Da die Spuren allerdings nicht sehr weit führten, sondern nach wenigen Metern vor dem nächsten Gestrüpp endeten, notierte sich Marie dies im Geiste und ging hinüber zur Jagdhütte.
Zu ihrer Überraschung war die Tür nicht verschlossen. Auch nicht versiegelt, wie es sonst bei Tatorten nicht unüblich war.
Auch war, wie sie einen Moment später feststellte, das karge, jedoch nicht ungemütliche Interieur kaum berührt worden, seit sie die Behausung zuletzt von innen gesehen hatte.
Als der frischgebackene Erbe eines beträchtlichen Vermögens aus Sahrow spurlos verschwindet, wendet sich seine jüngere Schwester hilfesuchend an Marie. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg ins nahegelegene Moor, wo sie den Vermissten gefesselt in der Jagdhütte der Familie auffinden. Nicht nur eine ominöse Freundin des Opfers gibt Marie Rätsel auf, sondern auch eine andere, nicht wahrgenommene Verabredung für die Tatzeit. Marie muss eine ungeheuerliche, gefährliche Intrige aufdecken.

Leseprobe (I. Abschnitt)
Eine dichte Decke aus Regenwolken verlieh dem Oktoberhimmel ein trübes Grau, doch der Herbstregen hatte die kleine Ortschaft Sahrow am Sahrower See bereits gestern erreicht und war inzwischen erfolgreich fortgezogen. Der nächste war erst für die kommende Woche angekündigt worden. Bis dahin würde sich abschnittsweise sogar mal die Sonne zeigen; dies behauptete jedenfalls der Wetterbericht.
Als Marie Paurois den Schotterweg von der Seeuferstraße zum Gut Brambek hinter sich gelassen hatte, um dessen Vorplatz zu erreichen, erspähte sie durch die leichten Nebelschwaden hindurch bereits die Schimmelstute Countess Vera sowie die Fuchsstute Dulcie, an den Zügeln geführt von einem Marie mittlerweile wohlbekannten blonden, grünäugigen Mädchen in ihrem Alter, das sie bereits grinsend in Empfang nahm.
»Auch schon da!« rief ihr Annika Hinrichs zu. »Und ich wollte schon ’nen Suchtrupp anrücken lassen. Hast du dich verirrt, auf dem knappen Kilometer von eurer Bude hierher?«
»Ich stand im Stau«, gab Marie zurück und grinste ebenfalls. »Hättest du mal den Verkehrsfunk gehört.«
»Das Signal der Buschtrommeln reicht heute nicht so weit«, meinte Annika. »Zuviel Gegenwind.« Sie trug bereits einen Helm und warf der Schwarzhaarigen kurzerhand einen zweiten zu.
Marie fing ihn einigermaßen geschickt auf und versah sodann ihr Haupt damit. »Und ich dachte, es wäre einfach nur so neblig, dass du nicht mehr richtig hören kannst«, meinte sie.
Annika schüttelte den Kopf. »Von Wasserdampf werde ich nicht taub, ich kann nur schlechter riechen.«
Noch während sie ihre Späße machten und Annika Countess Vera an Marie übergab, näherte sich ein drittes Mädchen, etwa ein Jahr älter, dunkelblond und mit ähnlich braunen Augen wie Marie, sowie einen halben Kopf größer.
»Moin!« grüßte sie, freundlich, aber verunsichert, und erkundigte sich direkt: »Verduftet ihr?«
Annika schnaufte. »Nee, Jette, wir stehen hier nur einfach gerne herum. Mit den Pferden.«
Marie verdrehte die Augen. »Wir sind so gut wie vom Acker«, meinte sie. »Die übliche Runde um den See.«
Jette nickte. »Also nicht nach Bagnow?«
Annika hob die Schultern. »Ginge natürlich auch. Ist bestimmt schön unheimlich, so bei Nebel.«
Marie blickte ihre Mitschülerin genau an. Sie kannte Jette Trundholm nicht nur vom Gut, sondern auch aus der Schule, wohingegen Annika, die auf eine andere Schule ging, Jette bisher nicht häufig begegnet war. »Stimmt irgendwas nicht?« bemerkte sie. »Du siehst nicht allzu fit aus.«
Jette seufzte. Vor Marie konnte man wahrlich nicht viel verbergen. »Ich mach mir Sorgen um meinen Bruder«, antwortete sie.
