Charlottes Blick (Tempus) 2 – Die Revolverlady (Text, Mystery)


Cover zur Geschichte 'Charlottes Blick (Tempus) 2 - Die Revolverlady' : High-noon in der staubigen Hauptstraße einer Western-Stadt. Charlotte in Western-Outfit mit Revolver in der rechten Hand. Sie wendet dem Betrachter den Rücken zu. Am Boden eine Blutlache. Im Hintergrund ihr Duellpartner - ein Mann in schwarzem Outfit mit Hut. Das Duell steht kurz bevor.


Nachdem 1840 Gold und vor allem Silber gefunden werden, strömen hunderte Glückssucher nach Benton City. Bald erstrecken sich unzählige Claims vor den Toren der Stadt. Erze werden nach Boulder transportiert, Verkaufserlöse zurück. Doch die Überfälle auf die Kutschen häufen sich, und so heuern die Frachtlinienbetreiber Gunslinger als bewaffneten Begleitschutz an – darunter auch die 32-jährige Charlotte O’Reilly. Aber für die Frau mit der mysteriösen Zeichengabe ist es in erster Linie eine unauffällige Möglichkeit, nach Benton City zu gelangen, denn sie sucht etwas anderes als Edelmetalle. Als dann der Sheriff der Stadt erschossen wird und sich kein Nachfolger findet, beschleunigt Charlotte ihre Pläne. Auf Widerstand ist sie vorbereitet, auch auf tödlichen.

Gesamtlänge: 29.500 Wörter
von marcm200

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Leseprobe – der Anfang der Geschichte:

1.
Die Heimat
Sommer 1813
hoch im Norden Louisianas, Vereinigte Staaten von Amerika

Weit reichte der Blick nach Süden über die friedliche Landschaft, deren Gras in saftigem Grün stand, und deren klare Bäche, von den nahe gelegenen Bergen im Norden gespeist, im Sonnenlicht glitzerten. Weit verstreut lagen die kleinen Farmhäuser, welche den wenigen Menschen, die hier oben im Norden des ehemaligen Territoriums lebten und arbeiteten, als Heimat dienten. Das Leben war hart und eintönig, aber man war daran seit vielen Jahren gewöhnt.

Die Aufnahme als Bundesstaat in die Vereinigten Staaten zeigte für die Bewohner hier noch keine Auswirkungen. Man war so weit entfernt von den boomenden Städten, dass noch kein Beamter aus Washington den Weg hierher gefunden hatte.

Am hellblauen Himmel zeigten sich nur dünne Schleierwolken. Die Luft glühte, doch die beiden kleinen Kinder störte die Hitze nicht. Bienen summten, und ein Eichhörnchen sprang hastig davon.

Der sechsjährige Jake O’Reilly saß im Schatten eines mächtigen Baumes, hielt einen Ast in der Hand und versuchte seit zwei Stunden, mit seinem Messer daraus ein Pferd zu schnitzen. Sein Gesichtsausdruck wurde immer grimmiger, denn was er zustande brachte, gefiel ihm überhaupt nicht. Das, was ein Pferd sein sollte, ähnelte zwei Quadern, die durch ein dünnes Rohr miteinander verbunden wurden.

Charlotte O’Reilly, seine ein Jahr jüngere Schwester, kicherte vergnügt. „Hi, hi, das sieht nicht aus wie ein Pferd! Das sieht aus wie das Holz, das in unserem Kamin liegt.“

„Das weiß ich selbst“, fauchte Jake zurück und warf Messer und Pferd zu Boden. „Verdammt!“ Voller Wut schlug er mit seiner kleinen Faust gegen den borkigen Stamm des Baumes. Schmerz durchzuckte ihn und ließ ihn erneut fluchen, während er seine Hand ausschüttelte.

