Charlottes Blick 10 – Vancouver in Angst (Text, Mystery)


Cover zur Geschichte 'Charlottes Blick 10 - Vancouver in Angst' : Charlotte und Pippa, die Schwester ihrer besten Freundin, spazieren über die Capilano Hängebrücke bei Vancouver.


Charlotte freut sich riesig auf den Besuch ihrer Freundin Kylie und deren jüngerer Schwester Pippa. Die drei planen einige Unternehmungen in Vancouver und wollen vor allem eins – Spaß haben! Aber es kommt anders, als eine Anschlagsserie die Stadt überzieht und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Doch die Attacken bleiben für Charlotte und ihre Besucherinnen nicht nur Meldungen in der Presse. Und so sucht auch Charlotte nach einem Muster, um dem Verbrecher, der über Leichen geht, das Handwerk zu legen. Aber wo soll sie ansetzen?

Gesamtlänge: 22.400 Wörter
von marcm200

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Leseprobe – der Anfang der Geschichte:

Charlotte ließ sich auf der Liege nieder und rutschte ein wenig hin und her, bis sie eine bequeme Position gefunden hatte. „Ich bin bereit.“

Die Krankenschwester lächelte, desinfizierte die Armbeuge und schob die Kanüle in die Armvene. Nachdem sie deren Sitz sorgfältig geprüft hatte, öffnete sie den Verschluss. Blut floss in eine Glasflasche, die etwas über Bodenhöhe auf einem niedrigen Tisch stand.

„Es wird etwa zehn Minuten dauern“, verkündete die Schwester.

Charlotte nickte nur knapp, denn sie kannte den Ablauf der Blutspende. Sie entspannte sich und schaute zur weißen Decke hinauf. Im Raum mit den sechs Liegen herrschte Stille. Nur wenn jemand auf der Polsterung und dem darübergezogenen Papiertuch herumrutschte, jemand seine Spende beendet hatte und den Raum verließ oder jemand Neues hereinkam, gab es neben den Schrittgeräuschen leises Getuschel zwischen Schwester und Ankömmling.

„Psst!“

Charlotte hob die halb zugefallenen Lider und drehte den Kopf nach links. „Ja?“

Ein dünner Mann unbestimmbaren Alters, der einen struppigen Bart und einen schwarzen, zerknitterten Anzug trug, lag auf der Nachbarliege. Die langen, dunklen Haare klebten an seinem Kopf. Er rutschte an den Rand der Liege, näher in Charlottes Richtung.

„Sie wissen es auch, nicht wahr?“, fragte er leise. Der Kopf blieb ruhig, aber seine Augen sprangen wild im Raum umher. „Aber keine Angst. Wenn Sie es sich nicht anmerken lassen, sind Sie sicher.“

Wovon spricht der Kerl?, fragte sich Charlotte verwundert. Es interessierte sie nicht wirklich, aber sie wollte auch nicht unhöflich sein, und so ging sie auf die unverständliche Äußerung ein.

„Was meinen Sie genau?“

Der Mann versuchte, noch ein Stück näher zu kommen, doch Charlotte hielt ihn auf. „Vorsicht! Sie verlieren Ihre Kanüle und können sich verletzen. Bleiben Sie lieber ruhig liegen.“

Der Mann folgte ihrem Rat. Mit gesenkter Stimme, die ein wenig gehetzt wirkte, wie Charlotte fand, antwortete er: „Die“, er dehnte das Wort ausgiebig, „untersuchen das Blut und wissen dann alles über uns Normale.“

Charlotte verstand und musste ein genervtes Seufzen unterdrücken. Aliens, dachte sie. Klar, was sonst.

Aber sie stellte sich unwissend und konterte mit Fakten. „Das Rote Kreuz untersucht die Spenden nur auf Blutgruppe, Rhesusfaktor und bestimmte Krankheiten, bevor es Verwendung findet. Nur in Ausnahmefällen erfolgen tiefergehende Analysen.“

Der Mann kicherte. „Das wollen die uns glauben machen. Nein, nein, meine Dame, die haben die Möglichkeit, das Blut zu identifizieren und unsere Seele zu durchleuchten. Die wissen alles.“ Wieder kicherte er. „Aber nicht, dass ich weiß, was sie tun.“

Charlotte schaute auf die Uhr. Nur noch ein paar Minuten, dann war sie diesen Verrückten los. Aber es interessierte sie schon, wie weit die kruden Theorien des Mannes gingen. Auch sie senkte ihre Stimme. „Warum spenden Sie dann? Bleiben Sie besser diesem Ort fern.“

