

Im militärischen Forschungsstützpunkt verlaufen die ersten Wochen von Charlottes Dienst ohne besondere Ereignisse. Routine bestimmt den Tag. Aber dann gerät das große Experiment, welches die Energieerzeugung revolutionieren soll, außer Kontrolle. Gegenmaßnahmen greifen nicht, und die Katastrophe scheint unausweichlich.
| Gesamtlänge: 11.300 Wörter von marcm200 |
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Der kleine Fluss schlängelte sich wild durch das Tal, das ringsum von mehrere Hundert Meter hohen Bergen umschlossen wurde. Es war früher Morgen, die Sonne schon aufgegangen. Aber der Talboden lag noch in dämmrigem Licht. Tau glänzte auf den schmalen Grünstreifen zwischen den asphaltierten Flächen. Die 80 Männer und Frauen, die an diesem Militärstützpunkt Dienst taten, waren für die nächsten sechs Monate unter sich. Funk, ein Hubschrauberlandeplatz, eine Versorgungsstraße durch die Berge, zwei Boote und ein Fußweg auf halber Höhe zu den Gipfeln waren die einzigen Verbindungen zur Außenwelt.
Charlotte schritt die Reihe der wartenden Soldaten ab, die vor dem riesigen Betongebäude standen, in welchem einer der beiden Zweige des Forschungsprojektes ‚atomZeta‘ vor zwei Wochen seinen offiziellen Betrieb aufgenommen hatte. Die ersten Tests mit dem experimentellen Reaktor waren zur Zufriedenheit der Wissenschaftler verlaufen. Die spezifische Leistung lag sogar noch über den Erwartungen. Mehr als das 10-fache der bis dato stärksten Atomkraftwerke war erreicht worden. Und das mit einer deutlich kompakteren Bauweise des Reaktorkerns. Das Militär versprach sich mit diesem Typus der Energieerzeugung insbesondere für U-Boote eine signifikant verlängerte Unterwasserbetriebsdauer.
Charlotte führte ihre täglichen Kontrollen durch. Sie hielt die Farbtafel, die aussah wie ein Lineal, neben die Plakette, die knapp unterhalb der linken Schulter an der Uniformjacke des Soldaten gut sichtbar angebracht war. Sie verglich die Farbe des Spezialpapiers mit ihrer Referenztafel: Grün, gelbliches Grün, Gelb, Orange, fleckiges Orange mit roten Einsprengseln und dem großflächigen Tiefrot, das unter allen Umständen zu vermeiden war.
Charlotte notierte ‚Grün‘. Der Träger war dementsprechend seit Anbringen der passiven Messapparatur in Summe kaum radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen. Erst wenn sich deutlich erkennbare rote Punkte zeigten, bestand Anlass zur Sorge. Doch dafür gab es Protokolle. Auch für die anderen Soldaten der ‚Äußeren Sicherheit‘, die abmarschbereit auf den Beginn ihrer Feldübung warteten, konnte sie ‚Grün‘ eintragen. Charlotte gab die Gruppe frei, und die Männer marschierten im Gleichschritt in Richtung des südlichen Berghangs davon.
Die Stabsunteroffizierin wandte sich um und ging zu einem der Nebengebäude, in welchem ihr hauptsächlicher Arbeitsplatz – die Sanitätsstation – untergebracht war.
Charlotte hatte sich unglaublich gefreut, als vor einigen Wochen die Zusage der Militärverwaltung gekommen war, dass sie an dem Projekt teilnehmen konnte. Sie hatte zuerst befürchtet, ihre kurzzeitige Entführung samt Erpressung würde sie disqualifizieren. Aber die psychologischen Belastungstests hatte sie mit Bravour bestanden, und so stand ihrem Einsatz nichts entgegen. Ein Fünftel der Stationierten gehörten der Reserve an, und so gab es für sie die Gelegenheit, ihre Kenntnisse auf dem Gebiet der Nuklearmedizin zu vertiefen, denn die Atomkraft, sei es als Waffe oder zivil zur Energieerzeugung, würde in Zukunft noch weit wichtiger werden.
Der Lautsprecher in der Krankenstation knackte. „Hier Chandler, Quartier Sicherheit B4. Möglicher Strahlennotfall. Meine Plakette ist tiefrot.“
Das Notfallprotokoll lief an.
„Schließen Sie Türen und Fenster, und bleiben Sie, wo Sie sind“, ordnete Charlotte an. Sie sprang auf und lief zum Arztzimmer. Ohne anzuklopfen stürzte sie hinein. „Code ‚Red‘“, rief sie.
