

Das Leben der Geschwister Hannah und Marius ändert sich rapide, als sie plötzlich Dinge wahrnehmen, die andere nicht erkennen können. Während der 16-jährige Marius in schlechte Gesellschaft gerät und seine neue Fähigkeit für verbrecherische Zwecke ausgenutzt wird, versucht die Studentin Hannah, ihre eigenen Phänomene wissenschaftlich zu erklären. Doch als sie schließlich die Wahrheit erkennt, wird klar: Die Welt steht vor einer gigantischen Bedrohung, welche die Grundfesten der Existenz erschüttert. Und Hannahs Widerstand macht sie zum Zielobjekt unbekannter Kräfte.
| Gesamtlänge: 61.600 Wörter von User „Perry Clifton“ und „marcm200“ |
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Erste Symptome
Zischend schloss sich die Bustür hinter Hannah.
Ihr Blick fiel auf ein farbenprächtiges Plakat, das fast die gesamte Seitenwand der Haltestelle schmückte, die sich gegenüber der Mensa befand.
›Reenactment‹, las die junge Frau im Vorbeigehen. ›The Queen Elizabeth II Appreciation Society lädt ein zu einem Monat des Spektakels zu Ehren des 40. Thronjubiläums – Schauen und Mitmachen!‹.
Hannah sah auf ihre Armbanduhr. Kurz nach neun Uhr morgens. Sie würde also noch rechtzeitig zum Vorlesungsbeginn eintreffen. Sie wandte sich nach links und ging die leicht abschüssige Straße hinunter. Nach wenigen Minuten bog sie ab in einen schmalen, schattigen Weg. Linkerhand wuchsen alte Bäume, die im Grün des beginnenden Sommers standen, rechterhand erhoben sich zwei mehrstöckige Gebäude. Nach reichlich fünfzig Metern, als der Baumbewuchs endete, schälte sich ein Flachdachbau aus dem Dunkel, ein Gebäude, in dem Hannah während der letzten Monate viele Stunden verbracht hatte.
Der Eingang in der rundumlaufenden Glasfassade des Hörsaalbaus stand an diesem Junitag offen. Hannah betrat das Gebäude und sah, dass die Türen zum Vorlesungssaal noch nicht geschlossen waren. Lautes, vielstimmiges Gemurmel drang an ihr Ohr. Auch im Vorraum tummelten sich einige Studenten. Manche standen vor den Aushängen, andere saßen in den Sesselgruppen.
Hannah betrat den Saal und blickte sich um. Gelbliches Licht erhellte den fensterlosen Raum, der sich eine Etage nach unten erstreckte. Etwa die Hälfte der Plätze war besetzt. Knapp einhundert Studenten hatten sich verteilt und saßen in größeren oder kleineren Grüppchen beisammen.
Hannah blickte zu ihrem Stammplatz, wie sie die fünfte Reihe von vorne am linken Rand mittlerweile nannte. Auch aus der Ferne sah sie schon den blonden Schopf einer Freundin leuchten. Hannah umrundete den Saal am hinteren, oberen Ende und lief mit raschen Schritten einige Stufen hinab.
»Hi, Christina!«, grüßte die 20-jährige.
Die angesprochene Studentin blickte auf. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Hallo, Hannah! Wie war dein Wochenende?«
Hannah warf ihren Rucksack mit einer raschen Bewegung vor den Klappsitz zu Boden und ließ sich neben ihrer Kommilitonin nieder. Die beiden Frauen kannten sich seit dem letzten Semester, als sie gemeinsam ihr Studium begonnen hatten. Eine lockere Freundschaft hatte sich schnell entwickelt. Sie verbrachten an der Uni viel Zeit miteinander und hatten sich auch mal privat getroffen.
Während Hannah in ihrer Tasche kramte, um Block und Stift herauszuholen, antwortete sie: »Schön ruhig. Richard und ich waren im Kino, und haben es uns ansonsten gemütlich gemacht. Und bei dir?«
Sie klappte die Tischplatte in die Waagerechte und legte ihre Utensilien ab. Dann stützte sie die Ellenbogen auf der Platte ab und legte ihr Kinn in die gefalteten Hände.
Christina schwärmte: »Super! Der neue Klub im Westend ist echt klasse. Ein Sound, sage ich dir. Da fliegen einem die Ohren weg. Du musst unbedingt mal mitkommen!«
Hannah murmelte ein »Vielleicht«, aber bevor sie mehr sagen konnte, öffneten sich die beiden Türen am unteren Ende des Saales. Durch eine betrat der Lehrassistent den Raum. Er schob einen kleinen Demonstrationstisch vor sich her, auf dem Hannah ein langes und wohl auch altes Fernrohr zu erkennen glaubte.
Der junge Mann stoppte zwischen dem breiten Tisch, hinter dem die Dozenten ihre Vorlesungen abhielten, und der ersten Sitzreihe, die aber meist leer blieb.
Hannah hoffte, dass sie ebenfalls einmal einen der begehrten Posten als Lehr- oder Forschungsassistentin ergattern würde. Finanziell waren diese zwar keinen Pfifferling wert, aber sie machten sich gut im Lebenslauf. Doch das war Zukunftsmusik. Diese Jobs waren den höheren Semestern vorbehalten. Die nächsten ein, zwei Jahre würde sie auf dieser Seite einer Vorlesung sitzen.
Das Stimmengemurmel im Saal erstarb. Im Gegensatz zu den Übungen oder Praktika gab es für Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht. Wer lieber nur aus Büchern lernte, blieb diesen Veranstaltungen einfach fern oder kam höchstens, um sich die Übungsblätter abzuholen.
Durch die zweite Tür betrat nun der Dozent den Raum, ein etwa 50-jähriger Mann mit leicht ergrautem Haar. Er hängte sich das vom Assistenten schon bereitgelegte und angeschlossene Mikrofon um und begann zu sprechen: »In der Geschichte der Astronomie sind wir nun im 17. Jahrhundert angekommen.«
Die Studenten schrieben mit, was sie für wichtig hielten – und so vergingen die ersten 60 Minuten wie im Fluge.