„Nein, nein“, antwortete ihr Nachbar. Seine Augen blitzten fiebrig. „Dann würden die auf mich aufmerksam werden. So aber lasse ich sie in dem Glauben, mich mit den Miniaturgeräten, die sie mir in die Blutbahn spritzen, kontrollieren zu können, wenn sie ihren Schlag gegen die Erde führen.“ Wieder folgte das hohe Kichern. „Aber das können sie nicht, denn ich habe die Spione selbst unter Kontrolle.“

Eine Schwester trat zur Liege von Charlottes Nachbarn. „Sie sind fertig. Bitte bleiben Sie noch einen Moment ruhig liegen.“ Dann zog sie die Kanüle heraus, tupfte die Injektionsstelle ab und legte einen Druckverband an. „Folgen Sie mir bitte in den Erholungsraum.“

Der Mann schwang seine Beine von der Liege und warf Charlotte einen verschwörerischen Blick zu. „Reiben Sie ihre Arme mit Distelöl ein. Dreimal jeden Tag für eine Woche, dann sind die Spione inaktiviert.“

„Vielen Dank für den Tip“, erwiderte Charlotte mit todernstem Gesicht.

Mit einem zufriedenen Ausdruck verließ der Mann das Spendezimmer, und Charlotte schloss für die nächsten Minuten wieder die Augen.

***

Chris Sim, der superreiche Besitzer und Chef des führenden Automobilkonzerns des gesamten nordamerikanischen Kontinents, stand am großen Panoramafenster seines Büros im dreizehnten Stockwerk eines riesigen Geschäftsgebäudes und blickte nachdenklich über die Skyline von Vancouver. Die teure Zigarre kokelte im Aschenbecher, der auf dem Mahagonischreibtisch rechts von ihm stand, vor sich hin. Rauchfäden schwebten empor. Sim nahm einen kleinen Schluck des jahrzehntealten Bourbons, den er sich ausnahmsweise einmal gönnte, denn eigentlich war es für ihn eine Wertanlage.

Die Gegensprechanlage knackte. „Sir“, drang die Stimme seiner Sekretärin Mabel aus dem kleinen Lautsprecher, „Mr Collins möchte Sie sprechen. Er sagt, es sei dringend.“

Der Endvierziger mit dem vollen, schwarzen Haar und der leicht zu fülligen Statur stellte das Glas auf dem Tisch ab, ließ sich ächzend in den Ledersessel fallen und drückte den Rufknopf. „Soll reinkommen“, bellte er in den Apparat.

Die mit Schallisolierung verkleidete, schwere Zimmertür öffnete sich, und Sims Assistent trat ein. Er war ein unscheinbarer Mann, der sofort wieder in Vergessenheit geriet, wenn man den Blick von ihm abwendete, was für Collins‘ Aufgaben nicht selten von Vorteil war. Vor dem Schreibtisch seines Chefs blieb er stehen und zog ein gefaltetes Bündel Papiere aus der Tasche seines Jacketts.

Sim riss ihm die sechs Akten förmlich aus der Hand und überflog rasch die Deckblätter: Ottawa, Edmonton, Halifax, Toronto, Montreal. Als er ‚Vancouver‘ erreichte, huschten seine Augen flink über die mit Maschine dicht beschriebene Auflistung von Namen und Buchstaben-Zahlen-Kombinationen. Chris Sim ballte die Faust, als ihm eine Zeile ins Auge sprang. Geräuschvoll und hastig blätterte er durch die Vancouver-Akte, bis er die Kopie derjenigen detaillierten chemischen Analyse gefunden hatte, welche mit demselben Namen aus der Zeile beschriftet war, die ihn so elektrisiert hatte. Rasch überflog er die Angaben und verglich sie mit dem Übersichtsblatt.

Alles hatte seine Richtigkeit.

Der Plan konnte endlich starten.

Der Geschäftsmann warf die Akte auf den Schreibtisch, wo sie auf einem ungeordneten Haufen anderer Dokumente liegen blieb, dann wuchtete er sich aus dem Sessel hoch. Sich mit der Hand auf der Tischplatte abstützend, ging er langsam zur fensterlosen Seitenwand des Büros und klappte den großformatigen Kunstdruck eines Colville zur Seite, hinter dem ein Tresor zum Vorschein kam. Sim stellte die Zahlenkombination ein und öffnete die schwere, dicke Metalltür mittels des kleinen Drehrades. Geld, Wertpapiere sowie die Pistole ignorierte er, griff stattdessen im untersten Fach nach einem Stapel dünner Akten. Alle, bis auf die dortige Vancouver-Planakte legte er wieder zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild zurück.