Charlotte machte ein besorgtes Gesicht. Sie ließ ihre Blumen fallen und lief mit kleinen Schritten zu ihrem Bruder. Die langen schwarzen Zöpfe baumelten wild hin und her, und das einfache, aber saubere und gut verarbeitete Kleid flatterte im Wind. „Hast du dir weh getan?“, fragte sie voller Mitgefühl.

Sie wollte nach Jakes Hand greifen, doch der Junge wehrte seine Schwester unwillig ab. „Lass! Du bist nicht Mom.“

Doch Charlotte ignorierte seinen Einwand und griff nach Jakes Arm. Sie zog so lange daran, bis der Junge schließlich aufstand.

„Komm, du musst die Hand kühlen“, sagte das Mädchen.

Jake ließ sich, mürrisch dreinblickend, von ihr bis zu dem Bach ziehen, der nur wenige Yards entfernt friedlich und träge dahinmäanderte. Das Wasser war nur zwei Fuß tief und so klar, dass man bis auf den Grund sehen konnte.

„Schau mal!“, rief Charlotte begeistert und deutete auf einen blau schimmernden Fisch, der flink vorbeischwamm. Sie folgte ihm lachend am Ufer, doch der Fisch war schneller. Am Holzzaun stoppte das Mädchen, denn ihre Eltern hatten ihr streng verboten, das Gelände der O’Reilly-Farm alleine zu verlassen. So sah sie dem Fisch nur mit leuchtenden Augen nach, winkte ihm zu, als er um die nächste Flussbiegung verschwand, und lief dann zurück.

Jake hatte mittlerweile die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und hielt die schmerzende Faust in das kalte Wasser.

„Geht’s wieder?“, fragte Charlotte und setzte sich ins Gras neben ihren Bruder.

„Meine Hand wird kalt“, maulte der Junge.

Charlotte kicherte wieder. „Selbst dran schuld.“ Sie zog ihre Schuhe aus und planschte ein wenig mit den Füßen im Wasser herum.

Nach ein paar Minuten hatte Jake genug und nahm die Hand aus dem Wasser. „Komm, wir müssen zurück. Es gibt gleich Abendbrot.“ Er deutete auf die sinkende Sonne, welche die Berggipfel schon fast erreicht hatte.

„Na gut“, gab Charlotte zurück und zog die Schuhe wieder an. „Aber ich muss die Blumen noch holen.“ Ein wenig unbeholfen stand das Mädchen auf und lief hinüber zum Baum, nahm das große Büschel der Wiesenblumen auf, die sie gepflückt hatte, und rannte Jake hinterher.

Die Kinder erreichten nach zehn Minuten das hölzerne Farmhaus mit der kleinen, überdachten Veranda, auf der ihre Eltern abends oft saßen und ein wenig die Ruhe der Natur nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag auf den Feldern genossen.

Charlotte kletterte die für sie immer noch ein wenig zu hohen Stufen hinauf und öffnete die Tür. „Mom, Dad!“, rief sie laut mit schriller Stimme. „Wir sind wieder da.“

Das einstöckige Haus besaß nur drei abgetrennte Räume – das große Wohn-Ess-Koch-Zimmer, eine Nachbarkammer für die Eltern sowie das Zimmer, das sich Charlotte mit ihrem Bruder teilte. Kelly O’Reilly, Mitte zwanzig und vom Wesen her überaus herzlich, stand an der Feuerstelle und schwenkte einen großen Kessel, aus dem heiße Dämpfe aufstiegen. Als sie die Tür hörte, drehte sie sich um. Ein breites Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie ihre beiden Kinder sah.

„Mom, schau mal, ich habe dir Blumen mitgebracht“, rief Charlotte und trippelte zu ihrer Mutter, den Blumenstrauß mit den einfach aus dem Boden herausgerissenen Pflanzen wie ein Geschenk in beiden Händen vor sich haltend.

