

Der Flug nach Vancouver gerät kurz nach dem Start in eine überaus gefährliche Lage. Kann Charlotte den Gefahren etwas entgegensetzen? Sie entdeckt einen neuen Aspekt ihrer Gabe, doch es bleibt nur wenig Zeit für Experimente, denn Phil benötigt ihre Hilfe.
| Gesamtlänge: 9.900 Wörter von marcm200 |
![]() |
![]() |
Charlotte rollte genervt mit den Augen hinter ihrer Sonnenbrille. Seit die ältere Dame sich vor einer Viertelstunde in den benachbarten Sitz hatte fallen lassen, redete sie ohne Unterbrechung. Charlottes Reaktion beschränkte sich auf ein gelegentliches angedeutetes Lächeln, auf ein Kopfnicken oder eine kurze, wenig informative Äußerung der Form „Aha“.
Die erste Klasse mit ihren fünf Reihen war fast ausgebucht. In Flugrichtung links vom Gang befanden sich Einzelsitze, rechts Zweiergruppen. In Reihe 3 saß Charlotte am Gang und blickte in diesem Moment nach vorne, als dort eine freundliche Stimme ertönte.
„Meine Damen und Herren, wenn Sie mir bitte Ihre Aufmerksamkeit schenken würden“, sagte die Chefstewardess vom Kopf des Gangs, direkt vor dem Durchgang zum Cockpit.
In ihrem Rücken hörte Charlotte eine weitere weibliche Stimme, die in der zweiten Klasse fast wortgetreu das Gleiche sagte. Erleichtert wandte sie den Blick nach vorne und legte ihre Sonnenbrille ab. Die Gespräche in der Kabine erstarben, und auch die anderen Passagiere richteten ihre Augen nach vorne, als die Flugbegleiterin begann, über das Verhalten im Notfall zu sprechen und die Funktionsweise der Schwimmwesten vorzuführen.
Nach Ende der Sicherheitseinweisung kramte Charlotte in ihrer kleinen Bordtasche, die sie unter dem Vordersitz verstaut hatte, und nahm eine Schachtel Medikamente gegen Übelkeit heraus.
Ein Nachteil von guten Augen, dachte sie, drückte, wie schon kurz nach dem Kauf des Flugtickets, eine Kapsel aus dem Blister und schluckte diese trocken. Sie schloss die Augen, um ihren Hauptsinn auszuschalten, sodass nur noch das Innenohr Bewegungen wahrnahm und zur Verarbeitung ans Gehirn schickte. Den Kopf legte sie an die Stütze der Rückenlehne zurück und atmete flach und gleichmäßig. Dann wartete sie auf die Wirkung des Medikaments. Es würde nur wenige Minuten dauern.
„Meine Damen und Herren“, ertönte es aus dem Deckenlautsprecher, „bitte schnallen Sie sich an und klappen Sie die Tische hoch. Wir warten nur noch auf die Freigabe des Towers und werden in ein paar Minuten unterwegs sein.“
Das Flugzeug rollte langsam auf das Startfeld hinaus. Kaum hatte es gewendet und war zum Stillstand gekommen, heulten auch schon die Motoren im Leerlauf mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf. Charlottes Hände krampften um die Stuhllehnen, als der Kapitän die Bremsen löste, und das Flugzeug nach vorne schoss. Für einen kurzen Moment schwoll ihre Übelkeit gewaltig an, und Charlotte musste einen Würgereiz unterdrücken. Nach wenigen Sekunden hob die Maschine der größten landesweiten Fluglinie ab und stieg in den Himmel.
Charlotte entspannte sich langsam wieder. Ein, zwei weitere Kapseln während der kommenden fünf Stunden würden den Flug halbwegs erträglich machen. Schließlich öffnete sie die Augen. Jetzt, wo die Übelkeit zum größten Teil unterdrückt wurde, nahm sie auch das Kabinenlicht nicht mehr als zu grell wahr. Nur die Kopfschmerzen blieben hartnäckig. Charlotte glaubte zu spüren, wie die rechte Schläfe pulsierte. Es fiel ihr schwer, den Blick auf einen Punkt zu fokussieren. Ihre Augen sprangen immer wieder umher.
Dennoch hatte sie keine Lust, sich mit ihrer Nachbarin zu unterhalten, und zog stattdessen den Roman heraus, den sie sich in der Flughafenbuchhandlung gekauft hatte. Sie begann, langsam zu lesen.
Ein Gong ertönte, und die Stimme eines Mannes drang aus den Lautsprechern. „Guten Morgen, meine Damen und Herren. Hier spricht Ihr Kapitän. Mein Name ist Jacques Lefébre, und ich begrüße Sie auf dem Flug DEB9 von Montréal nach Vancouver. Wir haben unsere Reiseflughöhe von 29.500 Fuß erreicht. Die Route zeigt keine Wetterunbilden. Wir werden unser Ziel pünktlich in viereinhalb Stunden erreichen. Das gesamte Bordteam wünscht Ihnen einen angenehmen Flug.“
Es knackte, als die Durchsage endete. Die Lebhaftigkeit unter den Passagieren nahm weiter zu. Bordgepäck wurde geöffnet, Tische heruntergeklappt. Zwei Männer standen auf und gingen an das Kopfende des Gangs. Vor dem Vorhang, welcher den kleinen Raum der Stewardessen vom Kabinentrakt abtrennte, ging es links zur Bordtoilette.
