


Ausgelassen feiern Charlotte und die anderen Teilnehmer der Vergnügungsfahrt auf der Yacht CALIPSO. Gemütlich geht es die amerikanische Ostküste hinunter. In einigen Tagen wird die Karibik erreicht werden. Doch dann häufen sich die Widrigkeiten, und aus dem Urlaubstörn wird tödlicher Ernst, der schon bald Opfer fordern wird.
| Gesamtlänge: 19.600 Wörter von marcm200 |
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Die luxuriöse 25-Meter-Yacht glitt gemächlich mit ausgeschaltetem Motor über das glatte Meer. Weit jenseits der Ostküste Floridas brannte die Sonne unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herab. Nur die schwache Brise, die seit Stunden von Westen her wehte, brachte den neun Gästen an Deck ein wenig Kühlung. An den typischen Meeresgeruch hatten sich alle schon längst gewöhnt und nahmen ihn gar nicht mehr als erfrischend wahr.
Ausgelassen feierten die meisten der jungen Erwachsenen auch am vierten Tag der Reise, die sie bis in die Karibik führen sollte. Zeitdruck verspürte niemand, und so dümpelte die Yacht nicht selten für Stunden dahin, während die Frauen und Männer ein Bad im Meer genossen.
Die CALIPSO fuhr durch eine inselreiche Region. Auf mehreren hundert Meilen in Nord-Süd-Richtung verteilten sich unzählige Landmassen, die jedoch nur selten eine Ausdehnung von über einer Meile erreichten. Die Yacht hatte bereits mehrmals in der Nähe einer dieser kleinen Inseln geankert. Manche Gäste waren an den Strand geschwommen, um ein wenig festen Boden unter den Füßen zu spüren.
Gerade sprang ein Wagemutiger in den blauen Ozean, um sich abzukühlen. Es klatschte laut, als er in das Wasser eintauchte und davonschwamm. Die Leiter an Steuerbord war heruntergelassen und reichte bis ins Wasser. Das Einsteigen war so auch bei leichter Fahrt problemlos möglich.
Charlotte döste an der Bugspitze vor sich hin und sonnte sich auf dem großen, roten Badetuch. Wie die restlichen Gäste auch trug sie nur Badebekleidung, denn für alles andere war es schlicht zu heiß. Der türkisfarbene Bikini hob sich deutlich von ihrer leicht geröteten Haut ab, hatte sie doch am ersten Tag die Stärke der Sonne in diesen Breiten unterschätzt. Eine große Sonnenbrille schützte ihre empfindlichen Augen. Charlotte hielt einen Fruchtcocktail in der Hand und nippte gelegentlich daran. Die Reste der Eiswürfel klirrten leise.
Auf der Brücke taten Kapitän Edward Smith und ein Bootsmann weiter Dienst. Das dritte Crewmitglied verabschiedete sich in diesem Moment, um das Abendessen vorzubereiten.
Die nächste Stunde änderte sich nichts an der Szenerie. Müßiggang herrschte vor.
„Leute, umziehen!“, rief ein junger Mann schließlich, als er ein Zeichen des Bootsmanns erhielt. Er klatschte lautstark in die Hände. Die Schallplattenmusik wurde gestoppt.
Charlotte schrak aus ihrem Halbschlaf hoch. Sie schob die Sonnenbrille in das schwarze Haar, rieb sich einmal über die müden Augen und zog sich an der Reling hoch. In der Ferne konnte sie den dünnen Strich einer weiteren Insel erkennen. Es schien sich diesmal um eine der größeren zu handeln.
Charlotte ging unter Deck. Nach einer raschen Dusche traf sie in der Kabine auf Nina Herbert, mit der sie sich die kleine Unterkunft teilte.
„Irgendwie ist mir heute danach, mich besonders schick zu machen“, sagte Nina und hielt ein gewagt kurzes hellblaues Kleid vor ihren Körper. Es passte hervorragend zu ihren roten, gelockten Haaren.
Wie alles, was Nina mitführte, stammte es aus der Kollektion eines der bekanntesten Modeschöpfer der letzten Jahre und war sündhaft teuer gewesen, wie Charlotte wusste. Aber Ninas Eltern besaßen mehrere Maschinenfabriken. Geld war reichlich vorhanden. Und in ein paar Monaten, wenn Nina zusammen mit ihrem Bruder die Leitung der Werke offiziell übernehmen würde, konnte sie auch ohne Einschränkungen über ihren Trust Funds verfügen.