»Es boten sich nun, technisch bedingt, einige Möglichkeiten der Verbesserung der Linsenqua…«, hörte Hannah noch.
Dann veränderte sich die Umwelt.
Hannahs Blick war auf die Tafel gerichtet. Sie sah die Worte, aber verschwommen. Die Schrift faserte am Rande aus. Die Kreide, die der Professor in der Hand hielt, schien von einer Staubwolke umgeben zu sein. Die Kleidung des Dozenten war unscharf begrenzt, fast aufgeplustert. Das Grün der Tafel wurde unruhig. Es flackerte. Erst dunkler als zuvor, dann schlug das Farbpendel in die andere Richtung aus.
Hannah konnte hören, aber keine Stimmen, keine verständliche Sprache. Hundert Stimmbänder schienen einen einzigen Laut zu produzieren. Aber nur fast. Auch dieser Ton war irgendwie unscharf. Er vibrierte.
Und so schnell sich die Umwelt ins Merkwürdige verschoben hatte, so schnell wurde sie wieder normal.
»…alität, was in der Folge eine detailreichere Himmelsbeobachtung erlaubte.«
Hannah blinzelte mehrfach und blickte sich verwirrt um. Doch alles schien wieder völlig normal zu sein. Die Schrift an der Tafel war scharf umrandet. Die ganzen optischen und akustischen Merkwürdigkeiten waren spurlos verschwunden. Auch meldete sich niemand, um nach dem seltsamen Phänomen zu fragen.
Sie stieß ihre Sitznachbarin an. »Was war das denn?«
»Was war was?«
»Na, irgendwie verschwamm alles vor den Augen. Eingefroren, aber dennoch zittrig.«
Christina schüttelte verwundert den Kopf. »Du musst dich täuschen. Hier war alles in Ordnung«, sagte sie nüchtern, um gleich darauf anzüglich hinzuzufügen: »Vielleicht doch ein bisschen viel Party gemacht am Wochenende?«
Hannah blickte auf ihre Uhr. Hm, dachte sie, das Ganze hat höchstens ein paar Sekunden gedauert, wenn überhaupt.
Sie beugte sich zu ihrer Freundin herüber. »Du, hat der Dozent sich gerade eben verhaspelt?«
Und wieder schüttelte Christina den Kopf. «Nein, alles okay mit dem Kerl. Was stellst du eigentlich für komische Fragen? Ist mit dir alles in Ordnung?«
Hannah lächelte, nickte und konzentrierte sich wieder auf die Vorlesung.
Mit einem Ruck öffnete Hannah einen Flügel des schweren Portals des Mensagebäudes. Es war kurz nach dreizehn Uhr, die Veranstaltungen des Vormittags beendet, und eine kleine Gruppe von Astronomie-Studenten hatte sich gemeinsam auf den Weg zum Mittagessen gemacht.
Nach ein paar Schritten durch eine Art Schleuse, ähnlich dem Warmluftbereich eines Kaufhauseingangs im Winter, stand die Gruppe schon vor der Tafel, welche in kurzen Worten die drei Tagesgerichte beschrieb.
Hannah warf einen raschen Blick darauf, entschied sich für das mittlere Essen und ging zu den nebenstehenden Automaten, an denen man die entsprechenden Jetons kaufen konnte.
Sie öffnete ihren Rucksack und suchte nach der Geldbörse.
»Mist!«, entfuhr ihr ein Fluch, als sie realisierte, dass sie ihren Geldbeutel am Morgen, bevor sie das Haus verlassen hatte, wohl gar nicht eingesteckt hatte.
Sie stellte den Rucksack auf dem Boden ab und begann, in den diversen Fächern zu suchen. Erfolglos. Nur in ihren Hosentaschen fand sie schlussendlich ein paar Münzen.
»Mist!«, entfuhr es ihr ein zweites Mal.
Ein Student, der neben ihr an den Automaten stand und sich gerade eine Marke des C-Essens kaufte, drehte sich zu ihr um. »Kein Geld dabei?«, fragte er und steckte den blauen Chip ein.
Hannah, die gerade ihren Rucksack vom Boden wieder aufhob und ihn schultern wollte, antwortete ohne aufzusehen: »Nicht direkt, es reicht nur nicht ganz.«
Sie blickte sich nach Christina und dem Rest ihrer Gruppe um, konnte aber in dem Menschengewühl niemanden auf die Schnelle ausmachen.
»Wieviel fehlt denn?«
»30 Pfennige.«
»Na, wenn’s weiter nichts ist«, antwortete der junge Mann, kramte in seinem Geldbeutel und hielt ihr drei Münzen hin.
Hannah ergriff sie ganz automatisch. Bevor sie sich aber bedanken konnte, drehte sich der Student um und entfernte sich in Richtung der Essensaufgänge.
»Halt!«, rief Hannah. »Ich kenne dich ja gar nicht. Wie soll ich dir das Geld zurückgeben?«
»Schon gut. Man sieht sich bestimmt noch einmal«, kam es leiser werdend zurück, und dann war der hilfsbereite Unbekannte auch schon nicht mehr zu sehen.
Auch gut, dachte Hannah und kaufte ihren roten Jeton.
Der Aufgang zum B-Essen befand sich etwa in der Mitte der Halle, in der es insgesamt drei Treppen in den eigentlichen Essbereich im ersten Stock gab. Ein Mensa-Café, Waschräume und das Studentensekretariat vervollständigten das Erdgeschoss. Nach hinten, weg vom Haupteingang, wurde es ruhiger.