Nach außen unbeteiligt gab er seine Anweisungen in ruhigem Ton. „Herb, ich benötige sechs Männer, die bereit sind, für Geld alles zu tun. Verständige Peyton. Er und die anderen sollen sich heute Abend, 6 p.m. im alten Lagerhaus versammeln. Dort verteile ich die Arbeiten und die Bezahlung.“

Herb Collins bestätigte und verließ das Büro. Er ließ seine Kontakte zu Vancouvers Unterwelt spielen und leitete alles in die Wege.

Pünktlich zur angeordneten Zeit betrat Chris Sim das Lagerhaus am Hafen, das seine Firma zwar noch besaß, aber seit Jahren nicht mehr nutzte. Ein hoher Drahtzaun umgab das Gelände, und Sim stellte sicher, dass dieser regelmäßig überprüft und instand gesetzt wurde. Das Gebäude sah ein wenig heruntergekommen aus, und der Putz bröckelte, aber Scheiben und Dach waren noch intakt. Der Ort war perfekt geeignet für eine kurze Zusammenkunft, von der niemand Kenntnis erlangen sollte.

Sim zupfte an der grauen Skimaske, die er sich übergezogen hatte. Außer Peyton kannte ihn niemand, und so sollte es auch bleiben. Er war der Boss, er besaß das Geld, das musste für die Handlanger, die er engagieren wollte, genügen. Sein Blick huschte über die sechs, ihm unbekannten Männer, die auf umgedrehten Holzkisten saßen und den Kopf hoben, als er eintrat. Ohne Worte warf Sim sechs Bündel Geldscheine auf eine Werkbank, an der früher Metallarbeiten durchgeführt worden waren. „Das sind jeweils 5.000 Dollar. Ihr bekommt das Gleiche nochmal, wenn ihr eure Aufträge erledigt habt.“

Die Männer griffen blitzschnell nach dem Geld. Gierig ließen sie die Scheine durch die Finger gleiten. Sim wartete ein paar Sekunden, bevor er fortfuhr. „Man hat mir euch empfohlen. Ich benötige Leute, die bereit sind, bis zum äußersten zu gehen. Wer Skrupel hat, soll verschwinden, aber ohne Geld. Also?“

Niemand sprach ein Wort. Peyton kaute mit einem spöttischen Lächeln auf einem Streichholz und ließ sich nicht anmerken, dass er wusste, wer da vor ihnen stand.

Nach einer halben Minute nickte Sim zufrieden. „Gut. Die Aufgaben, die ihr zu erledigen habt, sind recht einfach. Großartiges Equipment braucht ihr nicht. Besorgt euch, was nötig ist. Das geht auf Spesen. Nun aber zum Auftrag an der Capilano.“

Er zog eine Karte von Vancouver aus der Jackentasche und breitete sie auf der Werkbank aus. Seine Finger zeigten auf die Schlucht im Norden der Stadt. „Ein Mann ist ausreichend hier. Der Anschlag soll am Abend erfolgen. Ein paar Opfer genügen. Ob es Todesfälle gibt, spielt keine Rolle.“

Dann erklärte er seinen Plan in allen Einzelheiten. Die sechs Männer nickten hin und wieder. Sie hatten verstanden, und jeder wusste, wann seine Zeit kommen würde. Schließlich verließen sie das Gebäude.

Nur Peyton blieb zurück. Sim zog die Maske vom Kopf und fuhr sich durch die verschwitzten Haare. „Dein Auftrag“, wandte er sich an den Mann und reichte ihm einen großen Umschlag, den der Angesprochene sofort öffnete.

Peyton holte Geld, den Plan des Marktplatzes inklusive angrenzender Gebäude in Mount Pleasent und eine Handvoll Photos hervor, welche er aufmerksam und schweigend studierte.

„Geht klar. Aber das wird teuer.“

„Wieviel?“

„30.000. Das hier“, er wies auf das Geld aus dem Umschlag, „nehme ich als Anzahlung.“

„Spinnst du?“, brauste Sim auf. „Höchstens 20 Mille.“

Peyton stand auf, schob alles wieder in den Umschlag zurück und hielt ihn dem Automogul hin. „Dann such dir einen anderen. 30 Grand sind schon ein Freundschaftspreis, denn ich muss das Terrain sondieren, einen geeigneten Platz ausfindig machen, die Flucht organisieren. Und das alles innerhalb weniger Tage. Wenn’s dir nicht passt, ich bin nicht der einzige hier in der Stadt.“

Er wandte sich zum Gehen, doch Sims mühsam beherrschte Stimme hielt ihn zurück. „Einverstanden“, sagte der Milliardär zähneknirschend.

Gesamte Geschichte:
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