

Auf dem Klassentreffen fünf Jahre nach Abschluss der High-School kommen bei Charlotte Erinnerungen hoch, als sie ihren Jugendschwarm Dave wiedersieht. In der Gegenwart geschieht Dramatisches. Charlotte muss all ihre Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen und hofft, dass dies ausreicht, um die Katastrophe zu verhindern.
| Gesamtlänge: 9.400 Wörter von marcm200 |
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Die Tür zur Federal Bank öffnete automatisch, als sich Charlotte der Glasfront näherte. Sie betrat den klimatisierten Vorraum und stieg die wenigen Stufen zur Schalterhalle hinauf. Große Pflanzen in Kübeln unterteilten die Halle optisch in einzelne Bereiche. Die Schreibtische der Kundenberater waren durch die Blätter nur zu erahnen. Charlotte wandte sich nach links zum Wartebereich. Aus einem der ledernen Sessel erhob sich in diesem Moment ihre Verabredung.
„Good morning, Mr Clondike“, grüßte Charlotte und streckte die Hand aus.
Der Vertreter der Beratungsfirma, welche die Aufträge der inversen Auktionen begleitete, erwiderte den Gruß mit einem freundlichen Lächeln. „Guten Morgen, Miss Bernstedt.“
„Wollen wir gleich?“
Clondike nickte, und die beiden gingen zum Büro des Bankdirektors. Als sie das Vorzimmer betraten, unterbrach die Sekretärin das Tippen auf der Schreibmaschine.
Clondike und Bernstedt“, stellte der Berater sie vor. „Der 10-Uhr-Termin für Direktor Campbell.“
Die Sekretärin schaute im Kalender nach, und brachte die beiden Besucher nach kurzer Rücksprache über die Gegensprechanlage ohne weitere Wartezeit ins angrenzende Hauptbüro.
Campbell kam hinter seinem wuchtigen Edelholzschreibtisch hervor, begrüßte die Geschäftskunden mit ausgesuchter Höflichkeit und bat sie, Platz zu nehmen. „Miss Bernstedt, Mr Clondike. Obwohl Sie mir persönlich natürlich bekannt sind, muss doch den Vorschriften entsprochen werden.“
Er nahm die Personalausweise von Charlotte und Clondike entgegen, fertigte persönlich eine Kopie davon an und legte diese in die Transaktionsakte. Anschließend reichte Mr Clondike ihm einen Scheck, dessen Nummer auf dem Vorgangsbogen vermerkt wurde. Charlotte setzte ihre Kontonummer ein, und sowohl sie als auch Clondike unterschrieben das Dokument.
„Dürfte ich um die über die Bank als vertrauenswürdigem Partner miteinander vereinbarten Codes zur Identifizierung und Transaktionsfreigabe bitten?“, fragte der Direktor und schaute die Besucher auffordernd an.
„A-12-X-34Y“, antwortete Charlotte und verkniff sich ein Schmunzeln über die seltsamen Authentifizierungscodes, welche die Beratungsfirma immer ausgab, wenn die Honorare für die vergebenen Aufträge beglichen wurden.
„Bootstrip3“, sagte Arthur Clondike. Er runzelte leicht missbilligend die Stirn, schien ihm ein einfaches Wort offensichtlich bei der Höhe der Schecksumme unter Sicherheitsaspekten wenig geeignet.
Campbell nickte, als er die beiden verschlossenen Umschläge, die in der Akte lagen, vor den Augen von Charlotte und Clondike öffnete und die Angaben überprüfte. Mit seiner nun folgenden Unterschrift gab er die Scheckgutschrift final in Auftrag. Er klappte die Akte zu und drückte auf die Gegensprechanlage, um seine Sekretärin hereinzubitten und ihr den Vorgang zu übergeben.
„Miss Bernstedt, die Summe von 882.000 kanadischen Dollar abzüglich 2% Einreichungsgebühr steht ihnen ab dem morgigen Tag, 14 Uhr zur Verfügung.“
Charlotte verabschiedete sich von Clondike und den Bankmitarbeitern und verließ das Gebäude.
Sie blickte auf die Uhr. Die gesamte Transaktion hatte weniger Zeit benötigt, als sie eingeplant hatte. Bis zu ihrem Treffen mit Annabelle war noch ein wenig Zeit. Die Hände in den Hosentaschen vergraben und den Mantelkragen hochgeschlagen ob des kalten Windes ging sie in Gedanken versunken die Straße hinunter.
Nach einer Viertelstunde hatte sie das Restaurant erreicht. Charlotte betrat den stark beheizten Raum, in dem sie auf der Türschwelle Kaffeeduft empfing. Sie ließ sich in einer der Essbuchten in der Nähe des Eingangs nieder, bestellte ein Wasser und bat um die Tageszeitung. Gemütlich blätterte sie durch die Seiten und bemerkte nicht, wie rasch die Zeit verflog.
