Marie Paurois – (6) und die Fremden im Zug (Text)

Marie seufzte innerlich. Zu Hause, in Sahrow, hätte sie für jede noch so ausweglos erscheinende Situation irgendein Ass im Ärmel gehabt. Einen Plan B gab es immer. Einen verborgenen Fluchtweg auch. Doch hier war sie in der Fremde, zusammen mit lauter Leuten, die ihr genauso fremd waren wie die Gegend. Dazu noch gefangen. Ein Trost war: Die besten Ortskenntnisse sowie langjährig perfektionierte Routine hätten ihr in dieser speziellen Situation ohnehin nicht viel gebracht.

Maries Bahnfahrt zu ihrer Verwandtschaft endet in selten gekanntem Winterchaos. Noch dazu bleibt der Ersatzzug, den sie notgedrungen nehmen muss, mitten in der Landschaft liegen. Das Wetter und ein Stromausfall verhindern die Weiterfahrt. An Bord gibt es einen medizinischen Notfall. Zudem wird ein Mitreisender tätlich angegriffen. Auf unbekanntem Terrain gefangen, setzt Marie alles daran, den Hintergründen dieser seltsamen Vorfälle auf die Spur zu kommen. Dabei ahnt sie lange nicht, wie weitreichend das Ausmaß wirklich ist.


 

 

 

 


Leseprobe (I. Abschnitt)

Marie Paurois rechnete durchaus mit dem üblichen Chaos bei der Bahn, als sie am 2. Januar eine längere Fahrt anzutreten gedachte. Doch wie schlimm es wirklich werden würde, konnte sie nicht einmal erahnen.
Selbstverständlich kam Annika Hinrichs mit, als ihr Vater sich anbot, Marie zum Startpunkt ihrer Reise zu fahren, nach Hamburg, direkt zum Hauptbahnhof. Auf die Weise schenkte sich Marie zumindest das Problem, von Sahrow aus mit Bussen und Regionalbahnen die Stammstrecke erreichen zu müssen, von der sie im Intercity-Express ohnehin noch ausreichend sehen würde, zumal irgendwo zwischen Mölln und Lüneburg wieder mal Bauarbeiten stattfanden. Zeitgleich hatte sie einen Sparpreis für die Fernreise nutzen können, da sie die Fahrt bereits vier Wochen zuvor gebucht hatte.
Dass sie nicht die Einzige sein würde, die sich in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet jetzt eine Fernreise anzutreten, wo großes Schneechaos für die ersten Tage des neuen Jahres prophezeit worden war, wurde durch die Menschenmassen auf dem Hauptbahnhof mehr als offensichtlich.
Roland Hinrichs war vom Ausgang Ohnsorg-Theater an der ersten Hochebene bereits weitergefahren, da er hier in Hamburg bei einer großen Versicherung arbeitete. Annika würde per U-Bahn folgen, sobald Maries Zug abgefahren war.
Den richtigen der insgesamt vierzehn Gleisanschlüsse auf der Bahnsteigebene zu finden, war für die beiden kein großer Aufwand. Schwieriger war es, abzusehen, wann der ICE in Richtung Stuttgart eintrudeln würde.
Maries Endziel war Frankfurt am Main, von wo man sie am dortigen Hauptbahnhof abholen würde. Erstmals seit längerer Zeit würde sie ihren Onkel Rüdiger wiedersehen, der sich vor Jahren von der schleswig-holsteinischen Heimat aus nach Hessen abgesetzt hatte. Dessen Sippschaft kannte Marie bislang kaum.
Die verspätete Abfahrt des ICE war angekündigt worden, als Marie und Annika gerade die Rolltreppe verlassen hatten.
»Am liebsten käme ich ja mit«, meinte Annika. »Aber das werden meine Eltern wohl eher nicht erlauben.«
»Ihr seid doch ohnehin erst vor drei Tagen aus Griechenland zurückgekommen«, erinnerte sie Marie. »Wohlgemerkt, während ich tagsüber auf Gut Brambek geackert und nachts einen Gnom gejagt hatte.«
Annika hob die Schultern. »Ja, aber du weißt ja, was das größte Problem mit Urlauben ist: Sie sind chronisch zu kurz. Außerdem weiß ich ja nicht, was ich die letzten Ferientage noch machen soll, so ohne dich.«
»Vielleicht die unvorhergesehenen Bauarbeiten an der Bahnstrecke nach Lüneburg aufklären«, meinte Marie grinsend. »Ich wittere, dass das ein Codewort der Bahn dafür ist, dass wieder Buntmetalldiebe unterwegs sind und die Oberleitungen rausgeschnippelt haben, um das Kupfer zu verwerten.«
Annika schüttelte den Kopf. »Das kriege ich doch in hundert Jahren nicht allein raus.«
Marie hob die Schultern. »Dann wirst du wohl auch auf dem Gut ackern müssen. Abends kannst du dann ja lesen.«
»Klingt sinnvoll. Wenn alles versagt, schreib ich dein Fallprotokoll vom letzten Mal nochmal sauber ab.«
Marie zog die Augenbrauen hoch. »Willst du damit sagen, meine Handschrift ist nicht schön genug?«
»Die geht klar«, gab Annika zurück. »Aber ein Archiv führt sich einfacher, wenn man alles digital vorliegen hat. Papa macht aktuell dasselbe mit seinem Zeitungsarchiv.«
»Dafür ist es auch anfälliger für Störungen – also ist ein analoges Backup sicherer«, wandte Marie ein. »Ich sag immer: Wer schreibt, der bleibt.«
In diesem Moment rauschte auf dem Gleis neben ihnen ein langer, weißer Zug mit roten Streifen an der Seite aus Richtung Altona kommend heran. Irgendwo vernahm man eine Trillerpfeife, wohl um die Fahrgäste darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich von der Bahnsteigkante entfernen sollten.
»Planmäßig zehn Minuten drüber«, meinte Annika lachend. »Dann komm mal gut an da unten.«
Marie erwiderte: »Darauf habe ich um einiges weniger Einfluss, als mir lieb ist.«
Eine letzte Umarmung wurde ausgetauscht. Dann schnappte sich Marie ihren Koffer und ihre Reisetasche und folgte den hoffnungsvoll gestimmten Massen zu einer der Zugtüren.

[…]


DOWNLOAD: (58 Seiten; ca. 17.400 Wörter)





 


BoardHQ – Community Kreativwerkstatt

Infos zu dieser Produktion: Beitrag im Bandenboard

Format: Geschichte zum Lesen


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