Kenrik Karner – Seher des Grauens – (1) Verblutet im Leichengewölbe (Buch)



Etwas Grauenhaftes lauerte in dem alten Haus am Totenmoor… In uralten Katakomben begann sich etwas zu regen, das seit Jahrtausenden dort geruht hatte. Und es dürstete nach Blut… Kenrik Karner und seine Gefährtin Helen hatten geplant, zusammen mit zwei befreundeten Paaren ein Wochenende auf dem verfallenen Anwesen zu verbringen. Doch der junge Mann erwachte erst aus seiner gewohnten Apathie, als Helen plötzlich verschwunden war… Währenddessen bereitete ein finsterer Kult aus grauer Vorzeit seine Rückkehr vor. Und seine Anhänger gingen dabei über Leichen…

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Leseprobe

Ein Stück hinter Osbury bog Ed Smith von der Landstraße ab und fuhr langsam in einen Waldweg hinein. Obwohl es hier noch dunkler war als zwischen den nächtlichen Feldern und Moorflächen, ließ er die Scheinwerfer des grünen VW T1 weiterhin ausgeschaltet. Der Kastenwagen rollte fast lautlos durch die Finsternis, bis zuerst eine verwitterte Steinmauer und schließlich ein Gittertor im Seitenfenster auftauchten. Vorsichtig betätigte Smith die Bremse und brachte das Fahrzeug zum Stillstand.
Das mehr als mannshohe Tor bestand aus rostigen Eisenstäben. Dahinter erstreckte sich eine braungelbe Wiese voller toter Sonnenblumen, die wie reglos im Gras verharrende Gestalten wirkten. Am Ende eines Zufahrtsweges erhob sich der Umriss von Osbury Hall.
Bei dem verlassenen Herrenhaus handelte es sich um den ehemaligen Landsitz der Osburys, die auch heute noch als Großgrundbesitzer praktisch die gesamte Gegend beherrschten. Ihr Einfluss reichte so weit in der Zeit zurück, dass sogar die nahegelegene Ortschaft den Namen der Familie trug.
Smith öffnete die Fahrertür, stieg mit einer geschmeidigen Bewegung aus und schlich zur Heckklappe des Transporters. Kurz darauf kehrte er mit einem Bolzenschneider zurück und machte sich daran, die verrostete Kette am Tor zu durchtrennen.
Mit einer Mischung aus Neid und Verachtung dachte er an den Reichtum der Osburys, der so groß war, dass sie das Herrenhaus einfach sich selbst überlassen konnten und nicht einmal in Betracht ziehen mussten, es zu verkaufen oder anderweitig zu nutzen.
Smith hingegen war der Meinung, dass sich dringend jemand um die unbewacht herumstehenden Habseligkeiten kümmern musste. Eine Aufgabe, die er mit Freuden auf sich zu nehmen gedachte. Denn er war sicher, dass es dort einiges zu holen gab.
Er hoffte allerdings, dass ihm noch niemand zuvorgekommen war. Unter den Leuten, mit denen er üblicherweise solche Aktionen durchführte, war die günstige Gelegenheit in den vergangenen Monaten immer wieder ein Thema gewesen. Diesmal jedoch wollte er sich allein die Taschen füllen.
Aber dem Augenschein nach hatte schon lange kein Mensch mehr einen Fuß an diesen Ort gesetzt. Daher kam Smith zu dem Schluss, dass übertriebene Vorsicht vermutlich unnötig war. Dennoch wollte er auf Nummer sicher gehen. Er sah keinen Grund dazu, seine sorgsam antrainierten Gewohnheiten schleifen zu lassen.
Fast geräuschlos entfernte er die rostige Kette mit dem noch intakten Bügelschloss und verstaute beides zusammen mit dem Bolzenschneider im Heck des Transporters. Danach öffnete er die Torflügel, was nicht ohne ein leises Quietschen vonstattenging.
Sichernd blickte er sich um, aber weit und breit regte sich nichts.
Nachdem er den VW auf die Zufahrt gelenkt hatte, stieg Smith noch einmal aus und schloss die eisernen Torflügel wieder. Dann setzte er sich zurück hinter das Steuer und fuhr langsam auf das Hauptgebäude zu.
Das herrschaftliche Landhaus besaß zwei Stockwerke und erstreckte sich weit nach hinten heraus. Die Außenmauern waren von Moos und Kletterpflanzen befallen. Zwischen dem Bewuchs schimmerte feuchter, mit schwarzen Schlieren bedeckter Stein hervor.
Smith war mittlerweile überzeugt, dass ihm noch niemand zuvorgekommen war. Er fragte sich, ob seine geschätzten Kollegen wirklich so abergläubisch waren, sich von den Geschichten abhalten zu lassen, die von den alten Leuten in Osbury immer noch erzählt wurden. Angeblich war einer der Gutsherren, der vor 300 Jahren hier gelebt hatte, ein Mörder gewesen und hatte immer wieder Dorfbewohner zu sich gelockt, die anschließend spurlos verschwunden waren. Man hatte ihm jedoch nie etwas nachweisen können. Die Zahl seiner mutmaßlichen Opfer sollte laut der Geschichte allerdings beträchtlich gewesen sein. Unter den Leuten aus der Gegend wurde der verfallene Landsitz daher nur ›das Haus am Totenmoor‹ genannt.
Smith machte ein abfälliges Geräusch und lenkte den Transporter an einem Nebengebäude vorbei. Dann brachte er das Fahrzeug so hinter diesem zum Stillstand, dass es vom Tor aus nicht mehr zu sehen war.
Er stieg aus und schlich auf das Landhaus zu. Dabei kam er an einem alten Brunnen vorbei, der mit einer Holzplatte abgedeckt war.
Als Smith eine der Fensteröffnungen erreichte, blieb er stehen, packte mit beiden Händen zu und rüttelte wütend an den eisernen Stäben.
Alle Erdgeschossfenster waren vergittert. Er hatte es bereits vom Wagen aus gesehen, aber erst jetzt konnte er der Erkenntnis nicht mehr ausweichen, dass Osbury Hall besser gesichert war, als er vermutet hatte. Mit seinen Werkzeugen würde er mehrere Stunden benötigen, um auf diesem Weg in das Haus einzudringen.
Smith gab alle Vorsicht auf und marschierte zornig um das gesamte Hauptgebäude herum, bis er zehn Minuten später wieder die gleiche Stelle wie zuvor erreichte.
Das massive Eingangsportal und die wenigen Seitentüren waren ebenfalls so gut gesichert, dass er die halbe Nacht dazu benötigen würde, sie aufzubrechen. Was letzten Endes bedeutete, dass er die Sache vergessen konnte.
Smith presste die Lippen zusammen, trat einige Schritte zurück und blickte an der Wand hoch. Die Fensteröffnungen im oberen Geschoss waren ebenfalls mit Eisenstäben versehen.
In dem Mansardendach darüber befanden sich allerdings noch weitere Fenster. Und diese waren nicht vergittert.
Über ihnen waren Ziergiebel angebracht, die Smith für eine Weile genau betrachtete.
Ein Lächeln begann, sich auf seinem Gesicht auszubreiten.