Kelly ging in die Hocke, um das Präsent entgegenzunehmen, doch Charlotte stürmte an ihrer Mutter vorbei, bis sie die Holzbank neben dem Esstisch erreichte. Sie legte die Blumen auf die Sitzfläche, krabbelte mit Mühe darauf und richtete sich wieder auf. Aus der Vase, die auf dem kleinen Innensims des einzigen Fensters an dieser Wand stand, zog sie die schon verwelkten Blumen heraus und warf sie auf den Boden, um danach die frischen in die Vase zu stellen. Stolz lachend drehte sie sich um. „Bitte schön, Mom!“

Liam O’Reilly, Vater und Ehemann, hatte unterdessen das Wohnzimmer betreten und sich zu seiner Frau gesellt. Die Eheleute schlangen die Arme um des anderen Hüfte und schauten dem Mädchen zu. Kelly wischte sich eine Träne der Rührung aus den Augenwinkeln. Leise sagte sie zu ihrem Mann: „Sie ist ein wahrer Sonnenschein, unsere Charlotte. Sie erinnert mich immer wieder daran, warum wir hier so hart arbeiten. Sie soll es einmal besser haben als wir.“

„Das wird sie, Schatz. Sie und Jake. Die beiden werden die Früchte dessen ernten, was wir aufbauen. Und so soll es auch sein.“

Er klatschte laut in die Hände. „Los, ihr beiden, helft eurer Mutter beim Zubereiten!“

Die Kinder deckten den Tisch, während die Mutter die letzten Handgriffe an das Essen anlegte und Liam seine Pfeife stopfte. Dann aß die Familie den herzhaften Fleischeintopf. Jake und Charlotte erzählten ununterbrochen von ihrem Tag und was sie alles angestellt hatten.

„Morgen aber, Kinder, da lernen wir wieder“, kündigte Kelly an und deutete auf die Kiste in der Ecke, in der eine Reihe von Büchern lagerte.

„Müssen wir wirklich?“, maulte Jake, und auch Charlottes Laune war mit einem Mal nicht mehr so fröhlich wie noch vor einer Minute.

„Ja“, lachte Kelly. „Wie hat Grandma Dolores immer gesagt?“

„Man muss lesen, schreiben und rechnen können, sonst wird man über’s Ohr gehauen“, antworteten die Kinder wie aus der Pistole geschossen und brachen in Kichern aus. Mit der Großmutter war es immer lustig zugegangen, bis diese im letzten Jahr überraschend verstorben war.

Liam sah aus dem Fenster, und seine Gesichtszüge drückten Überraschung aus. Nur Kelly bemerkte es, und sie sah auch, wie sich Liams Überraschung in Sorge zu wandeln schien.

„Was ist?“, fragte sie leise, während die Kinder wieder munter drauflosplapperten. „Wer kommt da?“

„Kid Larson und ein paar seiner Männer.“

Kelly erschrak. „Der Outlaw? Hier bei uns?“

„Nein, er ist kein Outlaw mehr. Er arbeitet als Revolvermann für einen der Großgrundbesitzer, die sich immer weiter ausbreiten. In der Stadt habe ich davon gehört.“

„Was will er von uns?“

Liam stand auf, „Rasch, Darling, nimm die Kinder und geh über den Hinterausgang in den Stall! Bleibt dort, bis ich euch holen komme! Verhaltet euch ruhig!“

Kellys Gesicht verlor an Farbe. „Liam, du machst mir Angst. Ist es so ernst?“

„Geh jetzt!“, wiederholte Liam barsch und griff nach der Schrotflinte, die auf dem Schrankdach lag. Mit einer Hand schob er seine Frau zur Rückseite des Hauses. Kelly griff nach den Händen der Kinder und zog diese mit sich.

„Mom, wo gehen wir hin?“, wollte Jake wissen.

„Still! Folgt mir! Wir gehen in den Stall.“

„Au ja“, freute sich Charlotte. Sie mochte das Pferd und die Rinder, die so viel größer als sie waren, aber gleichzeitig auch so gutmütig. Charlotte wollte noch etwas hinzufügen, doch ein gezischtes „Pst!“ ihrer Mutter ließ sie den Mund wieder schließen.