„Hast du ein Auge auf jemanden geworfen?“, fragte Charlotte und wickelte sich aus dem Handtuch. Sie hatte sich für legere Kleidung entschieden, wie es die meisten Gäste seit Tagen taten. Sie wechselte in Jeans und einen dünnen, lilafarbenen Sommerpullover, schob automatisch und ohne nachzudenken Block und Stift in die hintere Hosentasche und zog ratschend den Reißverschluss des Reisekoffers zu.
Plötzlich flackerte das Licht in der Kabine für ein paar Sekunden. Charlotte hob überrascht den Kopf. Elektrische Probleme hatte es während der Reise keine gegeben, und auch sonst war bis jetzt alles ohne Beanstandungen verlaufen. Doch die Lampe normalisierte sich rasch wieder. Charlotte nahm die Bürste, fuhr sich ein paar Mal durch die Haare und kämmte sie in den Nacken. Sie war bereit für das Dinner. Geduldig wartete sie ein paar Minuten, bis Nina ihr Make-up beendet hatte. Dann verließen die beiden die Kabine und wandten sich den Gang hinunter zur Messe.
Andere Gäste begegneten ihnen, und schnell war eine lebhafte Unterhaltung in Gang gekommen. In der Messe setzten sich alle ungezwungen, wo gerade Platz frei war.
„Schau!“, sagte Nina leise und deutete auf die Tür des großen Gemeinschaftsraumes. „Die gute Geneviève braucht mal wieder ihren Auftritt.“
Charlotte wandte den Kopf. Geneviève Talbot, eine hochgewachsene Frau mit blonden, langen Haaren und klassisch aristokratischen Gesichtszügen, betrat den Raum. Sie gab sich immer recht unnahbar, und Charlotte hatte noch nicht viele Worte mit ihr gewechselt. Langsam schritt Geneviève zu dem noch freien Platz neben Henri. Sie trug Unmengen an Schmuck – mehrere Halsketten, Armreife und edelsteinbesetzte Ringe.
„Ich frage mich jedes Mal“, sagte Nina zwischen zwei Bissen des gedünsteten Fischgerichts, „ob sie echten Schmuck trägt. Ich meine, wer nimmt schon diese Menge an Pretiosen mit auf eine simple Vergnügungsreise?“
„Ich denke schon, dass alles echt ist“, erwiderte Charlotte und wischte sich den Mund an der Serviette ab. „Ich habe sie gestern beim Kapitän getroffen, und da hat sie eine große Schmuckschatulle in den Bordsafe gelegt.“
Viele Gäste sprachen dem Wein zu, andere tranken Bourbon. Charlotte hielt sich an alkoholfreie Cocktails. Es gab noch einige auf der Karte, die sie noch nicht probiert hatte. Aber die Reise sollte noch eine Woche dauern. Zeit genug dafür blieb daher.
„Also“, sagte Henri überlaut in das Geschirrgeklapper und Stimmengewirr hinein und deutete auf sein leeres Glas. Er war hörbar angetrunken. „Mal schauen, was das Meer der Cocktails noch so bereithält.“ Er grinste dümmlich über sein Wortspiel, stand auf und ging leicht unsicher auf den Beinen zur Bar.
Alles war wie immer in den letzten Tagen…
…bis plötzlich ein harter Ruck durch die Yacht fuhr. Nina wurde zur Seite geschleudert. Ihre Schulter prallte an Charlotte, die daraufhin ihr Glas fallen ließ. Es zerbrach fast lautlos auf dem dunkelroten Teppich.
„Was…“, rief Colin, mit 27 Jahren der Älteste der Gruppe.
Ein durchdringend lautes, scharrendes Geräusch ließ ihn verstummen. Es klang, als schabte Holz auf Holz. Dann folgte das Quietschen von Metall. Der Motor der Yacht heulte auf, und es gab einen zweiten Ruck in Richtung Bug, da der Kapitän offenbar die Fahrtrichtung umkehrte. Charlotte presste den Rücken an die Kabinenwand, um nicht ebenfalls zur Seite geschleudert zu werden.