Am Gangende angekommen, zogen die Männer blitzschnell wuchtig aussehende Revolver unter ihren Wintermänteln hervor. Der kleinere Mann griff sofort nach der Frau, welche in der vordersten Reihe auf dem Gangplatz der Zweiergruppe saß, und zog sie rücksichtslos empor. Die Mündung seiner Waffe presste er ihr in die Nierengegend. Das Gesicht der Frau verlor schlagartig sämtliche Farbe, und sie begann zu zittern. Sie quiekte vor Angst und Überraschung, doch der Angreifer zischte drohend: „Ruhe!“
Der andere Mann, der seinen Komplizen um fast einen Kopf überragte, zog den Vorhang zur Seite. Die beiden Stewardessen drehten die Köpfe. Ihr im ersten Moment noch geschäftsmäßig freundliches Lächeln verschwand sofort, als sie die Waffe sahen. Ihre Körperhaltung versteifte, doch sie blieben nach außen hin ruhig und ließen sich die Angst, falls sie welche verspürten, nicht anmerken.
Der größere holte ein Walkie-Talkie unter dem Mantel hervor, arretierte eine Taste und sprach sowohl in das Gerät als auch zu den Fluggästen vor ihm: „Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren, wir müssen Ihnen leider ein wenig Unannehmlichkeiten bereiten.“
Seine Stimme stand in scharfem Kontrast zu den jovialen Worten und klang eisig kalt.
Charlotte lief unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Dieser Mann war hochgefährlich. Sie war sicher, er würde, um seine Ziele zu erreichen, über Leichen gehen.
„Ich bitte Sie alle, Ruhe zu bewahren. Wir möchten nach Möglichkeit vermeiden, jemandem Schaden zuzufügen. Falls es jedoch nicht anders geht, sind wir auch dazu bereit.“
In der zweiten Klasse müssen weitere Bewaffnete sein, vermutete Charlotte. Darauf deutet das Sprechfunkgerät ja wohl hin.
Für einen Moment wandte sich ihre Aufmerksamkeit nach hinten. Aber die Maschine war zu laut, sodass sie nicht hören konnte, was dort vor sich ging.
Der Mann am Walkie-Talkie ging an den Stewardessen vorbei zum Cockpit und hämmerte mit einer Faust an die Tür. Mit der anderen Hand hielt er den Oberarm der Chefstewardess, deren Namensschild an ihrer blauen Bluse sie als ‚Elaine‘ auswies.
„Kapitän Lefébre, öffnen Sie die Tür. Ich zähle gleich von 10 herunter. Danach werde ich Ihre Kollegin Elaine erschießen. Und dann wird jede weitere Minute einer Ihrer Passagiere sein Leben verlieren. Die erste wird sein…“
Er rief über die Schulter in die erste Klasse: „Ben, wie heißt die Kleine bei dir?“
Nach ein paar Sekunden kam die zitternde Antwort der Frau: „Myers. Stephanie Myers.“
Der Mann am Cockpit wandte sich wieder der immer noch geschlossenen Tür zu. „Miss Myers hat möglicherweise nur noch 70 Sekunden zu leben, Mr Lefébre. Aber das liegt einzig und allein an Ihnen. Sie sollten übrigens nicht versuchen, mich überwältigen zu wollen. Mein Kollege steht, nicht sichtbar für Sie, in der Kabine. Sollte mir etwas zustoßen, werden Sie für viele Todesfälle verantwortlich sein.“
Er ließ zwei Sekunden Pause, um seine Drohung wirken zu lassen. Elaines Gesicht war nun doch weiß geworden. Charlotte sah von ihrem Platz aus, wie sich die Stewardess an der Kabinenwand abstützte.
„10 – 9 – 8…“
Mach doch auf, du Idiot!, ging es Charlotte durch den Kopf. Der meint es todernst!
Der Mann an der Cockpittür, den sie als Anführer einstufte, hob seine Waffe und drückte sie Elaine direkt auf das Herz. Der Frau versagten die Beine, und ihre Kollegin musste sie stützen. Die Augen weit aufgerissen, starrte sie auf das tödliche Metall.
„…5 – 4…“
Da knackte das Türschloss vernehmlich. Der Anführer drückte die Klinke und zog die Tür nach außen auf. „Es freut mich, dass Sie so vernünftig sind“, sagte er mit lauter Stimme. „Es ist alles ganz einfach. Dies ist eine simple Entführung. Wir fordern 5 Millionen kanadische Dollar von der Fluggesellschaft. Dann geschieht niemandem hier etwas. Bleiben Sie auf Kurs, bis Sie von mir anderslautende Anweisungen erhalten.“
Er bedeutete Elaine, dass sie zurück zu den Passagieren gehen sollte, betrat das Cockpit und schloss die Tür von innen. Charlotte konnte nicht mehr hören, was weiter gesprochen wurde.