Leise öffnete Kelly die Hintertür gerade so weit, dass sie und die Kinder hinausschlüpfen konnten. Die drei liefen in der Dämmerung die paar Schritte bis zum Stall hinüber, der ein wenig größer als das Haus war, aber viel einfacher gezimmert. Kelly hakte den simplen Riegel aus, schob die Kinder in das dunkle Innere und folgte ihnen. Die Angeln der Tür waren so verrostet, dass das Türblatt, nachdem Kelly es zugezogen hatte, auch ohne Verriegelung in dieser Stellung blieb.

„Nach hinten!“, flüsterte sie.

„Spielen wir Verstecken?“, fragte Charlotte. Sie klang begeistert.

„Bitte, seid still!“ Kelly schob die beiden den schmalen Gang hinunter, vorbei an den Boxen des Pferdes und der drei Rinder für die Feldarbeit und Milchwirtschaft. Die Tiere bewegten sich kaum, sie schienen bereit für die Nacht zu sein. Nur wenig Licht drang durch die Ritzen zwischen den Brettern hindurch, aber Kelly hütete sich, die Lampe anzuzünden. Am Ende des Mittelgangs betraten die drei die Futterkammer. Säcke mit Hafer hingen an den Wänden, Stroh lag gehäuft in einer Ecke, und auch ein wenig Saatgut, das vom Frühjahr noch übrig geblieben war, lagerte in einem Fass.

„Ab ins Stroh!“, ordnete Kelly kaum hörbar an.

Charlotte und Jake gehorchten sofort, war doch dies alles für sie nur ein lustiges Spiel. Auf allen Vieren krochen sie in den Strohhaufen hinein und schoben dabei die stechenden Halme zur Seite, bis sie die hölzerne Rückwand des Stalls erreichten. Kelly kroch ihnen nach, und bald saßen die drei mit dem Rücken an der Wand gelehnt und warteten.

„Mom, muss uns Dad jetzt suchen?“, fragte Jake.

„Bitte, Kinder“, flüsterte Kelly mit bebender Stimme. Sie hatte Angst. Liams Reaktion hatte ihr gezeigt, dass hier keine freundlichen Reiter zu einem Besuch kamen. „Es ist jetzt ganz, ganz wichtig, dass ihr keinen Mucks macht. Egal, was passiert. Versprecht mir das, bitte!“

Trotz ihres jungen Alters schienen die Kinder zu spüren, dass ihre Mutter es ernst meinte. Sie nickten, strichen wieder ein paar Strohhalme zur Seite, die im Gesicht kitzelten, und rückten ein wenig näher an die Mutter heran. Kelly legte die Arme um ihre Kinder und zog sie fest an sich. Flach atmend und ohne sich zu bewegen, harrten sie der Dinge, die da kamen.

Sie mussten nicht lange warten, bis etwas geschah.

Die Tür des Stalls öffnete sich. Als das Quietschen der Angeln die Stille zerriss, zuckte Kelly zusammen. Schritte erklangen. Die Türen zu den Boxen wurden wohl aufgestoßen, jedenfalls wurden die Tiere plötzlich unruhig. Sie scharrten mit den Hufen. Das Pferd wieherte, die Rinder muhten, und eine Männerstimme lachte bellend. Dann näherten sich die Schritte der Futterkammer. Auch deren Tür wurde aufgestoßen. Kelly wagte nicht zu atmen und hielt den Kindern den Mund zu, um zu verhindern, dass diese Laut gaben. So verharrte sie sekundenlang. Sie sah nichts durch das dichte Stroh, hörte nur die Schritte, die nun in die Futterkammer traten. Der Deckel des Saatgutfasses wurde den Geräuschen nach geöffnet, dann achtlos zu Boden geworfen. Wieder ein paar Schritte, und nun spürte Kelly, wie sich das Stroh neben ihr bewegte.