Hannah stellte sich ans Ende der Schlange, welche die gesamte Treppe bevölkerte. Schritt für Schritt ging es eine Stufe nach der anderen aufwärts. Da die Essensausgabe recht flott vonstatten ging, gelangte sie bereits nach wenigen Minuten oben an, warf ihre Marke in die bereitstehende Schale und nahm ihr Tablett entgegen.
Sie blickte sich in der riesigen Halle um, die fast so groß war wie ein Leichtathletikstadion. Die Decke war knapp zehn Meter über ihr, die Seitenwände bis zur Hälfte aus reinem Glas, damit genügend Tageslicht den Raum erhellen konnte. Einige hundert Tische boten Platz für fast eintausend Studenten, Dozenten und gelegentliche externe Forschungsgäste der einzelnen Lehrstühle. Aufgrund der Deckenhöhe war es trotz der vielen Menschen und Gespräche erstaunlich leise.
Hannah begab sich in den Bereich, der inoffizieller Treffpunkt der Physikergemeinde war. Fast jede Fachrichtung hatte einen solchen, der sich im Laufe der Jahre seit Gründung der Universität herauskristallisiert hatte und den Erstsemestern nahegebracht wurde. Wer alleine in die Mensa zum Essen kam, hatte so immer gute Chancen, jemanden aus dem ein oder anderen Kurs zu treffen, den man zumindest vom Sehen her kannte.
Hannah nahm Platz an der Ecke eines Doppeltisches, deren Einzelplatten jemand an der schmalen Seite zusammengeschoben hatte. Acht Personen fanden nun dort Platz. Nach und nach trudelten die anderen ihrer Gruppe ein. Christina war die letzte und kam etwas abgehetzt an.
Während des Essens drehten sich die Gespräche hauptsächlich um fachrelevante Themen.
»Hat sich außer mir«, fragte Hannah, »noch jemand für die Abendbeobachtung morgen eingetragen? Es gibt noch ein paar freie Plätze, dann wäre diese Pflichtveranstaltung schon mal abgehakt.«
Die anderen verneinten. Christina fügte noch hinzu, dass sie so kurzfristig ihre Abendpläne nicht ändern könnte, was Gelächter hervorrief.
Ein Student, dessen Namen Hannah immer vergaß – sie wusste nur, er war etwas älter als die anderen Zweitsemester, da er sein Studienfach gewechselt hatte – sagte: »Im Wohnheim gibt es am Samstag eine Motto-Party. Falls also jemand Lust dazu hat, das Thema ist ›Wissenschaft der Vergangenheit‹.«
»Häh? Als was soll ich da denn erscheinen?«, fragte Christina zwischen zwei Löffeln ihres Nachtischs. Sie hatte die Haut des Puddings umgeklappt und aß genüsslich das Innere.
»Na, als irgendeine Forscherin von damals – oder als Gerät. Geh doch als Zentrifuge!«
Christina stieß dem Scherzkeks, der links neben ihr saß, in die Rippen. »Klar, aber dann als defekte. Und die ganzen Reagenzgläser fliegen dir um die Ohren.«
Sie wandte sich zur anderen Seite und sagte zu Hannah: »Das klingt doch gut, was meinst du? Ich gehe als Marie Curie, und du stilecht als Jocelyn Bell. Wir könnten uns davor noch treffen, die Kostüme optimieren und aufeinander abstimmen.«
Hannah trank einen Schluck Orangensaft, bevor sie antwortete. »Das geht leider nicht. Am Wochenende bin ich bei meinen Eltern.«
»Schon wieder? Kannst du das nicht absagen? Ich hätte echt Lust, mich zu verkleiden. Du kannst bestimmt auch deinen Freund mitbringen.«
Hannah zuckte bedauernd mit den Schultern und legte das Besteck auf das Tablett. Sie hatte ihr Essen beendet. »Absagen geht nicht. Du weißt doch, wie schwer meine Eltern es nehmen, dass ich ausgezogen bin.«
Christina schnaufte empört und ohne jegliches Verständnis. »Das ist jetzt über ein halbes Jahr her. Da müssen die doch mal drüber wegkommen. Außerdem ist doch dein Bruder da.«
»Ja, und deswegen will ich nicht absagen. Marius kriegt jetzt die ganze Aufmerksamkeit meiner Eltern – mehr als er will. Da muss ich ihn mal entlasten.«
»Naja, ich könnte mir Schlimmeres vorstellen, als von den Eltern verhätschelt zu werden. Aber, wenn du meinst, dann muss ich mir jemand anderen suchen zum Kostümieren.«
Da auch Christina ihr Essen beendet hatte, standen die beiden auf. Sie teilten dem Rest der Gruppe mit, dass sie noch in den botanischen Garten gehen würden, bevor man sich in der anstehenden Übung wiedersehen würde. Im Grundstudium gab es nicht viel Auswahl, die Spezialisierung begann erst nach dem Vordiplom.
Die beiden Studentinnen brachten ihre Tabletts zu einer der vielen Essensrückgabebänder und stiegen die nächste Treppe hinunter. In diese Richtung gab es selten Stau, zumal die Hauptessenszeit nun fast vorüber war und viele Studenten das Gebäude bereits verlassen hatten.
Hannah dachte an die Vorlesung vor der Mittagspause zurück. Die Themen Orbitmechanik und Planetenbahnen hatten ihr Spaß gemacht. Sie waren sehr mathematisch, aber auch das mochte Hannah. Und sie fand es faszinierend, dass bei kleiner Änderung der Anfangsbedingungen in der Geburtsstunde des Sonnensystems wohl auch ein stabiles Endsystem entstanden wäre, vielleicht sogar mit anderen Planeten. Ob dort auch Leben existieren würde, vielleicht sogar Menschen?
Hannah näherte sich dem untersten Treppenabsatz. Ein paar Stufen vor dem Ende des Abganges passierte es dann.
