritt zum Burgtor.
König Ottokar überreichte dem Burgherrn einen goldenen Schlüssel und sprach: „Nehmet dies als Zeichen der Stadtwerdung.“
Drei laute Fanfarenstöße folgten. Das Festival war offiziell eröffnet.
Die unzähligen Menschen wandten sich den Attraktionen zu, die neben der Burg auf die Besucher warteten. Vieles hatte mit Pferden zu tun, aber auch mittelalterliche Sportarten wie Bogenschießen, Speerwerfen und Steinstoßen konnte man ausprobieren. Die ortsansässigen Vereine hatten sich mächtig ins Zeug gelegt, um interessante Angebote auf die Beine zu stellen. Man konnte schlendern und schauen, aber auch aktiv teilnehmen. Für das leibliche Wohl war ebenfalls bestens gesorgt. Es gab original mittelalterliche Kost, aber auch, wenngleich in geringerem Ausmaß, das, was die jüngeren Besucher, darunter auch die Halo-Clique, gerne aß – Fastfood.
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