Eine Mistgabel stocherte im Stroh herum. Einmal, zweimal stieß sie hinein – und traf plötzlich den kleinen Jake am Fuß. Der Junge stöhnte unterdrückt auf, aber das Geräusch war nicht zu überhören.

Es folgte wieder das bellende Lachen, bevor eine kratzige Männerstimme sagte: „Kommt raus!“

Das sirrende Geräusch des rotierenden Patronenlagers eines Revolvers ertönte. Die Botschaft war eindeutig. Dennoch rührte sich Kelly nicht.

„Ich zähle bis Fünf. Dann ist draußen, wer sich da im Stroh versteckt. Danach schieße ich hinein. – 1, 2, 3…“

Kelly bedeutete den Kindern mit Gesten, sich weiter absolut ruhig zu verhalten. Sie robbte ein Stück vor und schob erst dann das Stroh zur Seite. Ihr bleiches Gesicht, umrahmt von roten Haaren, tauchte zwischen den Halmen auf. Kelly kroch nach vorne, darauf bedacht, dass sich das Stroh hinter ihr sofort wieder schloss und ihre Kinder verdeckte.

Schließlich stand sie auf.

Zwei Yards vor ihr stand einer von Larsons Handlangern. Es war ein großer, grobschlächtiger Bursche von Mitte zwanzig. Seine Haare hingen ihm weit in den Nacken. Er trug die typische Kleidung des Revolvermannes: Stiefel, lederne Chaps über der groben Hose, ein kariertes Hemd und einen Stetson. Alles sah abgetragen aus. Nur der Colt, den er lässig in der Rechten hielt, machte einen tadellosen Eindruck. Das Metall des Laufes glänzte wie pures Silber, der Griff schien aus hellem Holz, vielleicht sogar Elfenbein gefertigt. Der Mann kaute auf einem Holzspan und sagte durch die Zähne: „O’Reilly, wo sind deine Bälger?“

Kelly versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Sie sind nicht hier. Sie sind in der Stadt bei Freunden.“

Der Mann lachte wieder auf. Langsam hob er die Waffe und richtete sie auf den Strohhaufen. „Du meinst, wenn ich da jetzt reinballere, wird’s außer Löchern in der Wand keine weiteren irgendwo anders geben?“

Kelly erschrak bis ins Mark. Sie trat einen Schritt zurück, um möglichst viel des Strohhaufens mit ihrem Körper abzudecken. Der Mann spannte den Hahn seines Revolvers, legte den Kopf schief und visierte über Kimme und Korn sein Ziel an. Kelly sah das Funkeln in seinen Augen.

Er wird meine Kinder erschießen!, schrie es in ihr. Der Gedanke lähmte sie fast.

Sie konnte nur eines tun. Sie gab auf.

„Jake, Charlotte, kommt bitte heraus“, sagte sie zitternd, und in ihrer Stimme schwang grenzenlose Angst mit. Ihr blieb nur noch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass es Kid Larson, dem Anführer, nicht um ihre Familie ging, sondern um etwas anderes.

Ein paar Minuten zuvor

Als Liam sich vergewissert hatte, dass seine Familie das Haus verließ, wandte er sich rasch um und stellte sich neben die Eingangstür. Durch das Fenster konnte er die vier Reiter gut erkennen. Kid Larson sagte etwas zu seinen Begleitern, woraufhin zwei der Revolvermänner nickten und dann aus Liams Blickfeld verschwanden.