Hannahs Wahrnehmungen verzerrten sich erneut. Alles ähnelte anfänglich dem Ereignis vom Vormittag. Sie sah die Dinge unscharf, ausgefranst. Die Objekte schienen um eine Raumposition zu zittern, als ob sie sich nicht entscheiden konnten, wo sie hingehörten. Hannah hörte kaum etwas, nur einen schwachen eintönigen Laut.
Ihr Blick engte sich ein. Sie sah wie durch ein Fernrohr. Der Rand ihres Gesichtsfeldes wurde schwarz. Keine völlige Schwärze, keine Abwesenheit von Nervenimpulsen, die nun nicht mehr ins optische Zentrum des Gehirns einliefen. Mehr eine Schwärze, wie man sie abends im dunklen Schlafzimmer bei geschlossenen Augen wahrnahm.
Dann wurde ihr schwindelig. Hannahs einziger Gedanke war: Nicht schon wieder!
Und plötzlich war alles wieder normal.
Als sie gerade einen Fuß auf die nächste Treppenstufe setzen wollte, stolperte sie nach vorne. Sie konnte gerade noch mit der linken Hand das Treppengeländer greifen, rutschte aber ein Stück nach unten. Es quietschte. Ein unangenehm hohes Quietschen, ihre Handfläche wurde heiß. Hannah spürte, wie jemand ihren rechten Oberarm ergriff.
Der von der stolpernden Studentin angestoßene Vordermann drehte sich um und rief verärgert: »Heh! Was soll das? Pass doch auf! Verdammt noch mal!«
Blitzschnell realisierte er aber, was gerade geschah. Mit beiden Händen griff er nach Hannahs Schultern, um sie zu stabilisieren.
Es gelang. Hannah konnte sich abfangen und schüttelte kurz den Kopf, wie um den Schreck zu vertreiben. Das Schwindelgefühl ließ rasch nach. »Puh!«, sagte sie zitternd. »Das hätte schiefgehen können. Danke!«
Dann lief sie mit zügigen Schritten durch den nächstgelegenen Ausgang auf den Vorplatz. Im Schatten eines steinernen Überhangs des Gebäudes blieb sie stehen und sog langsam und kontrolliert die frische Luft ein.
Christina war ihr gefolgt. »Heh, du musst schon aufpassen, wo du hintrittst. Heute bist du aber wirklich verträumt.«
Nach ein paar Atemzügen hatte Hannah sich beruhigt. Sie ging nicht auf den Vorfall ein, sondern schlug mit ihrer Kommilitonin den Weg zum botanischen Garten ein. Hannah gab sich fröhlich und unbeschwert. Dennoch wanderten ihre Gedanken immer wieder zu dieser seltsamen, verzerrten Wahrnehmung.
Irgendetwas stimmt nicht mit mir, dachte sie.
Kurz nach 19 Uhr schloss Hannah müde die Tür ihrer Wohnung auf.
»Richard, ich bin wieder da!«
Sie zog die Schuhe aus, ging kurz ins nahegelegene Bad, um sich die Hände zu waschen und lief dann durch den Flur an Küche und Schlafzimmer vorbei in den großen Wohnbereich. Seit etwa einem dreiviertel Jahr wohnte sie nun mit ihrem Freund zusammen in dem recht großen Apartment. Ein Zeitmietvertrag, abgeschlossen auf fünf Jahre, passte ganz gut zur geplanten Dauer des Studiums.
Sie war froh, nun endlich zu Hause zu sein. Die nachmittäglichen theoretischen Übungen hatte sie versucht, nach bestem Wissen und Gewissen durchzuführen. Dennoch waren ihre Gedanken auch hier des öfteren gewandert, fort von Orbitmechanik und Dichtegradienten im Asteroidengestein hin zu ihren komischen Erlebnissen.
Richard öffnete gerade die Tür seines Arbeitszimmers, das an den Wohnbereich angrenzte. Letzterer war eigentlich ein Durchgangszimmer. Aber da es der größte Raum der Wohnung war und außerdem einen Zugang zum Balkon besaß, hatten die beiden es kurzerhand zum Wohnbereich auserkoren.
Hannahs Freund war vier Jahre älter als sie. Seiner eigenen Aussage nach hatte die Natur ihn in fast allem mit Durchschnitt ausgestattet. Nur in einem war er äußerst begabt – sein räumliches Vorstellungsvermögen war ausgezeichnet. Er hatte Grafikdesign studiert und sich nach seinem Abschluss im letzten Jahr selbstständig gemacht. Nun arbeitete er als Werbegrafiker von ihrer beider Zuhause aus.
Hannah hatte großen Respekt vor dieser Entscheidung. Ihr selbst blieben noch ein paar Jahre Zeit, um herauszufinden, was sie nach ihrem eigenen Abschluss tun wollte. Nur war Selbstständigkeit keine Option für sie. Hannah schätzte den Markt für selbstständige Astronominnen als recht klein, wenn nicht gar inexistent, ein.
»Hi, Schatz!«, sagte Richard und umarmte sie. Hannah erwiderte die Umarmung, hielt sie aber länger als gewöhnlich. Richard spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war.
»Ist etwas an der Uni passiert?«, fragte er besorgt und strich seiner Freundin eine braunblonde Haarsträhne aus der Stirn.
Hannah, die ihre Haare wie fast immer zu einem Pferdeschwanz gebunden trug, richtete gedankenverloren ihr Haarband und ging zu der großen Couch, die das Zimmer dominierte. Rechts von ihr ragte eine vollbeladene Bücherwand empor, in Blickrichtung sah sie durch das große Fenster auf den Balkon. Die Sonne war bereits hinter den Nachbarhäusern verschwunden. Dämmerlicht breitete sich aus.
Hannah setzte sich in eine Ecke der Couch und nahm ein Kissen. Sie hielt es vor sich mit beiden Armen umschlungen, so wie die kleine Hannah in früher Kindheit immer ihre Lieblingspuppe gehalten hatte, wenn die Welt drohte, den Verstand zu überfordern.
