

An Sandras 16. Geburtstag ist es endlich soweit: Eine neue Funktion auf ihrem Konto bei der Zeitsparkasse wird freigeschaltet. Sandra muss nun viele Entscheidungen treffen. Wann soll sie Zeit einzahlen, wann welche abheben? Und woher stammt die Zeit, welche ihr die Bank als Zinsen gutschreibt?
| Gesamtlänge: 8.000 Wörter von marcm200 |
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Am frühen Montagmorgen hüpfte Sandra freudestrahlend die Treppe aus dem ersten Stock hinunter und lief in die Küche.
„Herzlichen Glückwunsch zum 16. Geburtstag!“, sagte Frau Mangold und gab ihrer Tochter einen dicken Kuss auf die Stirn.
Sandra lächelte. Auf diesen Tag hatte sie mit in der letzten Woche rasant steigender Vorfreude richtiggehend hingefiebert.
Endlich hatte sie die Halbzeitigkeit erreicht!
„Hier, Liebes!“, fuhr ihre Mutter fort und reichte Sandra eine unscheinbare, schwarze Plastikkarte.
Sandra nahm das Geschenk begeistert, aber vorsichtig in die Hand. Fast ehrfürchtig schaute sie auf die neue Karte für ihr Konto bei der örtlichen Zeitsparkasse. Ihr Blick suchte und fand am unteren Rand sofort das kleine Symbol einer Uhr.
„Deine alte Karte ist nun ungültig. Du musst sie in der Bank zurückgeben. Die schwarze hier kannst du aber sowohl für Zeit als auch für Bargeld nutzen.“
Sandra nickte langsam, ohne den Blick von dem Symbol zu lösen, das den Unterschied in so vielen Dingen bedeutete. „Ich weiß, Mama. Das haben wir alles in Paragraphenkunde durchgenommen.“
Sie holte ihre Geldbörse aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und steckte die Karte in das oberste Fach, wo sie jedem gut sichtbar verdeutlichte, dass Sandra aus der Enge des linearen Zeitablaufs ausgetreten war. Sie durfte ihre Zeit selbst managen. Zumindest in begrenztem Rahmen und auf Debitbasis.
Sandra umarmte ihre Mutter und wollte schon in den Flur gehen, um ihren Rucksack zu holen und sich auf den Weg in die Schule zu machen, als Frau Mangold ihre Tochter mit sanftem Zug am Arm zurückhielt.
„Dein Vater und ich haben noch eine kleine Überraschung“, sagte sie und holte zwei dünne, hellrote Kästchen, die etwa so groß wie eine Hand waren, aus einer Schublade hervor.
„Ist das…“, fragte Sandra und riss vor Aufregung weit die Augen auf.
Ihre Mutter nickte lächelnd. Sie freute sich offensichtlich über die Begeisterung ihrer Tochter. „Ja. Das sind zwei 10-Minuten-Zeitnoten. Außerdem…“
Sie machte eine kleine Pause, um die Spannung zu erhöhen. „Außerdem weist dein Konto bereits ein Guthaben von fünf Stunden auf. Wir haben vor Längerem einen entsprechenden Antrag beim Ministerium gestellt. Er wurde genehmigt. Diese fünf Stunden und 20 Minuten gelten rechtlich als Eigenzeit.“
Sandra sprang ihrer Mutter förmlich um den Hals. „Danke! Das ist klasse! Ich muss es gleich Jeanette erzählen!“
Mit quietschenden Bremsen bog Sandra in den unteren Pausenhof des Heidegger-Gymnasiums ein und breschte in Richtung Fahrradkeller. Am Rand der langen Reihe an Bodenringen fand sie noch einen freien Platz und kettete ihr blaumetallisch glänzendes Rennrad an. Rasch lief sie die paar Stufen hinauf zum Haupteingang, wo ihre beste Freundin Jeanette bereits wartete.
„Ich habe sie!“, rief Sandra schon von weitem und schwenkte ihre neue Plastikkarte wie eine Trophäe über dem Kopf.