Dr. Kent, ihr Vorgesetzter, saß an dem großen Schreibtisch und las gerade einen Bericht, den er nun aber fallen ließ, um in die Krankenstation zu rennen.
„Maggot, Sie bleiben hier!“, ordnete der Arzt an, und Charlottes Kollegin nickte.
Charlotte und Kent griffen nach den beiden Notfallrucksäcken und rannten, so schnell sie mit dem Gewicht konnten, hinüber zu dem Gebäude, welches das Sicherheitspersonal zum Arbeiten und Wohnen nutzte. Der Wachhabende öffnete ihnen beim Näherkommen schon die Tür.
Im Strahlenzimmer links neben dem Eingang drückte Kent auf den Knopf der Gegensprechanlage für Zimmer B4. „Kent hier. Chandler, hantieren Sie mit Nuklearmaterial in Ihrem Quartier?“
„Nein, Sir“, kam die leicht verzerrte Antwort aus dem Lautsprecher. „Mein Dienst in der Funküberwachung beginnt erst am Mittag. Ich habe dienstfrei.“
„Beschreiben Sie Ihre Plakette. Und Ihre körperliche Verfassung.“
„Die Plakette ist tiefrot. Außer der Farbe erkenne ich keinen Unterschied zu gestern. Mir selbst geht es gut. Keine Übelkeit, Kopfschmerzen oder sonstige Symptome.
Charlotte blätterte durch die Unterlagen der Plakettenüberprüfung vom Vortag, die sie gemäß dem Protokoll zur Unfallstelle mitgenommen hatte. „Seine Plakette habe ich…“ Sie schaute auf die Uhr am Handgelenk. „…vor 22 Stunden als Grün eingestuft.“
Kent drückte wieder auf den Sprechknopf. „Was haben Sie seit gestern Mittag getan?“
Er stieg in den Strahlenschutzanzug, den er aus dem Metallschrank an der Seitenwand genommen hatte, stülpte den Helm über und schaltete die Sauerstoffversorgung ein. Auch Charlotte hatte einen Schutzanzug angezogen und überprüft. Sie gab ihr Okay.
„Sir, ich hatte Dienst in der Funkzentrale. Dann war ich im Sportraum mit einigen Kameraden. Anschließend Ruhezeit, und heute Morgen Vorbereitungen für die nächste Schicht.“
Kents Stimme klang dumpf durch die Sichtscheibe des Anzuges, als er das Verhör fortsetzte. „Wann haben Sie bemerkt, dass Ihre Plakette sich verfärbt hat?“
„Erst vor wenigen Minuten. Ich kam aus der Dusche, und nach dem Anziehen war sie rot. Am Abend, vor dem Zapfenstreich, definitiv aber noch grün. Daran erinnere ich mich genau.“
„Wie sehen die Plaketten Ihrer Zimmergenossen aus?“, fragte Kent weiter.
„Sir, ich bin aktuell alleine auf der Stube. Meine Kameraden sind vor einer halben Stunde zu einem Außeneinsatz aufgebrochen.“
Kent stellte den Geigerzähler, den er aus dem mitgebrachten Rucksack holte, auf höchste Empfindlichkeit. Charlotte schaute im Belegungsplan des Sicherheitsgebäudes nach, der im Strahlenraum neben der Tür hing. Dann trat sie zur Sprechanlage und meldete an die Kommunikationszentrale: „Medizinische Anordnung, Notfallstufe. Kontaktieren Sie umgehend Tungstall, Bings und Anderson, Angehörige des Sicherheitspersonals. Sofortige Kontaktaufnahme über Kanal 7, Sanitätsdienst, ist erforderlich.“
Als Charlotte geendet hatte, gab Dr. Kent das Kommando zum Aufbruch, und die beiden stiegen die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Die Glastür des Treppenaufgangs sowie sämtliche Türen zu den Quartieren waren geschlossen. Der Flur lag menschenleer vor ihnen. Charlotte hielt den Geiger-Müller-Zähler in der Hand und schwenkte das Messrohr langsam in alle Richtungen. Es knackte gelegentlich, zeigte aber keine erhöhte Belastung durch ionisierende Strahlung an.
Aber hinter der Tür konnte es ganz anders aussehen. Und da Chandler nur in seinem Zimmer und im Waschraum gewesen war, musste es dort eine starke Quelle radioaktiver Strahlung geben.