»Irgendwie schon, ja. Ich hatte…«, begann sie ihren Bericht. Ausführlich schilderte sie die mysteriösen Sinneseindrücke, ihre Empfindungen dabei und insbesondere die Tatsache, dass der zweite Vorfall mehr Symptome als der erste aufwies. Das war mathematisch natürlich noch keine Tendenz, aber dennoch fand sie diese Beobachtung besorgniserregend.
»Was, wenn nun ein dritter Vorfall kommt, und es noch mehr Auswirkungen auf mich hat?«, schloss sie mit einem leichten Zittern in der Stimme.
Richard hatte aufmerksam zugehört, die ein oder andere Zwischenfrage gestellt und dachte nun kurz nach. »Eigentlich kann man nur eins machen. Du musst zum Arzt und das Ganze abklären lassen.«
»Aber was, wenn es nichts ist? Vielleicht nur ein beginnender Schnupfen?« Sie machte eine kurze Pause und lachte dann auf. »Oder ein Gehirnschnupfen?“
»Gehirnschnupfen – das klingt gut. Das in lateinisch, und du hast eine neue Krankheit erfunden. Oder besser, deren Namen.«
»Tja«, meinte Hannah zögernd. »Vielleicht bin ich ja auch die erste Patientin.«
»Jetzt mal langsam«, wandte Richard ein. »Erinnere dich, du hast mir letzte Woche gesagt, dass abends, wenn du am Einschlafen bist, gerne mal irgendwelche Muskeln einfach so zucken, richtig?«
Hannah nickte. »Du meinst, diese verzerrten Eindrücke wären auch so eine Art Vor-Schlafsymptom? Sekundenschlaf in einer Vorlesung? Oder beim Mittagessen?«
Richard zuckte die Schultern und machte dabei ein unglückliches Gesicht. »Vielleicht. Ich habe davon ja keine Ahnung. Aber wir müssen nicht gleich das Schlimmste annehmen.«
Nach einem kurzen Moment der Stille, in der jeder den eigenen Gedanken nachhing, setzte er hinzu: »Ich habe erst kürzlich mit einem ehemaligen Mitstudenten telefoniert. Dessen Mutter ist, soweit ich mich erinnere, Neurologin. Ich rufe ihn einfach mal an und schaue, ob sie dir morgen einen Termin geben kann. Mehr als ›Nein‹ sagen, kann sie ja nicht. Wenn wir erst zum Hausarzt gehen und der dich dann überweist, könnte es länger dauern. Oder sollen wir zur Notaufnahme ins Krankenhaus fahren?«
Hannah schüttelte den Kopf. »Nein, so schlimm ist es nicht. Ich glaube auch nicht, dass die mich aufnehmen würden. Ich habe jetzt ja keine Symptome. Und die letzten waren schon vor knapp sechs Stunden. Außerdem hätte ich da ja auch heute Mittag hingehen können.«
Richard stand auf und ging, nachdem er aus seinem Arbeitszimmer das Adressbuch geholt hatte, in den Flur. Auf einer kleinen Kommode stand dort das Telefon.
Hannah blickte gedankenverloren aus dem Fenster und hörte Gemurmel aus dem Flur, strengte sich aber nicht an, um es zu verstehen. Sie war einfach zu müde.
Nach wenigen Minuten bereits kam Richard zurück und schwenkte einen Zettel in der Hand. »Alles klar. Ich habe die Adresse. Morgen vormittag, 8:30 Uhr hast du einen Termin bei einer Frau Dr. Norden, Fachärztin für Neurologie. Die Praxis liegt in einem großen Ärztehaus im Ostviertel. Wir müssten also gegen halb acht los, um rechtzeitig dorthin zu gelangen.“
»Wir?«
»Klar, ich begleite dich natürlich – außer, du widersprichst vehement. Hast du was anderes erwartet?«
Nein, habe ich nicht, dachte Hannah und lächelte. Für einen Moment waren diese Phänomene vergessen, und sie war glücklich.
Richard zog seine Freundin von der Couch hoch und warf das Kissen, das sie immer noch umklammert hatte, auf das Sitzmöbel zurück. »So, jetzt aber genug mit dem trübseligen Gerede. Ich schlage vor, wir bestellen uns was zu essen, und dann machen wir unsere Brettspielekiste unsicher.«
Er drehte sich um und ging erneut in Richtung Flur, wo an der Pinwand über dem Telefon die Lieferkarte ihrer Lieblingspizzeria hing. »Such du schon mal ein Spiel raus. Aber bitte eins, in dem der Zufall eine große Rolle hat. Ich will auch mal gewinnen.«
Ein neuer Freund
Marius verließ das Schulgebäude und ging auf den Pausenhof hinaus. Wie immer war er einer der Letzten und die anderen Schüler standen bereits in Gruppen zusammen, saßen auf den wenigen Bänken oder hatten sich in der Raucherecke versammelt. Um dem Andrang auf den engen Fluren zu entgehen, blieb er meistens noch so lange wie möglich im Klassenraum sitzen, oder er band sich die Schuhe zu, um den anderen danach langsam zu folgen.
Bei seinen Klassenkameraden war Marius durchaus nicht unbeliebt. Aber er hatte trotzdem keine richtigen Freunde, weil er sich meistens zurückzog und sich allein beschäftigte. Auch jetzt ging er auf die windgeschützte Ecke zu, die inzwischen zu seinem Stammplatz geworden war, und lehnte sich an eine Fensterbank.
Für einen Sommermorgen war es ungewöhnlich kalt. Marius schloss sein Blouson, steckte die Hände in die Taschen und dachte darüber nach, was er am Nachmittag unternehmen wollte. Nach den Hausaufgaben konnte er endlich sein neues Fahrrad austesten. Und danach musste er unbedingt das Science-Fiction-Romanheft lesen, das er sich gestern gekauft hatte. Seitdem er die Astronomiebücher seiner Schwester Hannah entdeckt hatte, ließen ihn solche Themen nicht mehr los.
