

Charlotte nimmt einen sehr lukrativen, aber auch gefährlichen Auftrag an. Unter Wasser geschieht Unerwartetes, das sie erst verspätet als bedrohlich wahrnimmt. Sie wird nachdenklich.
| Gesamtlänge: 8.300 Wörter von marcm200 | ![]() | ![]() |
Zügig schritt Charlotte auf den Schlagbaum der Kaserne zu.
Der Himmel war verhangen, das Licht auch noch um 9 Uhr am Morgen düster. Der Wind stand so, dass er vom nahegelegenen internationalen Flughafen im Norden der Stadt den Lärm der startenden und landenden Maschinen herüberwehte.
Vor dem Wachhabenden blieb Charlotte stehen und reichte ihm den Bescheid zur Einbestellung, den sie in der Vorwoche erhalten hatte. Der Soldat ging in seine Kabine und hakte ihren Namen auf einer Liste ab. Nach einem kurzen Telefonat gab er ihr den Schein zurück und öffnete das Personaltor.
Charlotte lief über den kleinen, asphaltierten Vorplatz und trat an das Hauptgebäude heran. Der flache, sehr breite und langgestreckte Quader wirkte gedrungen, und, wie Charlotte fand, immer ein wenig bedrohlich. Sie drückte auf den Knopf der Rufanlage. Es summte kurz darauf, und sie wurde eingelassen.
Eine Assistenzärztin im weißen Kittel, die eine dünne Akte in der Hand trug, kam ihr entgegen. „Ich bin Dr. Kern“, stellte sie sich vor. „Ich werde die Voruntersuchung bei Ihnen durchführen.“
Sie führte Charlotte ein Stück den kahlen Hauptgang hinunter, wandte sich schließlich nach rechts und öffnete eine Metalltür. Die beiden Frauen betraten ein schmales, sehr langes Zimmer ohne Fenster. Leicht gelbliches Licht aus einer Neonröhre erhellte den Raum.
Dr. Kern wies auf einen schwarzen Lehnstuhl an einer der schmalen Wände. „Bitte nehmen Sie Platz.“
Auf einem kleinen Regal neben Charlottes Kopf stand ein Diaprojektor, den die Ärztin einschaltete. Sofort erfüllte das leise Brummen des Lüfters den Raum. Auf der dem Stuhl gegenüberliegenden hellen Wand erschien ein grellweißes Rechteck, in dem auf einer Linie mehrere schwarze Symbole prangten.
„Bezugnehmend auf Ihre Untersuchung im Vorjahr fange ich mit einem Test am oberen Ende unserer Skala an. So sparen wir Zeit. – Was sehen Sie?“
Ohne Zögern und nach nur einem flüchtigen Blick auf die Ziffern antwortete Charlotte: „3 – 9 – 1 – 2.“
Das nächste Diapositiv schob sich vor den Projektorscheinwerfer. Es klackte, als die Führungsschiene einrastete.
Wieder blickte Charlotte nur für einen kurzen Moment auf die Zahlenreihe in fünf Metern Entfernung. Genauso schnell wie zuvor kam: „1 – 0 – 4 – 3.“
Nach einer weiteren, noch kleineren Zahlenfolge beendete die Ärztin den kurzen funktionalen Sehtest. „Nun, Frau Bernstedt, das war es auch schon wieder für Sie.“
Sie schaltete den Projektor aus. „Auf mehr als 200% Sehleistung sind wir hier nicht eingestellt. Ich vermerke das Ergebnis in Ihrer Akte mit einem ‚mindestens‘.“ Sie lächelte angedeutet.
Charlotte aber grinste breit.
Adlerblick, dachte sie amüsiert. Den habe ich schon seit meiner Kindheit.
Nachdem sie Datum, Grund und Ergebnis der Untersuchung eingetragen hatte, klappte Dr. Kern die Akte zu und stand von ihrem Hocker auf. „Kommen Sie bitte mit.“
Die beiden Frauen folgten dem breiten Hauptgang mit der tiefen Decke weiter in das Gebäude hinein. Die Wände bestanden aus kahlem, grauem Beton. Charlotte fühlte sich ein wenig unwohl in dieser unpersönlichen Umgebung.
Die Schritte hallten dumpf auf dem grauen Betonfußboden. Nach etwa zwanzig Metern bogen sie nach rechts ab, und die Ärztin öffnete eine weiße Tür, auf der ‚Arzt 1‘ stand. Der quadratische Raum maß etwa sechs auf sechs Meter. Ein durchgehender Schreibtisch säumte die einzige Wand, an der ein Fenster Tageslicht hereinließ. Die innenliegenden Jalousien waren heruntergelassen, obwohl die Sonne an diesem Morgen nirgends zu sehen war. Auf dem Tisch lagen unzählige zugeschlagene Akten.
Dr. Kern deutete auf den Stuhl mit der Kopfstütze. „Sie kennen das alles ja schon.“
Charlotte nickte und nahm in dem Ledersessel Platz. Der Schwenktisch mit dem Ophthalmoskop war zur Seite geklappt und hing zu ihrer Rechten. Ihr Blick fiel automatisch auf die Akte, welche die Ärztin in diesem Moment aufklappte und in die Nähe des Untersuchungsstuhls schob. In fetten Lettern prangte ‚Bernstedt, Charlotte. Stabsunteroffizierin der Reserve im Sanitätsdienst‘ darauf.
Dann verabschiedete sich Dr. Kern mit einem knappen Nicken und verließ den Raum.