Ben, der nun ebenfalls ein Sprechfunkgerät in der Hand hielt, rief in das Mikrophon: „Heh, Colin! Alles in Ordnung bei dir in der Holzklasse?“ Er lachte meckernd.
Eine leicht krächzende Stimme antwortete: „Alles roger. Hier wird keiner aufmucken.“
Da öffnete sich die Tür des Cockpits wieder, und der Entführer trat heraus. Er wandte sich an die Passagiere. „Falls jemand mit mir sprechen möchte, können Sie mich Arthur nennen.“
Wieder schob er seine Hand unter den langen Mantel. Und was er nun hervorzog, verschlug Charlotte den Atem.
Eine Bombe!
Oder zumindest ein Teil einer Bombe, denn auch Ben zog ein elektronisch aussehendes Gerät hervor. Er gab es Arthur, lief dann mit raschen Schritten den Gang hinunter und durch den Vorhang in die zweite Klasse. Dort verschwand er für ein paar Sekunden. Als er wiederkam, hielt er ein weiteres kastenförmiges Gerät in der Hand.
Charlotte sah Zylinder, unzählige Drähte, eine Platine und elektronische Bauteile, die sie auf diese Entfernung nicht identifizieren konnte.
Arthur schob die drei Einzelapparate so zusammen, dass das fertige Gerät die Form eines Schuhkartons ohne Deckel bekam. Gut sichtbar für alle drückte er auf einen Knopf neben einer reinen Zifferntastatur, und das große Display schaltete sich ein. Es erschien ‚3:00:00‘. Sofort begann die Anzeige die Sekunden herunterzuzählen. Er legte die Bombe auf den Fenstersitz direkt neben Miss Myers ab. Diese drückte sich an die linke Stuhllehne, um noch ein paar Zentimeter mehr zwischen sich und die Gefahr zu bringen.
„Diese kleine Bombe ist problemlos durch einen Zahlencode zu deaktivieren. Das werde ich auch tun, wenn alles zu meiner Zufriedenheit abläuft. Die Bombe enthält nicht allzu viel Sprengstoff. Direkt tödlich wird es wohl nur für die Sitze in unmittelbarer Umgebung sein. – Miss Myers, es ist ja nicht mit anzusehen, wie sehr Sie zittern. Sie setzen sich besser an einen anderen Platz.“
Stephanie Myers sprang sofort auf, drängte sich an Arthur und Ben vorbei und verließ die Zweiersitzgruppe. Der Anführer wartete, bis sie sich auf dem freien Platz in der hintersten Reihe der ersten Klasse gesetzt hatte, und sprach dann weiter.
Die Bombe wird ein Loch in die Wand reißen. Nun, Sie können sich alle vorstellen, was dann geschieht.“
Charlotte bemerkte, wie ihre Übelkeit zurückkam. Entweder wirkte die Kapsel in dieser Situation nicht so lange wie gewöhnlich, oder…
Sie lauschte in sich hinein. Und wirklich! Sie glaubte, einen ganz leichten Fall nach vorne zu spüren.
Die Maschine sinkt, dachte sie. Landen wir etwa?
„Elaine“, wandte sich Arthur an die Stewardess, „würden Sie uns bitte drei der Fallschirme geben, die Sie mitführen?“
Wortlos öffnete die Angestellte der Fluglinie ein großes Fach im Fußbereich gegenüber der Toilette und holte das Geforderte hervor. Arthur lächelte breit, als er die Schirme entgegennahm und seinen Mantel auszog. Darunter trug er eine dunkle Lederjacke, deren Fellfütterung am Kragen gut zu erkennen war. Einen Fallschirm legte er auf einem unbelegten Sitz ab und reichte zwei an Ben weiter, der wiederum einen nach hinten zu Colin brachte.
Sie sinken auf Absprunghöhe, schlussfolgerte Charlotte. So wollen sie also entkommen. Aber wie wird das Geld übergeben? Klar ist, dass es drei Entführer sind.
„Ich möchte Sie noch darauf hinweisen“, sprach Arthur wie beiläufig weiter, „dass die Bombe ein paar Besonderheiten besitzt. Den Zeitzünder sehen Sie ja. Aber es gibt auch einen Funkzünder. Einen Auslöser habe ich, einen weiteren meine Freunde am Boden, die unsere Flugroute überwachen. Die Bombe weiß, wo sie sich befindet, und wo sie sein soll. Es wäre nicht empfehlenswert, sie einfach aus dem Flugzeug zu werfen.“
Dann verschwand er wieder im Cockpit. Die Tür fiel zu.
Ben lehnte mit dem Rücken an der Wand neben dem Durchgang zum Stewardessbereich. „Ihr bleibt auf euren Sitzen. Meinetwegen könnt ihr euch unterhalten. Aber leise!“
| Gesamte Geschichte: | ![]() |
![]() |
Zum Diskussionsthread im Bandenboard