Allerdings hatte sein Mitschüler Stefan ihn auch dazu eingeladen, zusammen ein neues Videospiel auszuprobieren. Sie saßen in der Klasse nebeneinander und verstanden sich gut. Aber Marius wusste, dass Stefan viele Freunde hatte und oft besucht wurde. Und in größeren Gruppen fühlte er sich nicht wohl. Er konnte nicht genau sagen warum, aber nach einiger Zeit bekam Marius das Gefühl, dass ihn plötzlich etwas bedrängte. Dann fand er irgendeinen Vorwand, um zu gehen. Hinterher fragte er sich jedoch immer, warum er das eigentlich getan hatte. Wann hatte das angefangen? Hatte er sich nicht in letzter Zeit verändert?
So bin ich früher eigentlich nie gewesen, dachte er.
Die Tür des Schulgebäudes öffnete sich und ein weiterer Nachzügler kam heraus. Marius blickte ihn nur flüchtig an und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder seinen eigenen Gedanken zu. Er hatte lediglich erkannt, dass es sich um einen Schüler aus einer höheren Klasse handelte.
Die älteren Schüler hielten sich meistens in einem kleinen Waldstück am Rande des Pausenhofes auf. Dort gab es einen Maschendrahtzaun mit einem großen Loch, durch das man auf den Parkplatz eines angrenzenden Supermarktes gelangen konnte. Dieser Schleichweg wurde in den Pausen oft benutzt, sofern sich gerade kein Lehrer in der Nähe befand. Dorthin ging nun auch der Nachzügler und sein Weg führte ihn dicht an Marius vorbei.
Marius blickte kurz auf, als der andere sich näherte, und kehrte dann wieder zu der Frage zurück, die ihn beschäftigte. Sollte er Stefan absagen oder nicht? Das wäre doch unfair, und außerdem hatte er durchaus Lust auf eine Videospielrunde.
Der Vollidiot soll Gras fressen! schoss es ihm durch den Kopf.
Verwirrt runzelte er die Stirn. Er hatte doch überhaupt keinen Grund, plötzlich wütend auf Stefan zu sein. Schließlich hatte dieser es mit der Einladung doch nur gut gemeint.
Wenn er vom Supermarkt zurückkommt, ist er endgültig dran!
Marius hatte plötzlich wieder das Gefühl, dass er am liebsten schnell weglaufen wollte. Er fragte sich ernsthaft, ob er vielleicht verrückt wurde. War Stefan denn überhaupt zum Supermarkt gegangen? Und warum sollte er ihn angreifen wollen? Es ergab einfach keinen Sinn!
Das alles war in Bruchteilen von Sekunden geschehen. Der ältere Mitschüler war gerade mit undeutbarer Miene an Marius vorbeigegangen, und die seltsame Empfindung verließ ihn so abrupt, wie sie gekommen war. Marius fühlte sich wieder vollkommen normal.
Das kann doch nicht wahr sein! dachte er fassungslos.
Er wusste, dass es bestimmte Geisteskrankheiten gab, bei denen Leute sich einbildeten, Stimmen zu hören oder fremde Gedanken zu empfangen. Aber dies hier war anders, als er sich so etwas vorgestellt hätte. Es war eher gewesen, als hätte er die Tageszeitung aufgeschlagen und eine Überschrift gelesen.
Und dann hatte jemand die Zeitung wieder weggenommen, und alles war wie vorher.
Entweder, dachte er, drehe ich langsam völlig durch… oder ich habe gerade die Gedanken von dem Typen gelesen… wie in den Romanheften… aber vielleicht habe ich auch einfach zuviel Fantasie. Heute ist wohl nicht mein Tag.
Trotzdem war er zu neugierig, um die Sache auf sich beruhen zu lassen. Er schlenderte langsam aus der Ecke heraus und folgte dem älteren Jugendlichen, der gerade hinter einem Nebengebäude verschwunden war.
Marius wusste nicht, wann er sich verrückter vorkommen würde: wenn der Jugendliche gleich tun würde, was ihm soeben durch den Kopf gegangen war oder wenn er genau das nicht tun würde.
Marius erreichte das Nebengebäude und spähte um die Ecke. Das Waldstück dahinter bestand aus eng beieinander stehenden Birken und Büschen. Man konnte nicht sehen, wer sich darin aufhielt, aber es waren Stimmen zu hören. Er drehte sich noch einmal um, doch es war kein Lehrer in der Nähe zu entdecken. Nur sein Stammplatz war mittlerweile von einem anderen Schüler besetzt worden. Dieser blickte ihm nach, aber darauf achtete Marius im Moment nicht.
Vorsichtig schlich er auf das Waldstück zu. Die Büsche waren so dicht, dass er auf dem Trampelpfad bleiben musste. Er konnte sich also nur bis zur nächsten Wegbiegung vorarbeiten und würde die anderen dann nach Möglichkeit belauschen. Marius verstand jetzt einige Sätze, aber dem Klang nach standen die Sprecher ein ganzes Stück weit von ihm entfernt, direkt bei dem Durchschlupf zum angrenzenden Gelände.
»Kommt er?«
»Nico hat noch nichts gesagt.«
»Ist der oben?«
»Klar.«
Sie warteten also tatsächlich auf jemanden, und einer von ihnen war auf den Wall geklettert, um den Parkplatz dahinter zu beobachten. Marius fragte sich, ob er träumte. Aber es bestand natürlich auch die Möglichkeit, dass es um etwas ganz anderes ging. Zum Beispiel brachten sich befreundete Schüler oft gegenseitig etwas aus dem Supermarkt mit.
Kurz darauf waren stampfende Schritte zu hören und Marius konnte jetzt drei Stimmen unterscheiden.