„Hey, Charlotte!“, kam es plötzlich von der Tür, und Annabelle Rivers ließ sich wenige Sekunden später gegenüber der Angesprochenen auf die rotbezogene Lederbank fallen.
Charlotte hob den Kopf. „Hi, Annabelle“, erwiderte sie und faltete die Zeitung zusammen.
Nach einem kurzen Blick in die Karte bestellten beide den Tagesbrunch und wandten sich dann dem Geschäftlichen zu.
„Also“, begann Annabelle, „bis jetzt konnte ich nur herausfinden, dass es in einer Umgebung von 20 Meilen aufwärts und abwärts der Stelle, an der dir das Bergungsgut gestohlen worden ist, drei offiziell angemeldete Boote gibt, die rote Streifen haben und auch sonst deiner Beschreibung entsprechen.“
Charlotte schob die Zeitung vom Tisch hinunter auf die Bank neben sich, da gerade der gebratene Speck, die Eier und die Waffeln gebracht wurden. Die beiden Detektivinnen schwiegen, bis die Bedienung den Tisch wieder verlassen hatte.
„Das klingt doch überschaubar. Hast du die Namen der Eigner?“
Annabelle griff in ihre Aktentasche und holte ein Blatt hervor, das mit Maschine geschrieben war. Charlotte warf nur einen flüchtigen Blick darauf und schob es zurück.
„Annabelle, ich würde deinen Auftrag gerne erweitern, wenn du Zeit hast.“
Die Detektivin nickte, sagte aber nichts.
„Überprüfe die drei Eigentümer genauer. Vielleicht lebt einer seit Kurzem auf großem Fuß? Die Diebe haben ein Drittel der Goldstatuen von Williamson in ihrem Besitz und werden sie zu Geld machen wollen. Wenn du die Statuen wiederbeschaffst, teilen wir uns die 441.000 Dollar und du verzehnfachst dein Honorar gegenüber jetzt.“
Annabelle legte ihr Besteck auf den Teller. Es klapperte laut. Mit Verwunderung schaute sie Charlotte an. „Das ist eine Menge Geld. Warum machst du die Überprüfung nicht selbst? Du kennst dich damit doch genauso gut aus wie ich.“
„Ich bin nächste Woche für ein paar Tage in Oakville und danach oben bei meinen Eltern in Nova Scotia. Ich will keinen unerledigten Fall zurücklassen. Wer weiß, wie lange die Recherchen benötigen.“
„Oakville?“
„Fünfjähriges High-School-Treffen.“
„Gehst du alleine?“, wollte Annabelle wissen und schob ihren Teller von sich.
„Phil begleitet mich. Er ist ohnehin für ein paar Wochen beruflich in Toronto. Den kleinen Trip an meine High-School wollte er sich nicht entgehen lassen.“
Annabelle nahm den Auftrag an.
***
Vorsichtig bremsend hielt das Taxi vor der Reading-High-School im Norden von Oakville, Provinz Ontario. Die Straßen waren glatt, es schneite nicht wenig, und für die Nacht war noch stärkerer Niederschlag angekündigt. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel. Die Straßenlaternen brannten schon seit mehreren Stunden, obwohl erst früher Abend war.
Charlotte bezahlte den Fahrer, und sie und Phil stiegen aus. Wegen des Windes verzichteten sie auf das Aufspannen der Regenschirme und liefen stattdessen zügig durch das offenstehende Tor und über den Schulhof. Ein paar Außenlampen spendeten ein wenig Licht, aber Charlotte kannte auch fünf Jahre, nachdem sie diesen Ort das letzte Mal verlassen hatte, noch jeden Winkel des Geländes. Ihr reichte das schummerige Licht aus, um sich problemlos zu orientieren. Charlotte bog nach links zur Turnhalle ab. Dort angekommen zog sie die breite Tür am Holzgriff auf. Phil und sie sprangen förmlich ins Trockene und klopften sich den Schnee vom Mantel.
Die beiden standen in einem breiten, etwa zwanzig Meter langen Gang. Schmale Neonröhren waren in kurzen Abständen an der Decke angebracht und spendeten gelbliches Licht. Rechts gingen Türen zu den Umkleiden und Duschräumen ab, links eine große, doppelflügelige Tür in die eigentliche Sporthalle. Neben diesem Eingang stand ein zwei Meter breiter Tisch, hinter dem zwei Personen saßen, deren gut sichtbare Namensschilder sie als Megan und Roger auswiesen. Mit einem breiten Lächeln sahen sie den Neuankömmlingen entgegen.