Als die Fahrtbeschleunigung nachließ, sprang Colin auf und lief hinaus. Charlotte folgte ihm. Laut dröhnten die Schritte auf dem Korridor. Eine halbe Minute später hatten sie die Brücke erreicht. Doch Curt, der erste Bootsmann und Navigator, gab ihnen mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie warten mussten.
Der Kapitän sprach mit kontrollierter Stimme in das Funkgerät. „Hier spricht die Yacht CALIPSO. SOS! SOS! Etwas hat den Rumpf gerammt. Unsere Position ist…“ Er blickte zu dem Bootsmann, der, nachdem er einige Werte auf den Skalen der Instrumente abgelesen hatte, hastig mit Lineal und Stift auf einer Seekarte herumzeichnete.
„Curt, hast du sie?“
„Ich mache, so schnell ich kann. Aber der Kontakt zum TRANSIT-System ist ausgefallen. Wir erhalten kein Satellitensignal. Ich muss unsere aktuelle Position manuell nach Fahrt und letzter gesicherter Position abschätzen.“
Der Kapitän wiederholte seinen Hilferuf. Dann gab er Curts Positionsmeldung durch. Mit angespannter Miene wartete er auf Antwort. Doch es kam nur weißes Rauschen aus dem Äther.
Charles, der zweite Bootsmann, kam in diesem Moment auf die Brücke gestürzt. Außer Atem berichtete er: „Der Kiel wurde durchstoßen. Wodurch, ist unklar. Es klafft ein kopfgroßes Leck. Ich habe es notdürftig mit Tüchern gestopft und Möbel davorgeschoben, um den Wassereinstrom etwas zu verlangsamen.“
Charlotte und Colin sahen sich alarmiert an. Diese Meldung verhieß nichts Gutes. Und die Anordnung des Kapitäns, die folgte, bestätigte ihre Ahnung.
„Verschließt die vordere Kabine und dichtet sie ab, so gut es geht. Das bringt uns einen Zeitgewinn.“ Er wandte sich an die Gäste. „Sie haben es gehört. Um es ganz deutlich auszudrücken: Wir werden sinken. Die Yacht verfügt nicht über druckdichte Schotte. Aber es besteht kein Grund zur Panik. Packen Sie alles zusammen und kommen sie so schnell wie möglich auf das Oberdeck. Wir warten auf Hilfe.“
Charlotte und Colin nickten, liefen zurück in die Messe und gaben die Anordnung weiter. Panikerfüllt strömten die Menschen daraufhin in den Korridor. Der ein oder andere drängelte sich rücksichtslos vor. Alle verschwanden in ihren Kabinen und warfen in die Koffer, was für nötig befunden wurde. Anderes wurde zurückgelassen. Jeder wollte so schnell wie möglich an Deck. Charlotte musste nicht viel packen, hatte sie doch ohnehin das meiste in ihrem Koffer belassen. Sie entnahm diesem eine fingerlange Plastikdose, die sie in die linke Tasche ihrer Jeans schob, lief dann zur Minibar und warf alle Snacks und Getränke in den Koffer. Anschließend rannte sie hinaus. Sie war eine der ersten, die auf dem Deck standen.
Zehn Minuten später war das Oberdeck von Menschen überfüllt.
„Wir sind schon deutlich tiefer“, rief die ansonsten eher schweigsame Tabitha schrill und blickte über die Reling.
„Unsinn!“, widersprach Thomas und legte den Arm um sie. Die beiden waren sich im Laufe der Tage an Bord nähergekommen. „Außerdem ist man nicht tiefer, sondern der Tiefgang erhöht sich“, setzte er mit ruhiger Stimme fort.
„Wir saufen ab, du Idiot!“, giftete Tabitha zurück und entwand sich seiner Umarmung.
Nervös verlagerten die Menschen das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Sie starrten angestrengt auf das Meer hinaus. Doch nirgends war ein anderes Schiff zu sehen.
