

Vier Ganoven brechen in die Industriebank ein und knacken den Tresor, eine Aufgabe, für die Charlotte aufgrund ihrer besonderen Fähigkeit prädestiniert ist. Aber ihr Undercover-Auftrag geht weiter. Sie sucht den geheimnisvollen Drahtzieher der Raubüberfälle und Einbrüche, welche das Land seit Monaten überziehen
| Gesamtlänge: 8.100 Wörter von marcm200 |
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Es war kurz nach Mitternacht.
Der stark bewölkte, mondlose Himmel tauchte die Nacht in tiefe Dunkelheit, die noch weitere fünf Stunden vorherrschen würde. Nur auf dem Parkplatz auf der Rückseite des großen Gebäudes brannten einige Laternen. Der unmittelbare Bereich vor der Fassade war hell erleuchtet, doch bereits wenige Meter entfernt herrschte Schummerlicht. Und die Begrenzung des Areals lag in nächtlicher Schwärze.
Es klackte mehrfach, als das Werkzeug die Rippen des Maschendrahtzauns durchtrennte, als bestünden sie aus dünnem Papier. Doch das Geräusch war so leise, dass nur die schwarz gekleidete Gestalt, die in der Hocke kauerte, es hörte. Die drei anderen Maskierten, die einen Schritt zurück unter den Bäumen ausharrten, vernahmen bereits nichts mehr.
Aber jemand, der viel weiter weg war, hatte ein besseres Gehör.
Mit lautem Bellen und riesigen Sprüngen seiner muskulösen Beine jagte der schlanke Wachhund in Richtung des verdächtigen Lärms.
Die vier Gestalten waren darauf vorbereitet. Eine streckte auf Kniehöhe den Arm durch das kleine Loch im Zaun und wartete geduldig.
Der Hund stürmte hechelnd heran, bellte noch einmal und biss dann zu. Fest und unbarmherzig schlossen sich die kräftigen Kiefer um den Arm. Doch alles, was die Zähne trafen, war ein dicker, verstärkter und genau für diesen Zweck konstruierter Handschuh, der bis weit über den Ellenbogen des Maskierten reichte.
Der Hund zog und zerrte wie wild, knurrte böse und stemmte die Hinterläufe in den Boden. Speichel rann ihm aus dem Maul. Doch nur wenige Augenblicke später traf ihn die Nadel einer Spritze, welche eine zweite Gestalt ihm in den Leib rammte. Blitzschnell wurde das Schlafmittel injiziert.
Der Hund jaulte auf, ließ aber seinen Fang nicht los. Doch er erlahmte zusehends. Fiepend brach er schließlich bewusstlos zusammen.
Aus der Ferne hörten die vier eine männliche Stimme: „Pluto! Fass!“
In der Stille der Nacht drang der Ruf weit. Doch in der verlassenen Gegend am Rand des Industriegebiets hielt sich zu dieser Stunde in einer Nacht auf Sonntag niemand auf.
Die vier Maskierten wussten, dass der Wachmann noch auf der Vorderseite des Gebäudes war und er daher nicht ausmachen konnte, was genau am Zaun geschah. Aber die Geräusche, die seine Schuhe auf dem Beton verursachten, waren bereits zu hören.
Rasch bogen zwei der Gestalten den aufgeschnittenen Zaun nach oben, um dem vierten den Durchschlupf zu ermöglichen. Dieser Maskierte versteckte sich hinter einem Gebüsch am Rand des Parkplatzes. Die drei anderen machten dagegen keine Anstalten, das Areal ebenfalls zu betreten.
Das Ganze hatte noch nicht einmal eine halbe Minute gedauert. Der Einbruch lief nach einem genauen Zeitplan ab, denn erst jetzt kam der einzige Sicherheitsmann, der die Bank in dieser Nacht bewachte, herangestürmt. Wieder rief er: „Pluto! Fass!“
Doch die Einbrecher wussten, dass er den Hund aus dieser Entfernung immer noch nicht sehen konnte. Im Laufen ruckte der Kopf des Wachmanns hin und her, als er die Gegend scannte. Doch erst, als er sich seinem Hund bis auf ein paar Meter genähert hatte, verlangsamte er das Tempo.
Der Maskierte hinter dem Gebüsch sprang aus dem Dunkel hervor und ließ den sandgefüllten Totschläger mit gezielter Wucht auf den Schädel des Mannes knallen. Dumpf polterte dieser zu Boden.
Nun erst schlüpften die anderen drei Einbrecher durch den Zaun. Einer zog den Niedergeschlagenen hinter das Gebüsch und fesselte ihn mit Seilen an Händen und Füßen. Dann wurde ihm ein Schlafmittel in den Oberarm gespritzt.
Ein weiterer Maskierter löste unterdessen den Schlüsselbund vom Gürtel des Sicherheitsmannes. Danach huschten die vier Schwarzgekleideten mit zwei Taschen, welche die für ihre Zwecke benötigten Werkzeuge enthielten, gebückt zum Hintereingang.