Larson aber rief laut: „O’Reilly, wir haben dir ein Angebot zu machen.“

Liam überlegte in fieberhafter Eile, ob er antworten sollte. Vielleicht zogen die Reiter wieder ab, wenn niemand reagierte? Aber das war nicht wirklich wahrscheinlich, denn Larson würde sich nach dem langen Weg, den er auf sich genommen hatte, sicherlich überzeugen, ob sich jemand im Haus aufhielt. Es war besser, diesen durchsichtigen Trick nicht zu versuchen. Ein verärgerter Kid Larson war mit Sicherheit noch unberechenbarer, als der Ruf, der dem ehemaligen Outlaw vorauseilte, ohnehin schon nahelegte. Also antwortete Liam laut: „Was willst du?“

„Mit dir reden“, erwiderte Larson und sprang vom Pferd. Auch sein Begleiter saß ab, und die beiden Revolvermänner kamen langsam ein paar Schritte auf das Haus zu. „Komm raus, O’Reilly! Es wäre besser für dich, wenn wir dich nicht holen müssten.“

Liam hatte keine Wahl, denn die Sache auszusitzen, war keine Option. Irgendwann würden die vier das Haus überrennen. Und nach allen Seiten konnte er es nicht verteidigen. Also öffnete er die Tür und trat hinaus in die Dämmerung.

In der Ferne heulte ein Kojote. Ein leichter Wind blies über die flache Ebene vor dem Haus. Hoch oben am Himmel kreisten Geier. Wäre Liam besonders abergläubig, so hätte er dies als schlechtes Omen gedeutet.

Er wäre mit dieser Einschätzung nicht fehlgegangen.

„Hör zu, O’Reilly“, sagte Kid Larson und spuckte auf den Boden. „Du hast Glück. Dein Land hier ist 100 Dollar wert. Und wir haben einen Käufer dafür.“

Liam lachte grimmig auf. „Ich habe nicht vor zu verkaufen. Wer immer dich geschickt hat, richte ihm das aus!“

„Du siehst das falsch“, gab Larson zurück. Seine Hand lag auf dem Griff des Revolvers, der im Gürtelhalfter an der rechten Seite steckte.

Liam O’Reilly hielt seine Flinte dagegen schon vor dem Oberkörper, aber schräg nach unten gerichtet. Er konnte sie frei hochreißen und schießen, dennoch war er sich sicher, dass der berüchtigte Gunslinger, der blitzschnelle Reflexe besaß, ihn zuerst treffen würde. Außerdem gab es ja noch den anderen Mann. Die beiden standen gut zwei Schritt auseinander, und so breit streute Liams Schrotflinte auf diese Entfernung nicht. Es bestand also keine Chance, die Revolvermänner gleichzeitig zu treffen und auszuschalten.

Larson lachte bellend, als er das leichte Zittern in Liams Armen sah. „Nun, unser Angebot ist nicht abzulehnen. Es ist einmalig gut für dich. Nimm also das Geld und verschwinde bis morgen Abend mit deiner Familie.“

„Das Gesetz schützt mich vor euch Hyänen“, gab sich Liam selbstbewusst. Doch er wusste nur zu gut, dass die nächste Stadt mit Sheriff weit entfernt war. Das Land wurde in großen Teilen vom Recht des Stärkeren regiert.

„Das Gesetz sind wir“, höhnte Larson.

„Was wollt ihr mit meinem Land? Du siehst nicht aus, als wolltest du zum Farmer umsatteln.“

Kids Blick ruckte nach rechts, aber Liam ließ sich nicht ablenken. Er starrte weiter gebannt auf die zwei Männer vor ihm, bereit abzudrücken, wenn einer von ihnen Anstalten machte, die Waffe zu ziehen.

Larson grinste plötzlich breit. Er ließ sogar den Revolvergriff los und winkte zur Seite. Liam war plötzlich nicht mehr davon überzeugt, dass dies ein Ablenkungsmanöver sein sollte. Sekunden später wurde seine Ahnung schreckliche Gewissheit. Einer von Larsons Begleitern, die dieser bei der Ankunft weggeschickt hatte, tauchte auf – und er brachte Liams Frau und Kinder mit!

