

Ihr neuer Auftrag führt Charlotte nach Florida. Teile der streng geheimen Pläne des amerikanisch-kanadischen Kooperationsprojekts SPACE-LASER sind auf dem Schwarzmarkt aufgetaucht. Ein Spion scheint sein Unwesen in Cape Canaveral zu treiben – und der nächste Raketenstart steht in Kürze an! Neben amerikanischen Kollegen wird Charlotte undercover ins Space Center eingeschleust. Dort nimmt sie als Anwärterin am Astronautenauswahlprogramm teil. Doch ihre eigentliche Aufgabe ist eine andere: Sie soll als ‚white hat thief‘ agieren. Aber dann kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall.
| Gesamtlänge: 19.300 Wörter von marcm200 |
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Wieder schoss Charlotte ein Photo.
Das Objekt, das sie ablichtete, war ein simples Buch, das auf ihrem Schreibtisch im Arbeitszimmer lag.
Doch es leuchtete bläulich.
Charlotte nahm es in die Hand und drehte es in alle Richtungen. Das Blau war allgegenwärtig, auf dem Cover, auf dem Buchrücken, auf der Rückseite, egal ob sie diese gezeichnet hatte oder nicht. Das Buch selbst strahlte dieses Blau ab, nicht etwa die Luft über ihm, wie Charlotte sofort überprüfte, indem sie das Buch auf Augenhöhe hielt und parallel zum Cover blickte.
Überrascht hatte sie dieses Ergebnis nicht mehr, denn auch die vielen Experimente zuvor mit Äpfeln, Vasen sowie Kleidungsstücken hatten dieses Resultat erbracht. Sie zeichnete mit ihrer Gabe, wobei die Perspektive keine Rolle zu spielen schien, solange es nur eine Kopplung zwischen Bild und Realität gab. Irgendwann wurde das reale Objekt immer bläulicher.
Dann hielt sie sich das linke Auge zu – und sah den Schimmer. Sie hielt sich das rechte Auge zu – und das Blau verschwand von einem Augenblick auf den anderen. Alles wie zuvor.
Ein letztes Photo, dann schlug sie das Buch auf.
Das Blau erlosch wie erwartet. Die Situation hatte sich zu stark verändert und die Kopplung aufgelöst.
Für Charlotte war nun alles klar: Dieses Leuchten, das sie lange Zeit für ein Phantombild gehalten hatte, war real. Ihr rechtes Auge konnte seit dem Unfall in Calgary das Vorliegen einer starken Kopplung zwischen Objekt und Zeichnung erkennen. Es besaß nun zwei Fähigkeiten – Kopplung erkennen und Kopplung herstellen. Wenngleich letzteres immer noch rund ein Drittel schwächer ausfiel als vor ihrem Eisenbahnauftrag. Die Verbesserungen in dieser Hinsicht waren in der letzten Zeit minimal gewesen, und Charlotte musste sich wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden, dass dieser Verlust von Dauer sein würde. Aber sie beschloss, sich lieber auf das Positive zu konzentrieren und die neue Fähigkeit so zu analysieren, wie sie es auch in ihrer Jugend getan hatte, als sie das erste Mal erkannt hatte, welche fast schon magische Kraft in ihr steckte.
Sie nahm den Autoschlüssel von der Kommode, warf sich die Sommerjacke über das luftige Kleid und verließ das Apartment. Auf schnellstem Wege fuhr sie zum Photogeschäft und gab die beiden TRC24-Filme zur Expressentwicklung ab.
Sie war mehr als neugierig, was darauf zu sehen sein würde.
Als Charlotte ein paar Stunden später die großformatigen Abzüge auf dem hochwertigsten Spezialpapier, das der Laden anbot, in ihrem Wohnzimmer studierte, wuchs ihre Enttäuschung jedoch minütlich.
Auf keinem der Bilder war auch nur der geringste Blauschimmer zu sehen.
„Wieso nicht?“, murmelte sie nachdenklich und legte die Stirn in Falten. „Ist das Blau, das die Pyramidenzellen in meiner Hornhaut aussenden, ein anderes Blau als das aus den Objekten?“ Unruhig marschierte sie im Zimmer auf und ab. „Oder ist es einfach nur energieärmer, und die Filme sind nicht sensitiv genug dafür? Muss ich länger belichten?“
Sie beschloss, noch einen letzten Versuch durchzuführen. Sie holte die beiden schweren Hanteln vom Balkon und trug sie ins Arbeitszimmer hinüber, wo sie diese auf den Teppich legte. Die Gewichtsscheiben schraubte sie allesamt auf eine einzige Stange auf. Dieses Objekt war das schwerste ihrer Versuchsreihe. Nach fünf Überzeichnungen strahlte die Hantel intensiv bläulich. Charlotte stellte die Belichtungszeit des Photoapparates auf das Maximum von zehn Sekunden, schoss zuerst ein Photo von ihren Augen, während sie eine weitere Überzeichnung anfertigte, und danach von der strahlenden Hantel.