Kent öffnete die Tür ein Stück und schob den Messfühler hindurch. Doch das Knacken des Geräts intensivierte sich nicht. Die Anzeige blieb unbedenklich. Der Arzt zog die Tür ganz auf, und Charlotte und er gingen mit langsamen Schritten den Gang hinunter. Konzentriert schaute und hörte Charlotte auf das Strahlenmessgerät, doch alles blieb unverändert.
Vor der Tür zu Zimmer B4 blieben sie stehen. Kent rief laut: „Chandler, gehen Sie ans Fenster, und bleiben Sie dort stehen. Ich komme jetzt rein.“
Ein paar Sekunden später öffnete er die Tür zum Quartier der vier Soldaten einen Spalt weit. Wie bei der Flurtür hielt er zuerst das Zählrohr in den Raum hinein, doch das Knacken blieb ein seltenes Ereignis. Kent betrat daraufhin die Stube. Er blickte direkt auf das kleine Fenster, vor dem der Soldat stand. Links und rechts davon befand sich ein Stockbett an der Wand. Vier kleine Spinde, ein Schreibtisch mit quadratischer Platte und ein Stuhl vervollständigten die karge, auf praktischen Nutzen ausgerichtete Ausstattung.
Der Arzt maß die Strahlenbelastung des Raumes. Er öffnete die Spinde und schlug die Bettdecken um. Doch die Anzeige blieb in allen Richtungen im unbedenklichen Bereich. Auch, als er den Geigerzähler direkt auf Chandler richtete, kam es zu keiner Änderung.
„Bernstedt“, rief der Arzt auf den Flur hinaus, „der Raum ist sauber. Ich erbitte Bestätigung.“
Charlotte betrat nun ebenfalls das Viererzimmer und führte mit dem zweiten Geigerzähler, wie es das Protokoll vorschrieb, die gleichen Messungen durch. Aber beide Geräte kamen zu identischen Ergebnissen: Keine erhöhte Strahlenbelastung. Die nukleare Quelle, die Chandlers Plakette rot verfärbt hatte, befand sich nicht hier im Raum.
Charlottes Blick fiel auf die Uniformjacke des Soldaten am Fenster. Die Messplakette unter der Schulter war unzweifelhaft tiefrot, doch Charlotte nahm auch einen schwachen Schimmer wahr.
Feuchtigkeit, dachte sie, aber nicht radioaktiv, sonst hätte Kent dies ja angemessen.
Sie machte ihren Vorgesetzten darauf aufmerksam. Der Arzt ging näher an den Soldaten heran und schob das Visier direkt vor die Plakette. „Sie haben recht“, bestätigte er Charlottes Beobachtung.
Das Funkgerät in Charlottes linker Uniformtasche quäkte laut. „Hier Tungstall, ich sollte mich melden.“
Charlotte drückte den Sprechknopf. „Beschreiben Sie Ihre Plakettenfarbe.“
„Grün, vielleicht grüngelb, Madam.“
„Sind Anderson und Bings bei Ihnen?“, fragte Charlotte nach.
„Positiv.“
„Deren Plakettenfarben?“
Für einen Moment kam nur Rauschen aus dem Äther, dann ertönte wieder Tungstalls Stimme. „Identisch, Madam. Grün bis gelblich.“
Charlotte blickte zu ihrem Vorgesetzten, der das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte.
„Sollen weitermachen“, entschied der Arzt, und Charlotte gab die Freigabe weiter.
Kent wandte sich wieder an Chandler, der äußerlich ruhig schien. Nur seine immer wieder umherspringenden Augen verrieten, dass es in seinem Innern anders aussah.
„Beschreiben Sie Ihren Morgen im Detail.“
„Nach dem Wecken die übliche Morgenroutine: Duschen, Stube säubern, Ausrüstung vorbereiten, danach Frühstück in der Messe. Meine Kameraden sind dann los, ich blieb noch hier. Sir, es gab keine Abweichung vom vorgeschriebenen Tagesablauf.“
„Ist etwas Ungewöhnliches passiert? Denken Sie nach, Chandler! Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.“
„Nun, Sir“, erwiderte der Soldat nach ein paar Sekunden. „Mir ist die Uniformjacke im Waschraum heruntergefallen. Ein Kamerad lief mit seinen Stiefeln darüber. Ich reinigte die Jacke rasch noch, bevor ich zurück auf die Stube ging.“
„Auch in der Plakettenregion? Ich vermute, mit Seife?“
Chandler nickte. „Ja, Sir. Auch die Plakette.“
„War Sie da noch grün?“
Chandler wurde sichtlich nervös. Er rieb seine Hände aneinander. „Daran kann ich mich nicht erinnern. Das Licht im Duschraum war schon ausgeschaltet.“
„Gut, bleiben Sie hier“, befahl der Arzt.