Marie und Annika hoben synchron die Augenbrauen. »Was ist mit Fabian?« wollte Marie wissen.
»Er ist seit gestern verschwunden. Spurlos.« Jette seufzte erneut. »Ich weiß ja, dass er sich viel herumtreibt, aber normalerweise verschwindet er nicht, ohne was zu sagen. An sein Handy geht er auch schon seit gestern Abend nicht mehr.«
»Vielleicht hat er einfach woanders übernachtet?« spekulierte Annika. »Bei Freunden oder so?«
Marie pflichtete ihr bei. »Ist er nicht schon achtzehn? Dann kann er ja gehen, wohin er will.«
»Ja …«, gab Jette zögerlich zurück. »Aber er sagt normalerweise immer Bescheid, wenn er weggeht. Und er wäre irgendwie erreichbar. Oder irgendwann am nächsten Tag einfach wieder da. Aber es ist schon Nachmittag, und kein Lebenszeichen.«
»Und jetzt willst du ihn suchen«, riet Annika.
Jette nickte. »Sein bester Kumpel Hinnerk wohnt in Bagnow. Aber ihn hab ich erreichen können; Fabi war gestern Abend noch da, ist aber irgendwann Richtung Sahrow aufgebrochen. Er war mit dem Mofa da. Mehr weiß er auch nicht. Vielleicht hatte er einen Unfall. Aber auf der Landstraße … das wüssten wir doch längst, nicht? Da sind doch Leute ohne Ende unterwegs.«
Marie überlegte. »Wenn er mit dem Mofa unterwegs war, könnte er die Abkürzung durchs Moor genommen haben«, meinte sie. »Ist zwar eigentlich verboten, aber hier macht ja eh jeder, was er will. Aber selbst wenn er dort irgendwo einen Unfall gehabt hätte, wäre das längst jemandem aufgefallen. Dem Förster vielleicht, oder Passanten.«
»Ich reite trotzdem hin«, entgegnete Jette. »Mir ist eben eingefallen, ich hab noch gar nicht in der Jagdhütte unserer Eltern nachgeschaut. Vielleicht hat er dort übernachtet. Er ist ja Jäger und hat den Schein seit zwei Jahren. Ich glaub’s zwar nicht, aber ich muss hin. Da gibt’s keinen Handyempfang, das würde erklären, warum ich ihn nicht erreiche. Auch wenn ich die Gegend schon immer etwas unheimlich fand …«
»Wenn du willst, kommen wir mit«, bot Annika an und vergewisserte sich mit einem Seitenblick, dass Marie nichts dagegen hatte.
»Zu dritt ist’s weniger unheimlich«, meinte diese, und damit war für Annika klar, dass die Planänderung in Kraft war.
Jette blieb kurz der Mund offenstehen. »Echt jetzt? Danke euch! Ich hol dann eben Black Fury aus der Box. Aber Frau Brambek müssen wir ja auch noch Bescheid geben. Oder habt ihr das schon erledigt?«
»Ich hab sie schon informiert«, erwiderte Annika. »Katzensticks für Tessi sind auch abgeliefert. Die Dame braucht schließlich langsam Winterfell.«
Marie ergänzte: »Und ich schätze mal nicht, dass ›Frau Brambek‹, wie du sie nennst, das schon vergessen haben wird – immerhin ist sie jetzt nicht steinalt. Sogar noch jung genug, sodass du sie auch einfach Fenja nennen könntest, so wie jeder andere hier.«
Nun musste Jette erstmals grinsen. »Ich kann’s ja nicht ändern, wenn ihr alle schon so vergesslich seid, dass ihr nicht mehr wisst, wo ihr eure Manieren gelassen habt.«
Annika hatte bereits ihren linken Fuß in Dulcies Steigbügel und machte sich ans Aufsitzen. »Wenn wir noch weiter über Manieren diskutieren, sind wir morgen früh noch nicht da!« meinte sie.
Jette hielt sich die flache Hand an die Schläfe und salutierte kurz. »Ist angekommen!« vermeldete sie und ging hinüber zum Stall, um den Rapphengst Black Fury zu satteln.
[…]
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