„Wann kommt denn endlich die Hilfe?“, fragte Kelly Logan verängstigt. Sie war die Jüngste der Runde und hatte in der Vorwoche erst ihren 18. Geburtstag gefeiert. Sie hielt die Hand ihres Freundes Daniel so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. Die Reise auf der CALIPSO war das Geschenk ihrer Eltern. Die Logans, in der High Society von Toronto oft und gern gesehen ob ihres Reichtums und der Spendenbereitschaft, wussten allerdings nichts von Daniels Anwesenheit.
Der Kapitän betrat das Vordeck. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir auf unsere Hilferufe keine Bestätigung empfangen haben. Es ist daher unklar, ob uns jemand gehört hat und bereits unterwegs ist.“
Vielstimmiges, erschrockenes Einatmen folgte seinen Worten.
„Nein!“, schrie Tabitha und krallte sich in Thomas‘ Oberarm. „Das ist unser Ende!“
Der Kapitän fuhr mit ruhiger Stimme fort: „Nein, Miss Conley. Sehen Sie da hinten die Insel? Wir nehmen die Ruderboote und setzen über. Dort sind wir erst einmal in Sicherheit. Es besteht weiter kein Grund zur Panik. Wir sind auf solche Fälle gut vorbereitet.“
Curt nahm auf der vorderen Ruderbank des ersten Rettungsbootes Platz und bat Colin auf die hintere. Danach stiegen weitere vier Gäste ein, darunter auch Charlotte. Charles reichte ihnen drei Koffer, eine Leuchtrakete und mehrere Flaschen Mineralwasser. Dann wurde das Rettungsboot ausgeklinkt, rutschte die schiefe Ebene am Heck hinab und klatschte ins Wasser. Die beiden Männer begannen im Gleichklang zu rudern. Curt drehte immer wieder den Kopf, um danach gelegentlich die Richtung des Boots ein wenig zu korrigieren. Aber der Strand der Insel war lang und die Strömung schwach. Nach kurzer Zeit hatten sie die paar hundert Meter Entfernung zurückgelegt und das seichte Wasser erreicht. Charlotte sah bereits den Meeresgrund. Die beiden Ruderer sprangen ins Wasser und schoben das Boot noch ein Stück weiter.
Charlotte und die drei anderen stiegen aus. Colin reichte jedem ein Gepäckstück, und die Gruppe watete durch das zu Beginn bis zum Oberschenkel reichende Wasser hinauf auf den breiten Sandstrand, hinter dem eine üppige Vegetation wuchs: Palmen, Laubbäume in grüner Pracht und dichte Büsche. Was noch weiter dahinter lag, ob die Insel vielleicht nur ein schmaler Streifen war, konnte man nicht erkennen.
Als sie das Gepäck abgestellt hatten, hörten sie bereits den Ruderschlag des zweiten Boots. Charles steuerte, Thomas saß an der zweiten Ruderbank. Rasch waren die anderen Gäste der Yacht am Strand angekommen. Auch sie hatten einige Koffer sowie weitere Verpflegung dabei.
Curt wandte sich an die Geretteten. „Charles und ich fahren noch eine Tour. Wir bringen das tragbare Funkgerät sowie weiteren Proviant. Sie warten bitte hier.“
Colin widersprach. „Wir wären schneller, wenn zwei Boote und vier Ruderer zurückführen. Das Transportgewicht könnte besser verteilt werden.“
„Das ist korrekt. Aber zum einen bleibt noch genügend Zeit. Die Yacht sinkt sehr langsam. Und zum anderen sind wir als Crew für Sie verantwortlich. Sie sind nun in relativer Sicherheit. Alles andere ist unsere Aufgabe.“
Colins Gesicht drückte aus, dass er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden war, aber er fügte sich. Charles und Curt stiegen in das gerade angekommene Rettungsboot. Mit kräftigen Ruderschlägen steuerten sie den Kahn zurück zur Yacht. Der Kapitän hatte auf der Brücke das Licht eingeschaltet, sodass das Boot weithin sichtbar war.
Die Menschen am Strand blickten gebannt zur Yacht hinüber. Bald war das Rudergeräusch nicht mehr zu vernehmen. Charlotte konnte nur noch einen schwachen Schemen ausmachen, der dann aber in der Ferne verschwand. Eine Minute geschah nichts, dann verdunkelte sich das Licht auf der Brücke ein wenig. Jemand war in das Innere des Bootes gestiegen.