Anschließend signierte sie das Bild und wollte es gerade benutzen, als sie plötzlich am Rand ihres Blickfelds etwas bemerkte. Sie stutzte und drehte den Kopf nach links.
Was, zum Teufel, war das?
Eindeutig sah sie die Farbe Blau. Aber nicht auf oder um die Hantel. Denn in der Richtung, in die sie gerade schaute, gab es eigentlich nichts außer Luft und Zimmerwand.
Aber sie sah ganz eindeutig ein… Ding, das in der Luft hing und schwaches, blaues Licht abgab. Die Form erinnerte an ein an beiden Enden horizontal abgeschnittenes senkrecht stehendes Surfbrett. Es war oval, schwebte einen Fuß über dem Boden, und ragte ein wenig höher als Charlottes Kopf. Die Breite mochte vielleicht ein Yard an den Enden betragen, und geschätzte fünf Fuß an der bauchigen Mitte.
Vorsichtig machte Charlotte einen Schritt zur Seite. Das Objekt blieb, wo es war. Sie trat einen Yard zurück, und auch jetzt änderte sich nichts an Form, Orientierung oder Position des Dings. Auf einem großen Halbkreis ging sie um das seltsame Schimmern herum. Kein Zweifel, das Oval war semitransparent, in etwa wie ein Nylonstrumpf.
Aufgeregt nahm Charlotte die Kamera und machte Photo über Photo aus verschiedenen Richtungen und mit verschiedenen Belichtungszeiten.
„Was ist das?“, murmelte sie ratlos. „Kopplung an Luft – so ein Blödsinn. Wie soll man Luft zeichnen?“
Sie dachte kurz nach. Eine Frage war sie noch nicht angegangen. Auch nicht mit den Äpfeln oder der Hantel, die immer noch intensiv leuchtete.
„Ob nur ich dieses Ding sehen kann?“
Charlotte rannte in den Flur und wählte hastig Phils Nummer.
„Mach schon!“, drängelte sie laut, als könnte sie so erreichen, das der Freund schneller abhob.
Endlich knackte es in der Leitung. „Messier.“
„Phil, ich bin’s. Kannst du herkommen, sofort? Ich brauche deine Hilfe“, sprudelte es aus Charlotte heraus. Sie sprach so schnell, dass sich die Worte fast überschlugen.
„Ist etwas passiert? Geht es dir gut?“ Phils Stimme klang tief besorgt.
„Nein, nein, nichts passiert. Alles in Ordnung. Es ist mehr eine… Forschungsfrage und hat mit meinen Augen zu tun.“
„Ich verstehe“, meinte Phil. „Ich bin in einer Dreiviertelstunde bei dir.“
„Danke“, verabschiedete sich Charlotte und legte auf.
Sie lief zurück ins Arbeitszimmer und seufzte erleichtert auf, als sie das blaue Oval und die blauen Hanteln sah.
In der letzten Zeit hatte sich einiges an ihrer Fähigkeit geändert. Es war auf der einen Seite faszinierend und spannend, dies alles zu erkunden. Aber auf der anderen Seite war es auch beängstigend. Denn Veränderungen konnten auch großen Verlust bedeuten. Und wenn Charlotte eines nicht verlieren wollte – auch nicht, wenn sie dafür andere, neue Fähigkeiten erhielt -, dann war es ihre Zeichengabe. Diese gehörte zu ihr.
Gebannt starrte sie immer wieder abwechselnd auf Oval und Hantel. Doch an beidem veränderte sich nichts.
Voller Ungeduld wartete sie auf Phils Erscheinen.
Es klingelte an der Tür. Charlotte lief rasch in den Flur und ließ Phil herein. Sie nahm ihn am Handgelenk und zog ihn ins Arbeitszimmer. Der Kommissar konnte gerade noch die Tür hinter sich ins Schloss werfen und stolperte mehr, als dass er ging.
„Was siehst du?“, fragte Charlotte.