„Heh, du bist…“, sagte der junge Mann, „…hilf mir, dein Gesicht kommt mir bekannt vor, aber dein Name fällt mir gerade nicht ein.“
„Charlotte Bernstedt.“
„Richtig! Die Malerin!“
Charlotte lachte laut auf. „Na, ich zeichne gerne, das stimmt. Aber Malerin? Nun, so weit bin ich nicht gekommen.“
Megans Augen flogen über die Liste der Angemeldeten. „Da haben wir dich. Du wolltest mit einem Phil Messier kommen. – Dein Freund?“
Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein, bloß ein Freund und Arbeitskollege.“
Roger deutete auf die Tür auf der rechten Seite des Gangs, welche der Anmeldung direkt gegenüberlag. „Dort ist die Garderobe.“
Charlotte und Phil nahmen die Anstecknadeln mit den großen Schildern, auf denen ihre Namen handschriftlich eingetragen worden waren, entgegen. Nachdem sie ihre Mäntel in der Garderobe an den Haken aufgehängt hatten, steckten sie sich die Schilder an Jackettrevers und Kleid und betraten dann die Turnhalle.
Gedämpfte Musik schallte ihnen aus der hohen Halle entgegen. Die kleinen Fenster direkt unterhalb der Decke in acht Metern Höhe waren aufgrund des Schneefalls geschlossen.
Charlotte blieb direkt hinter dem Eingang stehen und schaute sich erst einmal neugierig um. Dachte man sich das Festequipment weg, so hatte sich nur wenig verändert. Höchstens, dass die Markierungen auf dem Boden noch blasser geworden waren, und der ein oder andere Gummiabrieb von Turnschuhen weitere schwarze Flecken erzeugt hatte. Aber das Netz des einen Basketballkorbs war erneuert worden.
Immerhin etwas, dachte Charlotte, die für eine Sekunde mit ein wenig Wehmut an die Zeit als Schülerin zurückdachte. Als sie nach vier Jahren auf der Schule diesem Abschnitt endlich Adieu hatte sagen können, war ihre Gefühlswelt eine völlig andere gewesen. Nur raus hier, hatte sie damals immer gedacht.
Die allermeisten Gäste, die mit oder ohne Begleitung zugesagt hatten, schienen bereits zugegen zu sein, denn eine Unzahl von Menschen wuselte herum. Kleidungstechnisch war alles vertreten – vom legeren Freizeitoutfit mit Jeans und labbrigem Shirt über schicke Businessoutfits bis hin zum eleganten Kleid und edlen Anzug. Phil in seinem dunkelgrauen Anzug und Charlotte in ihrem blauen, knielangen Samtkleid fielen nicht auf.
„Char, du kanntest die beiden an der Anmeldung nicht?“, fragte Phil, als sie am Getränkestand vorbeigingen und sich ein Glas Fruchtpunch nahmen.
Charlotte schüttelte den Kopf. „Wir waren über 60 Leute im Abschlussjahrgang 1962. Bestimmt hatte ich mit den meisten den ein oder anderen Kurs zusammen, aber seitdem keinerlei Kontakt. Ich bin ja fast sofort nach dem Abschluss nach Vancouver gezogen. Du weißt schon, auf eigenen Beinen stehen und so weiter.“
Die beiden mischten sich unter die Menschen. Charlotte sprach mit vielen ein paar Worte, stellte Phil vor und wurde ihrerseits den Begleitern der anderen Absolventen vorgestellt. Noch war die Stimmung ein wenig förmlich, wenn sich auch jeder bemühte, die Lockerheit der Schulzeit aufkommen zu lassen.
Schließlich gingen Charlotte und Phil auf die Tanzfläche. Der DJ spielte bevorzugt Songs aus dem Abschlussjahr. Rock-’n‘-Roll-Hymnen überwogen, aber es kamen auch Songs aus England und sogar die ein oder andere Tonbandaufnahme von Schülerbands der High-School, die manchmal nur einen einzigen Auftritt auf einer Schulveranstaltung hatten, und von denen man danach nie wieder etwas hörte. Charlotte gefiel die Zusammenstellung. Ein wenig Nostalgie, aber nicht zuviel, um es gezwungen wirken zu lassen.
Nach ein paar Songs trat ein mittelgroßer, schwarzhaariger Mann zu den beiden und fragte Phil: „Darf ich abklatschen?“
Phil sah das Aufleuchten in Charlottes Augen, nickte verstehend und ging zum Büfett. Nur wenig später war er in ein angeregtes Gespräch mit einer kleinen Gruppe von ehemaligen Schülern vertieft. Charlotte konnte nicht hören, worum es ging, aber im Augenblick interessierte es sie auch nicht.
„Hi!“, grüßte der Mann, nahm Phils Platz ein und wirbelte Charlotte im Rhythmus der Musik herum.
„Hi, Dave!“, erwiderte Charlotte. Freude überzog ihr Gesicht, und auch Dave lächelte breit.
Ein neuer, deutlich langsamerer Song mit leisen Saxophontönen begann. Charlotte legte Dave die Arme um den Hals, während er Charlotte an den Hüften hielt.
„Wir hatten eine schöne Zeit damals“, sagte Dave und verringerte ein wenig den Abstand zu Charlotte.
Diese nickte. „Ja, die hatten wir definitiv.“
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