Die beiden Freundinnen hatten am Morgen schon telefoniert, so dass die Begrüßung kurz ausfiel.
Auch Jeanette, die ein paar Monate älter war, hatte ihre Zeitkarte herausgeholt. Bis auf die Kontonummer war sie von Sandras nicht zu unterscheiden, denn das Design für Erstkarten hatte sich seit Jahren nicht verändert.
„Ist schon was drauf?“, fragte Jeanette neugierig und blickte ihre Freundin an.
Sandra nickte und grinste. „Fünf Stunden! Das musst du dir mal vorstellen! Fünf ganze Stunden! Und außerdem habe ich noch zwanzig Minuten direkt als Noten bekommen.“
Jeanette freute sich. „Klasse! Dann können wir nachher zusammen unsere große Pause verdoppeln.“
Die beiden Mädchen drehten sich um und liefen in die Aula, wo sie sich, wie an jedem Morgen, in die Schlange zur Diskrepanzmessung anstellten. Zügig ging es Schritt für Schritt voran. Sehnsüchtig schaute Sandra auf die gelegentlich vorbeihuschenden älteren Schüler, da diese die Messung nicht durchführen lassen mussten.
Vollzeitigkeit hat immense Vorteile, dachte Sandra neidisch und vergaß, weiterzugehen.
Jeanette gab ihrer Freundin einen leichten Stoß in den Rücken. „Du bist dran.“
„Hallo, Herr Wegner“, grüßte Sandra den beliebten Kunst- und Geschichtslehrer, der an diesem Morgen die Aufsicht am Detektor führte.
Der ältere Mann, dessen Haar schon ein wenig ergraut war, lächelte. „Hallo, Sandra. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! 16 Jahre, ein großes Datum für dich.“
„Danke, Herr Wegner“, erwiderte Sandra und trat zwischen die Messsäulen. Die Lampe, die das Ergebnis der Überprüfung anzeigte, leuchtete im Wechsel zwischen Grün und Blau.
„Alles okay. Aber du weißt“, erklärte der Lehrer, „ich bin von Gesetzes wegen dazu verpflichtet, dich nochmals aufzuklären. Daher das Blau der Lampe.“
Sandra nickte. Sie wusste, was ihr Lehrer nun sagen würde, konnte es selbst fast wörtlich wiedergeben. Die zehn Stunden Halbzeitigkeitsunterricht, welche eine der Mütter in der Nachbarschaft ehrenamtlich für ein paar fast 16-jährige Mädchen und Jungen abgehalten hatte, waren eine gute Vorbereitung auf diesen Schritt in ihrem Leben gewesen.
„Ab heute darf sich dein biologisches Alter von deinem linearen Alter unterscheiden. Diese Differenz muss exakt dem Saldo deines Zeitkontos entsprechen. Mit anderen Worten: Du kannst gelegentlich Zeit auf der Sparkasse parken und sie später, wenn du sie brauchst, wieder nutzen. Aber ich weise dich explizit darauf hin: Sollte die Diskrepanzmessung einmal ein Fehlverhalten deinerseits zeigen – wenn du also fremde Zeit verwendet hast -, muss die Schule unverzüglich das Jugendamt einschalten.“
Jeanette grinste spitzbübisch. „Herr Wegner, das wird bestimmt nicht nötig sein. Ein braveres Mädchen als unsere Sandra gibt es in der ganzen Schule nicht.“
Sandra lächelte schief. Als Kompliment fasste sie das nicht auf, obwohl sie wusste, dass ihre Freundin es nicht böse gemeint hatte.
Doch bevor sie etwas Schlagfertiges erwidern konnte, läutete der Gong. In fünf Minuten würde der Unterricht beginnen. Rasch trat Jeanette in den Detektor. Die Lampe leuchtete grün.
„Dann lauft mal, ihr beiden“, sagte Wegner. „Nicht, dass ihr noch zu spät in die Klasse kommt.“
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