Für einen kurzen Moment waren sie in das grelle Licht der Laternen getaucht. Doch niemand war zugegen, der sie beim Betreten der Bank sehen konnte.
***
Vor dem Tresor im Keller blieben die vier stehen. Weiter behielten sie ihre schwarzen Gesichtsmasken auf, die nur Augen, Nase und Mund freiließen.
„Deine Arbeit, Charlotte“, sagte die dumpfe Stimme des Mannes, welcher den Hundebiss auf sich gezogen hatte. Er wies nach vorne.
„Wirklich, Henry?“, spottete die Angesprochene mit ätzendem Ton zurück. „Ich dachte, ich sei nur hier, um hübsch auszusehen.“
Henry knurrte eine unverständliche Antwort.
Charlotte trat einen Schritt zurück und betrachtete die riesige Tresortür mit ihren zwei Metern Breite und sogar über zwei Metern Höhe genau. Nach ein paar Sekunden zog sie einen kleinen Zeichenblock und einen Bleistift aus der Gesäßtasche hervor.
Mit routiniert wirkenden Bewegungen zeichnete sie ein Abbild der Tür. Drehrad und Schloss wurden genauso detailliert zu Papier gebracht wie die Umrandung des Türblatts. Sogar der Spalt zur Wand wurde vermerkt. Langsam ging Charlotte hin und her, radierte gelegentlich etwas aus, wenn sie mit der Zeichnung nicht zufrieden war, und näherte sich immer wieder dem Tresor für ein paar Augenblicke, um eine Einzelheit besonders intensiv zu studieren.
„Was soll dieser Blödsinn?“, zischte einer der Einbrecher. „Sprengstoff dran und ab dafür!“
Charlotte stoppte mit dem Zeichnen und trat bis auf einen halben Meter an die Gestalt heran. Wut blitzte in ihren blaugrünen Augen, was im Licht des Tresorraums gut zu sehen war.
„Bill, ich weiß, dass du kein Auge für Details hast und dies hier für dein versoffenes Hirn zu kompliziert ist. Also halt dich einfach raus, wenn die Schlauen was tun, ja?“
Der Mann zuckte mit seinem Oberkörper, als wollte er sich auf Charlotte stürzen. Doch sein Nebenmann hielt ihn zurück. „Lass gut sein, Bill. Der Boss wird schon wissen, warum er sie für diesen Coup angeheuert hat.“
Bill ballte voller unterdrückten Zorns seine Hände zu Fäusten.
Charlotte aber wandte sich wieder dem Tresor zu. Nach einem prüfenden Blick auf die Zeichnung trat sie zum Kombinationsschloss. An den Spitzen eines imaginären Dreiecks machte sie kurze Kreidestriche auf das Metall der Tür. Ein Teil der weißen Substanz fiel sofort zu Boden, aber es blieb genügend haften, um die ausgewählten Punkte für eine gewisse Zeit kenntlich zu machen.
Aus einer der mitgebrachten Taschen nahm Charlotte einen Diamantbohrer, den sie an die ebenfalls hereingeschleppte, kleine Pressluftflasche anschloss. Testweise ließ sie das Gerät aufheulen. Rasend schnell drehte sich der Bohrkopf.
Charlotte setzte die Spitze an einen der Dreieckspunkte an und begann, das Metall der Tür leicht anzukratzen. Nach zwei Minuten hatte sie einen winzigen Teil der Türdicke abgehobelt. In diesem Tempo würde sie drei Tage benötigen, um in den Innenraum des Tresors zu gelangen, was alleine schon aufgrund der gigantischen Menge an Druckluft, welche sie dafür benötigen würde, utopisch war.
An den anderen beiden Dreieckspunkten setzte sie den Diamantbohrer ebenfalls an. Dabei murmelte sie immer wieder Worte wie „mechanische Integrität“, „kaskadische Instabilität“ und „kohärentes Metallgitter“.
Ihre drei Komplizen beobachteten sie wortlos. Charlotte wusste, dass die Männer nichts von dem verstanden, was sie hier gerade sagte und tat.
Nach einer Viertelstunde öffnete sie wieder ihre Tasche und nahm drei faustgroße Päckchen heraus. Mit Klebestreifen befestigte sie den Plastiksprengstoff auf den drei angebohrten Punkten und steckte die Zündkabel in die weiche, graue Masse.
Rückwärtsgehend rollte sie die Kabel ein paar Meter aus, bis sie außerhalb des Tresorraumes war. Die drei Männer folgten ihr. Einer schloss die Tür so weit, bis nur noch ein schmaler Spalt offenblieb.
Charlotte nickte ihren Komplizen zu, die sich, wie sie selbst auch, schallabsorbierende Kopfhörer aufsetzten.
Dann drückte sie auf den Knopf des Stromerzeugers.
Die Explosion knallte laut.
Charlotte grinste unter ihrer Haube. Es war alles nur Show. Mit Diamantbohrer oder Plastiksprengstoff in dieser Menge war dem Tresor nicht beizukommen.
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