Noch ehe Marie etwas hätte erwidern können, knackte es in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt.
Marie beendete damit auch die Aufnahme und seufzte.
Der Anrufer hatte hämisch geklungen, als müsse er sich beim Sprechen nebenbei ins Fäustchen lachen. Normalerweise hätte sie das für einen Dummejungenstreich gehalten – doch dass der Mann wirklich gefährlich war, hatte er heute Abend bereits hinreichend bewiesen.
Aber weshalb sollte er so leichtfertig seine Tat ankündigen? Und auch noch, wo?
Mehrere Einbrüche und Überfälle in Sahrow und benachbarten Ortschaften gehen auf das Konto eines in der lokalen Tradition entsprechenden Maske auftretenden Mannes, den die Polizei als „Riesengnom“ bezeichnet. Kurz nach Weihnachten wird auch Marie zu seinem Opfer. Telefonisch hinterlässt ihr der Räuber Hinweise auf künftige Taten, die sie entweder vereiteln oder aufklären soll. Bald erkennt sie das Muster, nach dem er vorgeht. Die Zeit zwischen den Jahren verbringen Marie und die Polizei damit, den augenscheinlich vom Wahnsinn befallenen Serientäter zu jagen.

Leseprobe (I. Abschnitt)
Am Abend des 27. Dezember traf Marie eine völlig alltägliche Entscheidung, von der man hinterher spekulieren würde, ob jemand dies vorausberechnet hätte.
Die Weihnachtsfeier auf dem Hugo-Wendorff-Platz im östlichen Teil der Ortschaft Sahrow, eine beschauliche, doch amüsante, eben für einen Ort dieser Größe angemessene Fete, hatte sie vorzeitig verlassen. Allerdings nicht ohne einen Blick zurück – denn als ob dieses Jahr ein besonders ergiebiges darzustellen verspräche, was Süßigkeiten betraf, so waren diesmal besonders viele Kinder mit schrägen Kostümen unterwegs gewesen, um sich auf das für Silvester angesetzte Rummelpottlaufen einzustimmen, einen in dieser Gegend noch sehr lebhaften Brauch, bei dem man, Halloween im Herbst nicht ganz unähnlich, um die Häuser zog und Naschwerk sammelte. Einige hatten zur Bescherung wohl nicht die gewünschte Menge eingeheimst – hatte Marie zumindest vermutet. Oder man betrachtete die Raunächte als Ganzes als Grund zum Feiern und nahm sich somit die erwachsene Bevölkerung von Sahrow und Umgebung zum Vorbild, die bei dieser Gelegenheit gern dann und wann den Glühweinstand belagerte.
Zusammen mit der schon etwas größer gewordenen Dorfjugend um Sally Machnow und ihrer chaotischen Clique, die ihr gut bekannt war, hatte sich Marie zu Klängen des gemeinsamen Musikvereins beider Ortsteile, im Volksmund scherzhaft ›Sahrower Philharmoniker‹ genannt, auf der Tanzfläche verausgabt.
Angesichts der glatten Straßen, trotz Temperaturen knapp über null Grad, hatte Marie aufs Fahrrad verzichtet und war mit dem Bus aus dem heimatlichen Westteil angereist. Dies plante sie auch jetzt zu tun. Vorher wollte sie jedoch noch etwas von dem Taschengeld abheben, das es zu Weihnachten extra gegeben hatte. Maries Eltern hatten es zwischen zwei Geschäftsreisen versäumt, ausreichend Bares aufzutreiben. Immerhin hatten sie an alle anderen Geschenke gedacht – ehe sie am Mittag des ersten Weihnachtstages wieder abgereist waren.
Für diesen Zweck ging sie an der Polizeiwache vorbei und steuerte nicht die Ersatzhaltestelle für den Bus an, welche dieser aufgrund der Feierlichkeiten bedienen musste, sondern folgte der parallel zum Seeufer verlaufenden Hauptstraße, wovon jetzt in der Dunkelheit freilich wenig zu sehen war, ein Stück heimwärts, um an der nächsten Straßenecke rechts abzubiegen und nach zwei Häusern zu einer Filiale der Sparkasse zu gelangen.
Während Marie noch leise das Spottlied vor sich hin summte, das die Kinder einstudiert hatten, für den Fall, dass Leute die Herausgabe von Süßigkeiten verweigerten oder einfach nicht zu Hause waren – Witten Tweern, swatten Tweern, giezich Lüüt, de gifft nech gern! –, stellte sie fest, dass sich der Geldautomat neben dem hell erleuchteten Eingang offenbar ebenfalls geizig gab, denn ein Schild darüber verkündete, er sei bedauerlicherweise außer Betrieb.
Auf dem Bürgersteig bemerkte sie bei einem Blick zurück einen Spaziergänger. Es war ein hagerer Mann im braunen Mantel mit spitzem Gesicht. Er schien zu grinsen – wahrscheinlich kannte er das Spottlied auch. Er ging allerdings weiter, ohne einen Ton zu sagen.