„Sie sind angekommen“, stellte Colin fest, der den Lichtabfall ebenfalls gesehen hatte.
Wieder geschah für ein paar Minuten nichts…
…doch dann zerriss ein gewaltiger Donner die Stille. Die grellgelbe Stichflamme einer Explosion schoss meterhoch empor, und brennende Trümmerteile fielen ins Meer.
Entsetzen überzog die Gesichter.
„Oh Gott!“, flüsterte Kelly und hielt sich die Hand vor den Mund. Nicht nur ihr Gesicht hatte sämtliche Farbe verloren.
„Wir müssen uns für die Nacht vorbereiten“, sagte Colin in das Schweigen hinein. Seine Stimme klang gefasst. „Für die drei können wir nichts mehr tun.“
Charlotte schüttelte energisch den Kopf. „Wir müssen sie suchen. Vielleicht haben sie überlebt, und die Explosion sich irgendwie vorher angekündigt. Wir haben ein Boot. Ich rudere hinaus. Wer hilft mir?“ Auffordernd blickte sie in die Runde.
Thomas trat vor. „Ich komme mit.“
„Unnütze Arbeit“, meinte Colin verächtlich und winkte ab. „Spart lieber eure Energie.“
Charlotte und Thomas ignorierten ihn. Hastig zogen sie ihre Schuhe und Kleidung aus. In Unterwäsche rannten sie auf das im seichten Meer dümpelnde Ruderboot zu. Ihre Schritte platschten laut, und Wasser spritzte hoch. Charlotte schob das Boot weiter in den Atlantik hinaus, kletterte an Bord und setzte sich auf die strandferne Bank. Sie griff die Ruder und legte sie in die Führung. Thomas tat es ihr nach. Sekunden später zogen sie kräftig und mit regelmäßigen Atemzügen durch. Rasch nahm die Geschwindigkeit zu, und die Unglücksstelle kam näher. Das, was nach der Explosion noch von der Yacht in einem Stück übriggeblieben war, brannte weiterhin lichterloh.
Die beiden blickten sich immer wieder suchend um, starrten hochkonzentriert auf die Oberfläche des Meeres, um jede auch noch so kleine Bewegung zu erkennen. Vielleicht winkte jemand mit letzter Kraft, um auf sich aufmerksam zu machen. Zusätzlich schrien sie immer wieder die Namen der Crewmitglieder. Doch ein Erfolg war ihnen nicht beschieden.
Schließlich hatten sie sich dem Trümmerfeld so weit genähert, dass die Hitze der Flammen schon deutlich zu spüren war. Auf ein kurzes Kopfnicken von Charlotte hin ließen sich beide ins Wasser gleiten. Sie holten tief Luft und tauchten hinab. Das Flackern des Brandes und das schwächer werdende Licht des zur Neige gehenden Tages erlaubten nur eine geringe Sichtweite. Charlotte tauchte dennoch ein paar Meter tiefer. Hektisch blickte sie sich um, aber sie konnte die Crew nirgends sehen. Auch der Meeresboden war nicht auszumachen. Keuchend kam sie für einen Moment an die Oberfläche, sog gierig ihre Lungen voll und wagte einen zweiten Vorstoß. Auch Thomas tauchte immer wieder hinab.
Doch nach einigen Anläufen schwand ihnen die Kraft, und Charlotte gestand sich ein, dass es keinen Sinn hatte, jetzt noch weiter zu suchen. Zuviel Zeit war vergangen, als dass jemand unter Wasser noch am Leben sein konnte. Außerdem fehlte ihnen die nötige Ausrüstung, um das Meer sinnvoll abzusuchen. Die Taschenlampe in ihrem Gepäck hätte geholfen, aber Charlotte hatte noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, überhaupt nachzuschauen, wessen Koffer am Strand lagerten.
Als sie das nächste Mal auftauchte, sah sie, wie Thomas zum Rettungsboot schwamm.
„Es hat keinen Zweck“, rief er herüber.
Charlotte kraulte ebenfalls zum Boot zurück. Auf ein Hineinklettern verzichteten beide. Stattdessen hielt je eine Hand den Bootsrand fest, und die andere vollführte ausholende Schwimmbewegungen. Sie zogen das Boot zum Strand zurück.