Phils Gesicht drückte leichtes Unverständnis aus, aber er ließ dennoch seinen Blick ohne Nachfrage durch den Raum schweifen. „Dein Arbeitszimmer. Sieht fast aus wie immer…“
„Ja? Siehst du es auch?“, unterbrach Charlotte. Ihre Aufregung wuchs noch weiter. Unwillkürlich verstärkte sie den Griff um Phils Handgelenk.
„Ich weiß nicht genau, was du meinst. Also, ich sehe einen Schreibtisch, der ziemlich unaufgeräumt aussieht; dann ein Buch auf dem Fußboden; deinen Utensilienschrank da hinten.“ Er wies über den Rücken in die angegebene Richtung. „Und zwei Hanteln auf dem Boden. Ach ja, und den Teppich natürlich.“
„Wie sehen die Hanteln aus?“
„Na, wie normale Hanteln eben. Eine Stange ohne Gewichtsscheiben. Und eine, auf die du alles draufgepackt hast, was geht.“ Er grinste Charlotte an. „Hast du neue Rekorde erreicht und willst es mir demonstrieren?“
Charlotte ging nicht darauf ein, sondern griff Phil am Oberarm, drehte ihn so, dass der Freund frontal auf das blaue Oval blicken musste, und fragte erneut: „Was siehst du? Genau da vorne.“ Sie streckte die Hand aus und wies auf das seltsame Objekt.
Während sie auf Phils Antwort wartete, scannten ihre Augen das Oval. Und da fiel ihr etwas auf, das neu war.
Die Ränder fransten aus.
„Löst es sich auf?“, murmelte sie.
„Was löst sich auf?“, fragte Phil zurück. Er schien etwas ungehalten. „Was geht hier vor? Was soll ich sehen?“
„Phil, die beladene Hantel leuchtet blau. Siehst du das wirklich nicht?“
Phil schüttelte den Kopf.
„Und dieses ebenfalls blaue Oval da vorne in der Luft?“ Sie drehte Phils Kopf leicht in die korrekte Richtung. „Etwa zwei Yards vor dir. Dort hinten, kurz vor der Wand. Es ist fast so groß wie mein Kühlschrank und schwebt einen Fuß über dem Boden.“
Phil schob Charlottes Hände weg, die immer noch seinen Kopf hielten. „Da ist nichts.“
Er wollte einen Schritt nach vorne machen, doch Charlotte hielt ihn zurück.
„Vorsicht!“, rief sie. „Berühre es lieber nicht.“
Dann entfuhr ihr ein „Mist“
Immer deutlicher zeigte sich eine Desintegration des Ovalrands. Größere Stücke an der Begrenzung schienen herausgebrochen zu sein. Was ehemals glatt gewesen war, sah nun aus wie die Küstenlinie einer Insel.
Ohne auf Phil zu achten, machte Charlotte weitere Photos von diesem Phänomen, das nun immer schneller an Größe verlor. Wenige Minuten später war es verschwunden. Nur die Hantel leuchtete noch blau.
„Phil, es geht um Folgendes“, begann Charlotte endlich mit einer Erklärung und berichtete dem Kommissar ausführlich, was sie herausgefunden und warum sie ihn angerufen hatte.
„Deine Fähigkeit verändert sich“, konstatierte er.
„Stimmt. Es kommt etwas hinzu“, gab Charlotte zurück. „Calgary war ein Unfall. Ob der Heilungsprozess im Auge alles ausgelöst hat?“
„Möglich“, sagte Phil und zuckte die Achseln. „Und jetzt? Wirst du deinen nächsten Auftrag zurückgeben? Immerhin geht es morgen früh schon los.“
Charlotte schüttelte vehement den Kopf. „Nee, dabei bleibt es. Ich war noch nie in Cape Canaveral.“ Sie nahm die Kamera und kurbelte den Film zurück. Als sie ihn aus dem Apparat genommen hatte, fädelte sie einen neuen ein. „Das Photogeschäft hat schon geschlossen. Wärst du so nett, den Film morgen abzugeben und die Abzüge abzuholen? Ich rufe dich dann aus Florida an, um zu erfahren, was darauf zu sehen ist. Ginge das?“
Phil nahm den Film entgegen. „Klar.“
„Super“, freute sich Charlotte. „Komm, ich lade dich als Dank zum Dinner ein. Es gibt da ein neues Gourmet-Restaurant in der Nähe, das ich schon lange mal ausprobieren wollte.“
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