Sie seufzte lautstark. Zum Glück war allerdings die Filiale selbst geöffnet. Vielleicht gab es drinnen noch einen weiteren Automaten, der funktionierte. Oder sie musste ihre Geschäfte am Schalter erledigen, wie in grauer Vorzeit.
Beim Betreten der Filiale dämmerte ihr, dass wohl Letzteres zutraf. Der sehr kleine Außenposten der Sparkasse Mecklenburg-Nordwest bestand nicht aus mehr als dem Schalter und dem normalerweise funktionierenden Automaten draußen.
Außer einem Angestellten am Schalter, einem Mittfünfziger mit leicht ergrautem, kurzem Blondhaar, eisgrauen Augen und einigen Falten, war niemand da.
Also trat Marie heran, während sie ihre Bankkarte aus ihrer Tasche hervorkramte. »Moin!« grüßte sie dabei.
»Moin«, grüßte der Angestellte zurück, den ein kleines Namensschild als Herrn Tederan auswies. »Wie kann man Ihnen behilflich sein?«
»Ich wollte nur etwas Bargeld abheben«, erklärte Marie, »aber der Automat draußen funktioniert nicht.« Sie schob ihre Karte durch das Fenster, welches offenbar noch aus früheren Zeiten stammte und sich problemlos ganz öffnen ließ.
Herr Tederan nahm die Karte an und warf einen kritischen Blick darauf.
»Herzogtum Lauenburg«, stellte er fest.
»Ja, ich wollte mir einen Umweg sparen«, gab sie zu. »Ich wohne drüben an der Westkante.«
Herr Tederan nickte. »Paurois, Marie. Ja. Sagt mir was.« Er zog die Karte durch ein Lesegerät. »Wieviel darf’s denn sein? Hoffentlich nicht mehr als zweihundert?«
»Hundertfünfzig reichen«, antwortete Marie. »Auch wenn der Kinderpunsch auf der Fete mittlerweile auch schon reichlich teuer ist.«
Herr Tederan schien recht erleichtert zu sein, dass Marie mit einer kleinen Summe zufrieden war.
Er tippte auf seinem Computer herum, nickte nochmals, als könne er auf dem Wege die Eingabe bestätigen, öffnete die Schublade und holte zwei Fünfziger, einen Zwanziger, zwei Zehner und zwei Fünfer hervor. Dazu legte er Maries Karte und eine Quittung.
In diesem Moment hörte Marie noch, wie die Eingangstür erneut geöffnet wurde.
Tederan lief kreidebleich an.
Eine eindeutig männliche, aber extrem schrille Stimme lachte. »Schönen guten Abend! Ich hoffe, ich störe nicht weiter – das hier ist nur ein kleiner Überfall, hähähä!«
Marie drehte sich um – und blickte in die grünlich leuchtende Fratze eines Gnoms.
Diese wollte so gar nicht zur hochgewachsenen und spindeldürren Statur des Mannes passen. Dafür trug er einen langen, kirschroten Wintermantel und schwarze Handschuhe. In einer Hand – der rechten – hielt er einen Revolver.
Sie hob langsam die Hände.
Doch da zischte der Mann auch schon: »Du da! Leg dich auf den Boden!«
Marie ging langsam in die Knie und ließ sich bäuchlings zu Boden fallen.
Über sich hörte sie die schrille Stimme weiterhin kreischen: »Und du! Kohle her, oder es knallt!«
Marie hörte Herrn Tederan nervös in der Schublade kramen. »Viel haben wir aber nicht …«, stotterte er dabei.
»Weiß ich! Rück ’nen Stapel Fuffis raus, mehr will ich nicht! Nur die Fuffis!«
Marie vernahm das Rascheln von Papier. Der Räuber stand mit den Füßen exakt vor ihrer linken Hüfte, wie sie feststellte. Er trug dunkelbraune Lederstiefel. Der Wintermantel endete nur wenige Zentimeter über dem Boden.
Sich aufzurichten, um vielleicht noch mehr Details zu bemerken, wagte sie sich allerdings nicht.
Eine Plastiktüte raschelte über ihr. Darin verschwand offenbar das Geld.
Dann verweilte der Räuber kurz. Er schien über etwas nachzudenken.
Doch dann kreischte er: »Auf den Boden! Ja, du auch!«
Damit meinte er offensichtlich Tederan, welcher zu gehorchen schien; jedenfalls musste der Räuber ihm das kein zweites Mal sagen.
Danach machte er auf dem Absatz kehrt – nur um kurz vor der Eingangstür noch einmal stehen zu bleiben.
Jetzt richtete sich Marie doch leicht auf, die Hände auf dem Boden abstützend.
»Unten bleiben!« kreischte der Räuber. »Ihr bleibt beide liegen! Und keiner folgt mir! Sonst …«
Urplötzlich riss er seinen Revolver in die Höhe, zielte in die Decke – und schoss.
Etwas vom weißen Putz des alten Gebäudes rieselte zu Boden.
Schnell ließ sich Marie wieder sinken.
»Wir verstehen uns also«, sagte der Räuber seltsam zufrieden – und verschwand durch die Tür.
[…]
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