Kelly O’Reilly hielt Jake und Charlotte an der Hand und lief einen Schritt vor dem Revolvermann, der seine Waffe in der Hand hielt, und ihr diese gelegentlich in den Rücken drückte. Dabei grinste er debil, als sei dies alles ein pures Vergnügen für ihn.

„Kelly, ist alles in Ordnung mit euch?“, fragte Liam mit tonloser Stimme. Ein dicker Kloß saß in seinem Hals.

„O’Reilly“, rief Kid Larson, „schau, was wir gefunden haben.“ Er lachte triumphierend auf. „Wie stehst du nun zu unserem Angebot? 100 Dollar. Na, was sagst du?“

Er musste gar keine direkte Drohung aussprechen.

Die Sache war entschieden.

Einen Tag später machte sich die Familie auf den Weg und verließ die Heimat. Die Kinder hatten den Schreck, so viele Bewaffnete zu sehen, schnell überwunden, denn sie verstanden nicht wirklich, worum es ging. Die Eltern hatten von einer seltsamen Wette gesprochen, welche die Erwachsenen untereinander abgeschlossen hatten. Charlotte und Jake waren guter Laune, denn für sie ging es nun nach New Orleans, in die große Hafenstadt. Die O’Reillys waren noch nie dort gewesen. Für die Kinder begann nun ein schönes Abenteuer. Sie schwatzten vergnügt und betrachteten alles genau, denn so weit vom Farmhaus entfernt waren sie nur ganz selten unterwegs.

Liam zog das Pferd mit dem kleinen Karren, in dem sich die wichtigsten Besitztümer, die sie mitnehmen wollten, befanden. Kid Larson hatte nichts dagegen gehabt. Auch den Gaul hatte er ihnen lachend überlassen und großzügigerweise darauf verzichtet, dessen Wert auf die 100 Dollar anzurechnen. Liam hätte ihn bei diesen Worten am liebsten angesprungen und verprügelt, hatte sich aber beherrscht.

Larson, oder besser dessen Auftraggeber, ging es nur um das Land. Was er damit wollte, wusste Liam nicht. In der Stadt, die ihrem Farmhaus am nächsten lag, und in der sie ihre Waren verkauften, munkelte man etwas von Kohlebergbau. Aber das konnten Gerüchte sein, denn Minen hatte Liam hier oben noch keine gesehen. Aber es spielte auch keine Rolle mehr.

Liam O’Reilly machte einen zutiefst niedergeschlagenen Eindruck. Kelly unterstützte seine Entscheidung, die Heimat aufzugeben, aber wenn Liam in die Augen seiner Frau blickte, dann glaubte er ganz tief unten noch etwas anderes zu erkennen, als die Liebe, die sie ihm seit Jahren entgegenbrachte.

Er glaubte, Verachtung zu erkennen.

Vielleicht stimmte es nicht, und er bildete sich das nur ein, aber falls Kelly so dachte, dann konnte Liam sie verstehen.

Er verachtete sich selbst für seine Feigheit. Ohne Ehefrau, ohne Kinder – ja, da hätte er gekämpft, sein Land verteidigt, den Revolvermännern Paroli geboten. Wenn es sein musste, bis zum bitteren Ende. Aber auf ihm lastete die Verantwortung seiner Familie gegenüber. So hatte er seinen Stolz heruntergeschluckt und war auf Larsons vergiftetes Angebot eingegangen.

Es ging nicht um Liam, um Stolz, um Mut, ja noch nicht einmal in erster Linie um Kelly. Sondern es ging einzig und allein um das Wohlergehen der Kinder, die sicher, und vor allem mit beiden Elternteilen, aufwachsen sollten.

Es ging um Jake, ihren Sohn, und um Charlotte, die, auch wenn sie nicht ihre leibliche Tochter war, ihnen genauso ans Herz gewachsen war.

Für seine Kinder würde Liam alles tun.

Gesamte Geschichte:
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