Durch das Wasser des Sees schienen Lichter zu tanzen. Abrupt bewegten sich grellweiß schimmernde Lichtkegel in alle Richtungen und erleuchteten damit mal das nördliche, mal eines der seitlichen Ufer.
Marie musste zweimal hinsehen. Sie träumte doch nicht etwa? Von den vielen Erzählungen der etwas Älteren, die sich noch erinnerten, als der See jede Nacht so hell erleuchtet gewesen war?
Ein merkwürdiger Postbote taucht im kleinen Ort am See auf. Ein seit Jahren leer stehendes altes Bauernhaus wird angezündet. Eine alte Dame erleidet einen Herzanfall. Mitten in der Nacht leuchtet der See taghell. Marie entdeckt einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen, der besonderen Geschichte des Ortes und der dunklen Vergangenheit eines seiner früheren Bewohner – und gerät prompt ins Kreuzfeuer von Ganoven.

Leseprobe (I. Abschnitt)
Eine sanfte Brise pfiff durch das Laub der Bäume und über das Korn der Felder abseits der breiten Asphaltstraße, welche am Seeufer entlang führte, und sorgte für eine angenehme Kühle, was eine willkommene, gar notwendige Wohltat ob der hochsommerlichen Hitze war.
Zu hören war jetzt, am frühen Nachmittag, vor allem das Zwitschern der Schwalben, sowie der Ruf ihres Nachwuchses nach Nahrhaftem. Einige Kilometer entfernt, am südlichen Seeufer, hätte man eben noch ein Motorboot vernehmen können, welches jedoch angelegt zu haben schien.
Unterbrochen wurde die Stille jedoch vom Getrappel vierer Pferdehufe auf der Seeuferstraße. Dieses Geräusch und den Anblick der Hannoveraner-Schimmelstute Countess Vera waren die Einwohner der kleinen Ortschaft Sahrow und dessen unmittelbarer Umgebung jedoch gewohnt. Ebenso den Anblick des schwarzhaarigen Mädchens auf deren Rücken.
Marie hätte auch bei Regen und Sturm ihre Runde gedreht, störte sich allerdings auch nicht unbedingt an schönem Wetter.
Woran sie sich allerdings störte, wenngleich auch nur innerlich, war dieses Geräusch eines Kleinmotors, welches sie schon seit geraumer Zeit hinter sich hörte.
Schon mehrfach hatte sie scheinbar ihren Blick auf den See gerichtet, während sie aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, was der Fahrer des Mofas hinter ihr tat. Ergebnis – seit mindestens einem Kilometer dasselbe. Es schob sich, mit etwa zwanzig Metern Distanz, mühsam voran, obwohl es sie längst hätte passieren können. Immerhin war selbst so ein Kleinfahrzeug normalerweise schneller als ein Pferd im Schritttempo.
Ein junger Bursche saß auf dem Vehikel, vielleicht ein paar Jahre älter als Marie. Seine Postuniform hingegen war ausgeleiert, als sei sie über Generationen hinweg in seiner Familie getragen worden.
Langsam kam es ihr so vor, als verfolge er sie.
Doch davon ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach nur wenigen Metern würde sie ihr Ziel erreichen, eine Koppel, umringt von einem Wäldchen, erreichbar von einem Schotterweg aus, der vom Seeufer weg zum Gut Brambek führte und hinter der Koppel an der dortigen Zufahrt endete. Dort waren einige Leute mit der Arbeit beschäftigt, wie Marie feststellte, als sie von Countess Vera abstieg. Sie war demnach nicht allein auf weiter Flur.
Noch während sie das Tor öffnete, um die Schimmelstute auf die Weide zu bringen, vernahm sie, wie das Motorengeräusch verstummte.
Nun drehte sie sich gut sichtbar um. Der ältere Junge blickte sie in der Tat an und lächelte unsicher.
»Moin! Kann man dir helfen?« fragte Marie ihn geradeheraus.
»Äh … ich weiß nicht …«, stammelte der Junge.
Marie versuchte sich an einem freundlichen Lächeln, schnaufte jedoch unwillkürlich. »Also, ich find’s ja sehr rücksichtsvoll von dir, dass du das Pferd nicht erschrecken willst. Aber langsam dran vorbeifahren ist normalerweise kein Problem, da brauchst du nicht hinterherzuschleichen. Oder hast du ’ne Motorpanne?«
Der Junge runzelte die Stirn. »Äh, nö, dem Motor geht’s gut. Ich bin mir nur nicht sicher, ob …« Er unterbrach sich.