»Er kommt!«
»Los, hinter die Büsche, du Trottel!«
»Ist er allein?«
»Ja!«
Marius wurde schwindelig, und er wich zwei Schritte zurück. Aber dann wagte er sich doch wieder vor und versuchte, zwischen den Blättern und Zweigen hindurch etwas zu erkennen. Oben auf dem Wall tauchte eine Gestalt auf und kam langsam herab.
Sollte Marius ihr eine Warnung zurufen? Entweder würde er sich vollkommen lächerlich machen, oder die drei Jugendlichen würden auch ihn verprügeln. Marius war zwar relativ groß, aber nicht sehr kräftig gebaut und alles andere als ein Kampfsportler. Bevor er sich entschließen konnte, sprangen die drei aus ihrem Versteck hervor und zerrten den anderen zu sich herab.
Marius erkannte ihn: Es war Alexander, ein Schüler aus seiner Klasse.
Zwei der Angreifer hielten ihm die Arme fest und der andere, der zuvor an Marius vorbeigelaufen war, versetzte ihm einen brutalen Schlag in den Magen. Alexander sackte mit einem kurzen Aufschrei zusammen, und die anderen beiden stießen ihn zu Boden.
»So, das hat dir hoffentlich geschmeckt, du Lusche«, sagte der Anführer. Er schien von seiner eigenen Stärke beeindruckt zu sein und wandte sich grinsend ab.
»Und damit du Corinna auch wirklich in Ruhe lässt, verpasse ich dir gleich noch eins.«
»Sie ist nicht mehr deine Freundin«, keuchte Alexander. »Und außerdem habe ich nur mit ihr geredet!«
Damit schien er genau das Falsche gesagt zu haben, denn das Gesicht des Anführers verzerrte sich vor Wut, und er trat Alexander in die Seite.
Bevor Marius es selbst begriffen hatte, war er hinter den Büschen hervorgesprungen und schrie ihnen entgegen: »Hört sofort damit auf, ihr Spinner!«
Im gleichen Augenblick durchfuhr ihn die Angst, und sein Herz schlug doppelt so schnell wie vorher. Alle starrten ihn an. Der größere der beiden Helfer setzte sich in Bewegung und kam auf ihn zu. Marius rannte los. Seine einzige Chance war es, einen Lehrer zu finden.
In wenigen Sekunden war er bereits wieder auf dem Schulhof, doch sein Verfolger tauchte dicht hinter ihm auf und versuchte, ihn an der Jacke zu packen. Marius lief noch schneller, aber dieses Tempo würde er nicht lange durchhalten. Trotzdem musste er irgendwie das Schulgebäude erreichen!
Es befanden sich nur wenige Schüler in Sichtweite, und keiner von ihnen nahm Notiz von dem Geschehen. Nur der andere Mitschüler, der Marius zuvor nachgeblickt hatte, beobachtete die beiden jetzt aufmerksam.
Marius begriff, dass er es nicht schaffen würde. Gleich würde der Jugendliche ihn erwischen.
Da hörte er hinter sich einen überraschten Ausruf, gefolgt von einem schweren Aufprall.
Ohne sich umzudrehen, rannte er auf die Eingangstür zu, riss sie auf und hastete über den Flur. Schwer atmend bog er um eine Ecke und wurde sogleich am Arm festgehalten.
»Hey, hier wird nicht herumgerannt! Und in den Pausen habt ihr hier nichts zu-«
Der Lehrer unterbrach sich, als er sah, dass Marius offensichtlich einer Panik nahe war. Es war der eher unbeliebte und strenge Herr Meynert, aber das war Marius in diesem Moment vollkommen egal. So aufgeregt, dass er sich selbst beim Sprechen bremsen musste, berichtete er, dass es eine ernste Schlägerei gegeben hatte und dass sein Mitschüler Alexander Hilfe brauchte.
Zu seiner Überraschung setzte sich Herr Meynert nicht sofort in Bewegung, sondern zögerte einen Augenblick. Dann wies er Marius an zu warten und entfernte sich. Erst nach einigen Minuten kam er mit einem anderen Lehrer zurück, und sie gingen alle gemeinsam auf den Hof hinaus. Marius hatte das Gefühl, dass die beiden Lehrkräfte es nicht sehr eilig hatten, mit dieser Situation konfrontiert zu werden.
Erst zur vierten Stunde kehrte Marius in seine Klasse zurück. Sie hatten Alexander gefunden, der noch Schwierigkeiten beim Atmen gehabt hatte, sich aber bereits wieder zu erholen begann. Die anderen hatten sich anscheinend aus dem Staub gemacht. Alexander nannte die Namen der Jugendlichen. Sie wurden aus dem Unterricht geholt und stritten den Vorfall ab, aber Marius konnte alles bezeugen. Er wusste natürlich, dass er sich nun vor ihrer Rache in Acht nehmen musste, aber vorerst würden sie ganz mit den Konsequenzen beschäftigt sein, die ihre Tat für sie haben würde. Möglicherweise mussten sie sogar die Schule verlassen. Zumindest Tino, der Anführer, hatte sich bereits mehrfach etwas zuschulden kommen lassen. Daniel und Nico, die beiden Helfer, waren bisher noch nicht durch solche Aktionen aufgefallen.
Wie kann man nur Spaß daran haben, andere zusammenzuschlagen?überlegte Marius wütend. Drei gegen einen, das ist einfach fies. Aber wahrscheinlich wären sie allein zu feige.
Es hatte zur zweiten großen Pause geläutet, und Marius steuerte wieder seinen Stammplatz an. Doch dieser war bereits belegt. Der gleiche Mitschüler wie zuvor lehnte an der Fensterbank und lächelte ihn an. Er war etwas kleiner als Marius und hatte blassblonde Haare. Außerdem sah er ziemlich stämmig aus. Marius vermutete, dass er vor den drei Schlägern nicht so ohne Weiteres weggelaufen wäre. Außerdem schien er etwas älter zu sein als Tino und die anderen oder zumindest dem gleichen Jahrgang anzugehören.