Charlotte folgte ihm, als er den Weg zum Duschraum einschlug. Weiter maßen die Geigerzähler nur die natürliche Belastung an. Kent schaltete das Licht in der Umkleide ein, ging aber direkt weiter zum Waschraum. Doch nirgends gab es eine gefährliche Strahlenmenge.
Kents Haltung entspannte sich. Er drehte sich um, und ging zurück zu B4. An Charlotte gewandt, ordnete er an: „Geben Sie Entwarnung. Es war ein Fehlalarm. Erstellen Sie ein Memo, dass die Anordnung in den Richtlinien, Plaketten mit Wasser vorsichtig zu reinigen, mit dem Zusatz ‚und nichts sonst‘ zu lesen ist. Die chemische Reaktion von Laugen mit der Plakette ist ja bekannt. Ich hätte aber nicht gedacht, dass das einmal ein Problem werden könnte. – Überprüfen Sie zur Sicherheit die Plaketten aller hier im Tal Anwesenden. Aber nehmen Sie Rücksicht auf laufende Übungen oder Experimente. Es genügt, wenn die Überprüfung im Laufe des Tages erfolgt. – Und schätzen Sie die maximale Farbveränderung der Plaketten von Tungstall, Bings und Anderson zum Vortag ab. Sie kennen ja das Prozedere. Nehmen Sie sich eine der unterschriebenen Blanko-Diensteinschränkungsanordnungen aus meiner Mappe.“
Dann befahl er dem Soldaten: „Gehen Sie mit Bernstedt zur Krankenstation und lassen Sie sich eine neue Plakette geben.“
Charlotte bestätigte die Befehle, lief die Treppe hinunter und zog den Strahlenschutzanzug wieder aus. Über die Gegensprechanlage gab sie die Entwarnung an die Funkzentrale durch mit der Anordnung, diese sofort auf allen Kanälen publik zu machen. Der Dienstbetrieb im Tal konnte ohne Einschränkungen weitergeführt werden. Danach meldete sie die Benutzung der Schutzanzüge der Materialprüfstelle. Diese würde ihren und Kents Anzug nach der, wenn auch nur kurzzeitigen, Benutzung im unverstrahlten Bereich, dennoch auf Dichtigkeit und volle Funktionalität überprüfen und den Sauerstoffvorrat wieder aufstocken.
Anschließend ging sie mit dem Korporal hinüber in das Nebengebäude.
Aus einer Bleischatulle in dem roten Schrank neben dem Eingang zur Sanitätsstation nahm sie eine frische Plakette, trug deren Nummer und das Ausgabedatum in die entsprechende Verwendungsliste ein und vermerkte Chandlers Namen. Sie entfernte die rote Plakette aus dem Cliprahmen an der Uniform und hängte die frische ein. Dann holte sie eine Einschränkungsanordnung aus Kents Büro, vermerkte Dauer und Grund, und erklärte dem Korporal das weitere Vorgehen.
„Ihre neue Plakette misst die Strahlenbelastung, der Sie ab jetzt ausgesetzt sind. Alles, was zuvor auf Ihren Körper einwirkte, muss jedoch dazu addiert werden. Ihre Belastung bis zur gestrigen Kontrolle ist mir bekannt, nicht aber die Menge an Strahlung, der Sie seit diesem Kontrollzeitpunkt ausgesetzt waren. Als Schätzwert dafür nehmen wir die maximale Veränderung der Farben der Plaketten Ihrer Kameraden, mit denen Sie ja bis auf ein paar Stunden zusammen waren. – Finden Sie sich morgen, 8 Uhr wieder hier ein. Dann dunkle ich Ihre Plakette nach. Bis das geschehen ist, sind Sie im Dienst auf das Sicherheitsgebäude beschränkt. Außeneinsätze und das Betreten des Reaktorgebäudes sind Ihnen untersagt.“
Chandler nickte, nahm die Anordnung und verließ die Krankenstation.
Charlotte verfasste das Memo und ließ es auf Papier ausfertigen und austeilen. Dann widmete sie sich ihren sonstigen Pflichten.
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