Kelly und Daniel liefen ihnen entgegen und nahmen das Boot in Empfang, das sie danach bis auf den Sandstrand hinaufzogen. Geneviève reichte den durchnässten Tauchern Handtücher. Charlotte rubbelte sich rasch trocken und zog ihre Kleidung wieder an. Die Luft war merklich kühler geworden.
Colin stand mit verschränkten Armen neben dem Boot und zeigte ein arrogantes Lächeln. Doch bevor er etwas sagen konnte, zischte Thomas ihm zu: „Ein Wort, du Arsch, und ich knall‘ dir eine.“ Seine Augen funkelten angriffslustig.
Colin lachte leise. Es klang höhnisch. Aber er verkniff sich eine Bemerkung zur erfolglosen Suche. Stattdessen klatschte er in die Hände. Fast alle Köpfe wandten sich ihm zu. Charlotte aber blickte zuerst auf das Meer hinaus, wo die Sonne schon sehr tief am Horizont stand. Nicht mehr lange, und sie würde untergehen.
Gut, dachte sie. Zwei Minuten gebe ich ihm.
Auch sie richtete nun ihre Aufmerksamkeit auf Colin.
„Ich schlage vor, dass wir Inventur machen und uns dann hier für die Nacht einrichten. Sammelt Holz, dann machen wir ein Feuer zur Abwehr möglicher Tiere. Und morgen erkunden wir die Insel. Vielleicht lebt hier jemand.“
„Wer hat dich zum Boss ernannt?“, bellte Thomas.
Colins Stimme blieb kühl, aber seine Körperhaltung drückte Aggressivität aus. „Niemand. Aber ich bezweifle, dass du einen besseren Vorschlag hast, oder?“
„Colin hat recht“, mischte sich Charlotte ein. „Das Wichtigste ist jetzt zuerst einmal, die Nacht zu überstehen. Morgen sehen wir dann weiter.“
„Und wie sollen wir ein Feuer entzünden?“, fragte Tabitha. Ihr Gesicht spiegelte weiter Panik. Sie schien den Aufenthalt auf der Insel nicht als Rettung anzusehen.
Charlotte umrundete den Kofferberg und schob die Gepäckstücke, die ungeordnet übereinander geworfen dalagen, zur Seite. Da! Rasch zog sie ihren Reisekoffer hervor, öffnete den Reißverschluss und nahm einen schwarzen Beutel heraus. Mit diesem in der Hand ging sie zurück zur Gruppe. Neugierige Blicke erwarteten sie.
„Das ist kein Problem“, beantwortete Charlotte ein wenig verspätet die Frage und kippte den Inhalt des Beutels auf den Sand. Sie nahm ein Feuerzeug und gab es Tabitha.
Colin und Thomas schauten erstaunt auf die restlichen Dinge.
„Sag mal“, fragte Thomas langsam, „wieso hast du so komische Sachen im Gepäck?“
„Komische Sachen? Das ist ein Survival-Pack. Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich so etwas mitnehme, wenn ich schon diese verrückte Reise mache.“
Colin ging in die Hocke und betrachtete alles genauer. „Taschenlampe, Kompass, ein Messer, eine Lupe, …“ Er hob ein kleines, in Plastikfolie eingeschweißtes Päckchen auf und las den Aufdruck. „Erste-Hilfe-Notkit. Und…“ Dann nahm er das dünne Fernrohr mit dem Spiegel an der Seite in die Hand. „Ein Sextant!“ In seiner Stimme schwang echte Verblüffung. „Kannst du mit so etwas umgehen?“
Charlotte nickte. „Astronomische Navigation. Ich kann versuchen, unsere Position zu bestimmen. Uhren haben wir ja glücklicherweise.“
„Und das hier?“, fragte Thomas und hielt einen fingerlangen, runden Gegenstand in die Höhe.
„Ein Peilsender“, sagte Charlotte.
„Schalte ihn ein! Sofort!“, forderte Tabitha und wollte nach dem Gerät greifen. Thomas wich ihr aus.
„Es hat nur eine geringe Reichweite bei dieser Größe“, erwiderte er und schaute Charlotte fragend an.