»Hi«, sagte er. »Was war denn da vorhin los? Wollte der Typ dich fertig machen?«
Marius zögerte eine Sekunde, aber dann lächelte er ebenfalls und gesellte sich zu ihm.
»Ja. Sie haben jemanden aus meiner Klasse verprügelt und wollten mit mir wahrscheinlich das Gleiche machen, damit ich nichts sage. Hast du zufällig gesehen, was mit dem Kerl passiert ist?«
»Der muss wohl über seine eigenen Füße gestolpert sein und hat sich lang hingelegt«, sagte der Jugendliche lachend. »Ich bin Peter.«
»Marius.«
»Cooler Name, hört man nicht so häufig. Dagegen ist Peter richtig langweilig. So heißt ja jeder.«
»Ach, ich finde meinen Namen nicht so toll.« Marius begann, Peter sympathisch zu finden. »Gehst du in die Oberstufe?«
»Ja. Ich hatte da einen guten Kumpel, aber der hat jetzt die Schule gewechselt.« Peter zuckte mit den Schultern und seufzte missmutig.
Auf einmal dachte Marius wieder an die seltsame Wahrnehmung, die er gehabt hatte. Aber seitdem war alles normal gewesen. Er war zwar etwas ermüdet von der Aufregung, doch er fühlte sich gut. Trotzdem nahm er sich vor, später noch einmal gründlich über die Sache nachzudenken. Allerdings hatte er auch ein bisschen Angst davor.
Marius bemerkte, dass er zu lange nichts mehr gesagt hatte und dass Peter ihn forschend anblickte.
»Oh, das ist schade«, sagte er.
»Ja, der war echt nett.« Peter senkte kurz den Blick. Dann sah er Marius freundlich an. »Sag mal, hättest du Lust, mal vorbeizukommen?«
Marius hätte normalerweise nicht sofort zugesagt, aber an diesem Tag war bereits soviel passiert, dass er weniger Hemmungen hatte als gewöhnlich. Außerdem fand er Peters Gesellschaft angenehm.
»Klar. Wo wohnst du denn?«
»Richtung Süden, beim Industriegebiet.«
»Ah, da bin ich ab und zu mit dem Fahrrad unterwegs.«
Sie sprachen noch eine Weile miteinander und verabredeten sich für den nächsten Tag nach der Schule. Die Pausenglocke läutete und alle Schüler bewegten sich wieder auf die Eingänge zu. Peters Klassenraum befand sich in einem anderen Gebäudeflügel als der von Marius. Grüßend hob Peter die Hand und sagte dann noch im Weggehen: »Ach, ich hab’ ganz vergessen zu fragen, warum du dem Typen eigentlich nachgegangen bist. Aber das kannst du mir ja morgen erzählen. Ciao!«
»Ciao«, sagte Marius so ruhig wie möglich und ging zum Schulgebäude zurück.
Nach der letzten Unterrichtsstunde ging er zur Bushaltestelle und wartete zusammen mit den anderen Schülern. In einer halben Stunde würde er zu Hause am Mittagstisch sitzen. Seitdem seine Schwester nicht mehr bei ihren Eltern wohnte, aß er meistens allein. Früher hatten sie immer gemeinsam über ihre Tageserlebnisse geredet und waren danach wieder ihren eigenen Aktivitäten nachgegangen. Marius vermisste das. Aber sie besuchten sich auch regelmäßig, und darauf freute er sich immer. Allerdings hätte er Hannah gerade heute am liebsten alles sofort erzählt. Nur, wie hätte er ihr seine seltsame Wahrnehmung erklären können? Er verstand es ja selbst nicht. Nein, er konnte es niemandem sagen.
Aber wie würde er Peters Frage beantworten?
Während der Busfahrt kam ihm eine Idee. Er fühlte sich ein wenig seltsam dabei, aber vielleicht konnte er versuchen, die Gedanken einer anderen Person zu lesen, wenn er sich darauf konzentrierte? Dabei wurde ihm klar, dass er beim Busfahren in letzter Zeit oft Kopfschmerzen bekommen hatte und dann so schnell wie möglich ausgestiegen war, immer als erster. Es war ganz selbstverständlich gewesen, aber jetzt wurde es ihm erst wirklich bewusst.
Marius saß am Fenster, in der Reihe vor dem hinteren Ausstieg. Neben ihm hatte ein anderer Schüler Platz genommen, aber diesen wollte er nicht anstarren, da das zu auffällig gewesen wäre. Stattdessen entschied er sich für ein Mädchen in der übernächsten Reihe. Er konnte die Mitschülerin von der Seite sehen, weil sie mit ihrer Sitznachbarin sprach. Marius blickte sie an und versuchte, sich zu konzentrieren. Er wollte an gar nichts mehr denken und abwarten, ob er etwas wahrnehmen würde.
Aber es passierte nichts. Auch nicht nach einigen Minuten.
Allerdings bemerkte das Mädchen seinen Blick, und er sah schnell in eine andere Richtung. Zu allem Überfluss wurde er auch noch rot im Gesicht.
Das habe ich jetzt davon, dachte er und lachte sich innerlich selbst aus. Was für ein Unsinn. Ich habe heute Morgen wohl einfach irgendeine Intuition gehabt, sonst nichts. Und genau das werde ich auch Peter erzählen. Oder ich sage einfach, dass ich zum Supermarkt gehen wollte.
An der vorletzten Station seiner Strecke war Marius bereits aufgestanden und hatte sich an den Ausgang gestellt. Aus irgendeinem Grund wollte er so schnell wie möglich die beengte Situation neben dem anderen Schüler verlassen.
Er stieg als erster aus und ging den Rest des Weges zu Fuß.
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