*

Beim dritten Wurf umwickelte das Seil mit dem festgeknoteten Schraubenschlüssel die mittlere Zinne eines der Ziergiebel. Smith prüfte die Belastbarkeit durch einen kräftigen Ruck. Dann packte er fest zu und begann, mit sportlicher Gewandtheit an der Fassade hinaufzuklettern.
Nachdem er das Erdgeschoss überwunden hatte, fanden seine Füße auf einem schmalen Sims Halt, so dass er kurz durchatmen konnte. Dabei kam ihm unwillkürlich ein Bild in den Sinn, das ihn schon die ganze Zeit über beschäftigt hatte. Und jetzt wurde ihm auch bewusst, warum.
Der Seiteneingang, den er bei der Umrundung des Gebäudes zuletzt passiert hatte, war größtenteils frei von hohem Gras gewesen, obwohl sich dieses hier ansonsten überall ausbreitete. Smith fragte sich, ob er den Zugang noch einmal näher untersuchen sollte. Aber dann tat er den Gedanken ab und zog sich weiter nach oben.
Auch über dem zweiten Stockwerk gab es einen Sims, den er nun erreicht hatte.
Während sich die verdreckte Scheibe des Dachfensters langsam in sein Blickfeld schob, fand sein linkes Bein Halt, und er löste die rechte Hand vom Seil, um eine kompakte Brechstange aus dem Gürtel zu ziehen.
Hinter der Scheibe tauchte eine grässliche Fratze auf, direkt vor seinem Gesicht. Leere Augenhöhlen starrten ihm entgegen. Ein lippenloser Mund begann, sich zu öffnen.
Smith ließ das Seil los.
Er hörte sich selbst schreien. Für einen endlosen Moment fühlte er sich seltsam schwerelos.
Dann prallte er hart auf.
Wie aus weiter Ferne nahm er einen heftigen Schmerz wahr und musste darum kämpfen, bei Bewusstsein zu bleiben. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Blut rann aus seinem Mundwinkel.
Smith verlor jedes Zeitgefühl.
Als er schließlich das Näherkommen schleifender, viel zu langsamer Schritte vernahm, waren seine Sinne schon fast erloschen.
»Wirf ihn in den Brunnen«, sagte eine kalte Stimme.
Er wurde gepackt und fortgezogen. Er konnte sich nicht mehr dagegen wehren.
Mit einem scharrenden Geräusch wurde die schwere Holzplatte bewegt.
Als Smith hochgerissen wurde, brach sein Genick endgültig, so dass er nicht mehr miterlebte, wie sein Körper in den finsteren Schacht hinabfiel.

Taschenbuch Nr. 1 aus der Reihe: Kenrik Karner – Seher des Grauens

Autor: Perry Clifton


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