Diese nickte. „Stimmt. Vielleicht zwanzig Meilen bei voller Sendestärke. Dann aber auch nur für ein paar Stunden. Länger hält die Batterie nicht.“
„Gut“, entschied Colin mit harter Stimme. „Gib mir den Sender. Wenn wir morgen die Insel erkunden, suchen wir einen erhöhten Punkt und aktivieren ihn dann erst.“
„Ich finde, wir sollten darüber abstimmen“, warf Kelly mit ihrer leisen, immer etwas schüchtern klingenden Stimme ein.
Überrascht drehte sich Colin um. Kritisch musterte er die Jüngste der Reisegruppe. „Sei still, Kind, wenn die Erwachsenen reden. Von diesen Dingen verstehst du nichts.“
Daniels Gesicht verzog sich zu einer wütenden Grimasse. Er wollte sich auf Colin stürzen, doch Henri hielt ihn am Ärmel zurück. „Ich finde auch“, sagte er ein wenig lallend, „das sollten wir als Gruppe entscheiden. Nicht der Clown-Obermotz hier.“ Er deutete auf Colin und grinste.
„Wenn ihr meint, stimmen wir ab. Wer ist dafür, mit der Aktivierung bis morgen zu warten?“ Auffordernd blickte er in die Runde, als er selbst seinen Arm hob.
Auch Charlotte war dieser Ansicht, und nach kurzem Zögern folgten Thomas, Geneviève und Nina.
„Die Mehrheit ist also für meinen Vorschlag“, stellte Colin fest. Seiner Stimme war die Genugtuung anzuhören.
Charlotte reichte ihm den Sender.
„Dann schießen wir die Leuchtraketen ab!“, forderte Tabitha.
„Nein. Die machen nur Sinn, wenn wir ein Schiff da draußen erwarten“, wandte Colin scharf ein.
Doch Charlotte widersprach ihm. „Wir haben zwei Raketen. Und der Kapitän hat einen Hilferuf abgesetzt. Ich halte es für sinnvoll, nun, nach der Explosion, die ja weithin zu sehen gewesen ist, noch eine Rakete abzufeuern, um mögliche Sucher auf Überlebende aufmerksam zu machen.“
Die anderen nickten zu ihrem Vorschlag, und so nahm Nina die Raketenpistole, ging an den Meeresrand und zog durch. Zischend verschwand das Geschoss im Himmel und zerplatzte zu einer grellen Farbpracht.
Während die anderen noch in den Himmel schauten, setzte Charlotte ein verlegenes Lächeln auf. „Ich muss mal wohin.“
Sie lief den Strand hinauf und verschwand hinter einem kleinen Felsen. Niemand blickte ihr nach. Charlotte kniete sich in den Sand und holte den Block aus ihrer Hosentasche. Rasch blätterte sie ein paar Mal um, bis sie die Zeichnung mit der Beschriftung DA gefunden hatte. Diese zeigte dreidimensional eine Schale, in dessen Zentrum eine Kugel an vier Fäden hing, die rechtwinklig in alle Richtungen abgingen und am Rand befestigt waren. Neben der Schale stand eine kastenförmige Apparatur mit Drehknöpfen. Auf dieser und auf der gezeichneten Kugel prangten ebenfalls die Buchstaben DA. Das Objekt war offensichtlich mehrfach auf diesem Papier an derselben Stelle gezeichnet worden, denn die Bleistiftstriche glänzten intensiv grau und drückten sich tief in das Blatt ein.
Charlotte drehte den Kopf und blickte auf die Sonne. Geduldig wartete sie, bis der oberste Rand der Scheibe im Meer versank und der definitionsgemäße Sonnenuntergang eingetreten war. Dann erst signierte sie die DA-Zeichnung, legte sie auf den Oberschenkel und schlug mehrmals mit aller Kraft auf die Kugel.
Sofort schoss das Blut aus ihrer Nase und färbte den Sand tiefrot. Die Reaktion ihres Körpers zeigte Charlotte aber, dass die Kopplung der Zeichnung, die fünf Tage alt war, weiterhin Bestand hatte. Kraft war übertragen worden, und die reale Kugel würde in ihrer realen Schale tanzen, war dafür doch nur eine geringe Energiemenge nötig.
Die heiße Phase ihres Auftrags hatte in diesem Moment begonnen.
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