Charlotte schaute sich um. Im Vergleich zum Vorjahr hatte sich nichts verändert. Eine weiße Tür führte direkt zu ‚Arzt 2‘, eine Polsterliege mit ebenfalls weißem Papierbezug stand an der dem Fenster gegenüberliegenden Wand, und ein paar Rollcontainer mit Schubladen waren akkurat nebeneinander unter den Tisch geschoben worden.
Eigentlich, dachte Charlotte zum wiederholten Male, ist das Zimmer viel zu groß für das bisschen Equipment. Aber das Gebäude ist ja auch nicht als Ärztehaus geplant worden.
Vom Nachbarzimmer hörte sie plötzlich lauter werdende Stimmen, dann sich nähernde Schritte. Die Verbindungstür öffnete sich, und ein hochgewachsener, drahtiger Mann mit leicht ergrautem Haar betrat den Raum. Er hatte den Kopf noch in Richtung des anderen Zimmers gedreht und lachte. Zur Verabschiedung hob er kurz die Hand, schloss dann die Tür und wandte sich um.
„Hallo, Frau Bernstedt“, grüßte der Flottillenarzt mit dunkler Stimme. Er sprach akzentuiert, und sein gesamtes Auftreten verriet, dass er es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Doch seine Augen leuchteten freundlich, als er den Raum durchquerte und Charlotte die Hand schüttelte. Der Hocker, auf den er sich setzte, quietschte etwas, als die pneumatische Federung nachgab.
„Waren Sie in den vergangenen…“ Er blätterte kurz in der Akte „…knapp elf Monaten, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, wegen irgendwelcher Beschwerden bei Ihrem niedergelassenen Augenarzt oder in einer Klinik?“
Er schlug eine Seite mit Hochglanzfarbphotographien auf. Charlotte warf nur einen raschen Blick darauf, handelte es sich doch um frühere Aufnahmen ihres Augenhintergrunds. Intensives Gelb herrschte vor, aber auch die roten Äderchen waren zu sehen.
„Keine Beschwerden. Meine Sehleistung ist weiterhin gut.“
Dr. Huygens wandte sich von der Akte ab und rollte mit dem niedrigen Hocker ein Stück zur Seite. „Gut. Dann wollen wir mal.“
Er zog am Schwenktisch und schob ihn vor Charlotte, die ihr Kinn in die Aussparung legte und die Stirn an die Halterung drückte. Huygens schaltete die Spaltlampe ein, klappte den Arm vor und schaute durch das Okular. Im ersten Moment blendete das intensive Licht Charlotte stark, und sie musste sich zwingen, die Augen offenzulassen. Während der Untersuchung bewegte der Arzt die Lampe immer wieder deutlich zur einen oder zur anderen Seite und murmelte unverständliche Worte. Auch das andere Auge untersuchte er auf diese Weise.
Schließlich lehnte er sich zurück.
„Es ist immer wieder eine Freude, in Ihre Augen zu schauen“, sagte er und lächelte verschmitzt. Auch Charlotte lächelte, wusste sie doch, wie diese Worte gemeint waren.
„Abgesehen von ein paar Tintenfischaugen während des Studiums habe ich noch nie ein everses Auge gesehen. Sie sind diesbezüglich ein wissenschaftliches Phänomen.“
Er rollte ein Stück nach links, nahm die Kamera vom Schreibtisch und klemmte sie auf ein kleines Gestell, das er vor das Okular klappte.
„Bitte den Kopf ruhig halten!“, sagte der Militärarzt und drückte auf den Auslöseknopf. Nachdem er den Film mechanisch eine Position weitergedreht hatte, und ein leises Ratschen ertönte, schoss er mit unterschiedlichen Brennweiten noch drei weitere Photos von Charlottes Augen.
„Nehmen Sie den Kopf bitte zurück.“
Dr. Huygens schob den Schwenktisch zur Seite, griff nach dem kleinen Glasfläschchen mit Tropfpipette auf dem Schreibtisch und träufelte je einen Tropfen in die Bindehautsäcke. Charlotte blinzelte mehrmals, um die bläuliche Flüssigkeit zu verteilen. Dann wurde sie wieder vor das Ophthalmoskop gebeten.
Huygens blickte wieder durch das Okular. Mehr zu sich selbst als zu Charlotte sagte er: „Hornhaut intakt, keine Perforationen. Kreisförmig umlaufende Schicht doppelpyramidenförmiger Zellen unklarer Funktion.“
Wieder musste Charlotte sich zurücklehnen, als der Arzt nun mit einer grellen Handlampe und einer Lupe einen Teil ihrer Netzhaut begutachtete. Ihre Augen bewegte sie nach Aufforderung in immer andere Richtungen.
„Papille farbreich, Fovea überaus intensiv ausgeprägt.“
Das rechte Auge wurde auf identische Art untersucht. Huygens schaltete danach die Lampe aus, setzte sich an den Schreibtisch und notierte einen kurzen Befundbericht in der Akte. Nach wenigen Minuten nahm er ein kleines, einseitiges Dokument, setzte seine Unterschrift darauf und stempelte es.
„Frau Bernstedt, mit Ihren Augen ist alles mehr als in Ordnung. Die generalmedizinische Musterung und die sportlichen Eignungstests haben Sie ja bereits bestanden. Das kanadische Militär freut sich, Sie ein weiteres Jahr in der Sanitätsreserve zu listen.“
Er lächelte breit. „Und irgendwann werden wir eine Fallstudie mit Ihren Augenuntersuchungen veröffentlichen. Aber noch…“ Er blinzelte verschwörerisch. „…halten wir das vor dem Feind geheim.“
Charlotte lachte.
Wenn du wüsstest…, dachte sie. Aber ich will nicht von anderen als Waffe eingesetzt werden. Auch nicht für die Verteidigung meines Landes.
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