Marie verdrehte die Augen und grinste. »Na, jetzt wundert’s mich auch nicht mehr, warum ich immer ewig auf meine Pakete warten muss. Wenn ihr alle so durch die Gegend dackelt.«
Jetzt musste der Junge selbst grinsen. »Nein, so fahr ich normalerweise nicht«, behauptete er. »Aber ich bin halt neu in der Gegend. Wurde aus Lübeck hierher versetzt. Und jetzt muss ich dringend einen Brief abliefern.« Er wies auf seinen Gepäckträger, auf dem ein großer, brauner DIN-C4-Umschlag aus einem Jutesack herausguckte. »Ich finde aber die Adresse nicht. Ich weiß, etwas peinlich in so ’nem kleinen Ort, aber …«
»Und kein Navi, was? Wo musst du denn hin?«
»Ich suche die Olle Dörpstraat, Nummer 26«, antwortete der Junge. »In Sahrow. Jetzt gibt’s aber anscheinend zwei Orte mit dem Namen, kann das?«
Marie nickte, schloss das Tor der Koppel hinter sich, trat heraus und brachte diesmal ein ehrliches Lächeln zustande. »Es gibt zwei, ja. Eins ist hier, eins drüben.« Sie wies auf den See. Die nächste Ortschaft entlang des Ufers konnte man von hier aus bereits ausmachen. »Werden öfter verwechselt, wegen des Namens. Aber über den See führt zugleich auch die Landesgrenze, das heißt, hier ist Sahrow in Holstein, drüben ist Sahrow in Mecklenburg. Und die Olle Dörpstraat ist auch noch eine der Verbindungsstraßen zwischen beiden. Das muss dir echt nicht peinlich sein.«
Der Junge schmunzelte. »Ja, so, wie du das abspulst, könnte man meinen, ihr müsst das hier jeden Tag irgendwem erklären. Naja, zumindest denen mit leerem Handyakku. Sonst könnte ich ja einfach nachgucken.«
Marie hob die Schultern. »Jedenfalls brauchst du von hier nur weiter in den Ort rein, und an der einzigen Ampelkreuzung, die wir haben, links ab. Dann bist du schon auf der Dörpstraat – jedenfalls unserer. Die andere hat keine Nummer 26, meine ich jedenfalls … da fällt mir ein, müsste auf deinem Brief nicht die Postleitzahl angegeben sein? Die würde es natürlich eindeutig machen, welches Sahrow gemeint ist.«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Nur Straße, Hausnummer, Ort ohne Zusatz.«
»Und der Name? Dann kann ich dir ja sagen, ob du hier richtig bist. Beide Sahrows zusammen sind nicht gerade riesig. Hier kennt jeder jeden.«
»Der ist leider völlig unleserlich«, meinte der Junge. »Da kann ich nichts mit anfangen.«
»Soll ich mal gucken?« bot sie an. »Ich krieg’s vielleicht entziffert.«
Nun wich der Junge plötzlich zurück. »Nein …! Nein, danke, mein ich. Ich komm schon zurecht. Danke jedenfalls!« Schon saß er wieder auf dem Mofa.
»Kein Thema«, meinte Marie. »Dann noch viel Glück!«
Das hörte der Junge bereits nicht mehr, denn er warf den Motor prompt an und setzte sich sofort in Bewegung. In der Tat konnte sein Fahrzeug deutlich schneller fahren als nur Schritttempo.
Marie sah ihm lediglich kurz nach, dann drehte sie sich um – und blickte in das grinsende Gesicht eines ihr – manchmal, jedoch durchaus nicht immer zu ihrem Vergnügen – wohlbekannten blonden Mädchens in ihrem Alter.
»Das tut jetzt aber nicht Not«, meinte Annika Hinrichs, »dass du deine Verehrer jetzt schon hier vorm Hof empfängst.«
»Das war kein Verehrer«, stellte Marie klar.
»Da wäre ich mir nicht so sicher.«
»Echt nicht. Nur so einer von der Post, der hier neu ist und sich verfahren hat.«
Annika hob eine Augenbraue. »Man kann sich hier verfahren? Na gut … ich sag mal, netter Versuch. Und? Wohin will er?«
»Das ist ja das Komische«, antwortete Marie. »Er wollte in die Olle Dörpstraat. Nummer 26. Aber das ist doch eins dieser verfallenen alten Bauernhäuser. Da wohnt doch schon lange keiner mehr.«
Annika hob auch die andere Augenbraue, diesmal jedoch ehrlich überrascht. »Nummer 26?« wiederholte sie. »Da hat doch mal Frank Neubert gewohnt. Der damals von drüben kam und die Bude gekauft hat. Glaub ich?«
Marie nickte. »Bis er irgendwann einfach abgehauen ist. Das müsste vor … mindestens fünf oder sechs Jahren gewesen sein.«
»Und dann kriegt er noch Post dahin? Müsste es nicht einen Nachsendeauftrag geben?«
Marie zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich verbummelt. Jedenfalls kommt mir das komisch vor. Auch dass er so plötzlich weg war, als ich ihn nur gefragt hab, ob ich die Anschrift mal sehen darf …«
Annika, die völlig vergessen hatte, dass sie Marie hatte ärgern wollen, aber auch wusste, dass man das besser unterließ, wenn sie ins Grübeln kam, machte eine wegwerfende Handbewegung. »Schon du mal deine Rübe. Nicht jedes Problem, das du woanders siehst, wird automatisch zu deinem eigenen.«
[…]
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